Sehen und Betrachten

Die deutsche Sprache bietet uns für das visuelle Wahrnehmen eine Vielfalt von Begriffen an. Wir können schlicht etwas sehen, wir können einen Baum am Ufer anschauen, wir können dieses Bild betrachten, wir können mit den Augen erfassen, was sich uns darbietet. Ebenso können wir formulieren, dass wir etwas sichten, erblicken, schauen, erspähen oder auch beobachten. Jedes Wort verändert ein wenig die Bedeutung dessen, was wir sehend tun.

Thomas Holtbernd

Zunächst ist die Aufnahme von visuellen Reizen ein fast mechanischer Vorgang. Wir sehen etwas und sind fest davon überzeugt, dass andere ebenso wie wir die Umwelt wahrnehmen. Reizt ein Abendhimmel unsere Gefühle, meinen wir ein wenig Sentimentalität zu spüren, so eignen wir uns das Gesehene als Stimmungsbild an. Wir wissen, dass es andere Menschen gibt, die nicht so empfinden wie wir und solche Stimmungen als romantische Gefühlsduselei abtun. Vor einer möglichen Verunglimpfung unserer Empfindungen schützen wir uns und behalten das Gefühlte für uns oder teilen es nur mit denen, die uns sehr nahestehen. Das Sehen und dadurch Ausgelöste verstehen wir nicht mehr als objektivierbar, wir wollen es als subjektive Erfahrungen schützen und behalten.

Betrachten

Wenn wir etwas betrachten, klingt ein meditativer Modus mit. Wir suchen im Gesehenen Antworten auf Fragen, die wir sehr allgemein im Kopf haben. Betrachtungen können vielleicht als ein inneres Sehen mit punktuellen Bezügen zur Wirklichkeit bezeichnet werden. Wir nutzen dieses Wort auch für interpretative Beschreibungen eines Buches. Eine Bildbetrachtung soll durch eine differenzierte Beschreibung, eine Erklärung, Erläuterung von Farben, Formen, Perspektiven usw. dem Bild mehr Sinn geben und den Betrachter bilden.

Anschauen

Hat die Betrachtung eher etwas Meditatives, schaut man sich etwas an, um es genauer zu analysieren. Einzelheiten sollen festgestellt werden, was bei einer Betrachtung zwar auch wichtig sein mag, aber mehr, um das Ganze zu verstehen. Aus dem Schauen kann sich dann eine Anschauung ergeben. Aus dem Betrachten heraus erfolgt keine Weltanschauung, es ist eher die Art und Weise, wie man die Welt anschaut. Eine Beobachtung klingt noch mehr nach Analyse, das Sinnige und Sinnliche wirken dabei eher störend. Sichten wir etwas, so meinen wir einmal, dass wir etwas Erwartetes erblickt haben oder auch, dass wir uns Dinge vornehmen, um sie zu ordnen.

Innen und Außen

Immer, wenn uns ein Reiz in unseren Gefühlen berührt, ist unsere Wahrnehmung mehr als ein technischer Vorgang. Gefühle können so stark angesprochen sein, dass wir weinen oder lachen, dass wir Freude oder Trauer empfinden. Was wir sehen, kann von diesen Gefühlswallungen völlig verändert werden. Im Nachhinein wundern wir uns dann, was wir gesehen haben wollen. Erklären kann man dies durch die eigene Biografie. Bilder stoßen an Erinnerungen, vielleicht sogar an Fantasien. Man hat jahrelang von einem Traumhaus geträumt, sich zahlreiche Bilder von Häusern angeschaut und dann steht man vor einem Haus, das so viele Ähnlichkeiten mit dem Wunschbild hat, dass man gerührt ist. Ein auf das Individuelle reduzierte Erklärungsmodell reicht jedoch nicht aus, um z. B. nachvollziehen zu können, dass wohl die meisten Menschen von einem Sonnenuntergang am Meer gerührt sind. Kulturelle Prägungen ließen sich als Argument anführen. Doch eine solche Argumentation lässt die Frage aufkommen, was als Prägung genau gemeint ist: das Phänomen als solches oder die Beschreibung? Intuitiv würden viele Menschen antworten, dass solche Bilder einfach im Mensch verankert sind. Wahrscheinlich ist die Frage nicht so einfach zu klären. Der Mensch ist ein Teil der Natur und gleichzeitig hebt er sich daraus hervor, ohne sich ganz von seiner Natur trennen zu können. Wie der Mensch diese Grenze bestimmt, haben sich viele Philosophen gefragt. Vielleicht ist die Betrachtung der Zustand, in dem der Mensch die Antwort auf diese Frage beiseiteschiebt und zwischen Natur und Nicht-Natur oszilliert. Der Mensch ist dann berührt, weil er einerseits schutzlos seiner eigenen Natur ausgeliefert ist und anderseits keine Gefahr verspürt, sich in dieser seiner Natur zu verlieren.

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