Gott – ein Postulat der Vernunft: Richard Schaeffler

Der Kosmos vermittelt nicht mehr die Ahnung eines ordnenden Geistes. Auch das menschliche Subjekt ist sich seiner nicht mehr sicher. Es scheint, dass die Philosophie keine gültigen Aussagen über den Menschen und seinen Ort im Ganzen machen kann. Daraus folgt logisch der Naturalismus, der das Menschliche den Naturvorgängen überantwortet und damit den Menschen als freies Subjekt nicht mehr denken kann. Auch eine Moral lässt sich nicht mehr verbindlich begründen. Wir werden von unseren Gehirnvorgängen gesteuert. Das scheint die Logik der Geistesgeschichte der Moderne zu sein. Wie kann die Philosophie das Subjekt wieder in seine Freiheit einsetzen und die endliche Vernunft mit dem Absoluten wieder in Beziehung setzen?

Erst die Philosophie generiert aus Eindrücken Erfahrung

Richard Schaeffler kapituliert nicht vor diesem Abschied von dem, was die Neuzeit seit Descartes, Spinoza und Leibniz neu zum Verständnis des Menschen erbracht hat. Er setzt bei den regulierenden Ideen Kants an. Um die Vielzahl der Eindrücke, Erfahrungen, empirischen Daten zuzuordnen, braucht es die Idee einer Welt. Diese Welt, der Kosmos ist unsere Erkenntnis nie direkt zugänglich, sondern nur als ordnende Idee. Eine solche Idee brauchen auch die religiösen Erfahrungen, S. 85ff, um nicht einzelne erhellende Bewusstseinszustände zu bleiben, sondern sie im Gottesgedanken zusammenzuführen. Die Notwendigkeit von Philosophie ist damit plausibel gemacht. Schaeffler bleibt auf den Denkwegen der neuzeitlich Vernunftkritik, indem er nicht eine Sicherheit verspricht, die in Gott oder im menschlichen Subjekt eine unverrückbare Basis findet. Vielmehr bleibt Gott erst einmal eine Vorstellung, ein Postulat, ohne das die zerbrochene Identität des Subjekts nicht geheilt werden kann. Dieses Subjekt findet sich in einer brüchigen Welt und Gesellschaft vor, die durch keine der Revolutionen und Reformen zu der Gestalt gefunden hat, in der der Mensch sich aufgehoben fühlen könnte, S.25ff. Er muss im Vorläufigen sein Leben entwerfen und kann nicht auf die völlig in sich befriedete Gesellschaft warten, um sich mit seinem Lebensauftrag einzubringen.

Der Gedankengang wird ohne Abschweifungen entwickelt

Die hier angedeutete Linie der Gedankenführung wird vom Autor gradlinige dargestellt. Er verwirrt nicht durch eine Vielzahl von Zitaten, sondern lässt den Leser durch eine überschaubare Gliederung dem Gedankengang folgen. Auch wenn er sich auf andere Philosophen bezieht, so vor allem auf Kant, bleibt er bei seinem Gedankengang.

Philosophie als Einübung für den Vernunftgebrauch

Der Leser wird im Fortgang des Philosophierens mitgenommen und übt unmittelbar ein, wie nicht ein einzelner Beweis, eine einzige Schlussfolgerung zum Angelpunkt eines philosophischen Systems wird, sondern wie er in der Entwicklung des Denkens die eigene fragile Existenz so in das Ganze einbringt, dass die Hoffnung zum tragenden Grund wird. Das zeigt vor allem das 2. Kapitel über den „Mut zur Partikularität und die Kritik an der Frage nach dem Sinn des Ganzen“, ausgeführt auch auf den Seiten 60ff. Die Beobachtungen, die hier ausgewertet werden, lohnen der wiederholten Lektüre, weil sie nicht nur aus erfahrungsfundierter Klugheit erwachsen, sondern auch politische Tendenzen in ihrem utopischen Charakter durchsichtig machen. Überhaupt gibt der Autor an vielen Stellen Hinweise, wie eine philosophisch beschreibbare Einstellung zur Welt im Ganzen sich in konkreten Verhaltensweisen, auch religiösen Fehlhaltungen, umsetzen.

So wird eine Philosophie nicht als abgeschlossenes System vorgestellt, sondern ein Denken eingeübt, das die endliche Vernunft ermutigt, nicht zu verzweifeln und sich auch nicht in die Arme der naturwissenschaftlichen Deutung des Menschen zu verabschieden, sondern die für das Gelingen des Lebens entscheidenden Dimensionen zu erkunden, nämlich dass der Mensch seinen Platz in dieser Welt findet, nicht an den Schuldverstrickungen verzweifeln muss, aus dem Vorläufigen heraus eine verantwortete Lebenspraxis entwickeln und nicht isoliert von anderen sein Leben absolvieren muss. Philosophie als Faktor für die Gestaltung des eigenen wie des Gesellschaftlichen Lebens ist für ein europäisches Selbstverständnis unaufgebbar.

Leitlinien für theologische Fakultäten

Da für die katholischen  Universitäten und Fakultäten vom Vatikan der Ausbau der Philosophie mit 5 Lehrstühlen gefordert ist, braucht es auch die entsprechende Philosophie, die diese formale Forderung mit Inhalten füllt. Schaeffler, der in Bochum und dann an der philosophischen Hochschule in München gelehrt hat, zeigt im Kapitel über „Vernunftdialektik und postulatorischer Gottesglaube“, dass das Denken nach den Fehlschlägen der Moderne nicht aus sich heraus zu einer integrierenden Weltsicht gelangt, sondern in der Vielfalt von Weltsichten stecken bleibt. Erst der Gottesgedanken ermöglicht es der Vernunft, im Dialog mit der Wirklichkeit das Subjekt nicht aufzulösen, sondern im Denken zu halten.

Mut zur Vernunft ist auch eine Prämisse, der sich die neue Studienordnung der katholischen Theologie in Deutschland gestellt hat. Die Themenfelder der Theologie integrieren in „Modulen“ sowohl Philosophie, Theologiegeschichte und systematische Reflexion. Das Projekt wird von den Studierenden als sinnentleerte Lernmaschinerie und von den Lehrenden als gescheitert beurteilt. Das liegt möglicherweise an der Schwäche der Philosophie, die sich in der Beschäftigung mit der Philosophiegeschichte den Blick für die Chancen ihres Faches durch die neue Studienorganisation versperrt hat. Auf den Seiten 59-62  kann man nachlesen, wie Schaeffler mit leichter Hand den Sakramentenbegriff, Auferstehung und Zweinaturenlehre, die auf den ersten Blick theologische Spezialthemen zu sein scheinen, philosophisch erschließt. Auf den Seiten 66ff und dann wird die zentrale Lösungsperspektive entwickelt:

Die Postmoderne Vernunft braucht ein Subjekt, das alles überblickt

Die Vernunft kann sich nicht allein aus sich selbst heraus so verstehen, dass sie das Subjekt als selbstbestimmte Freiheit und den unbedingten Anspruch zur Sittlichkeit sichert. Sie muss dieses Subjekt, also den konkreten Menschen, in den Dialog mit der Wirklichkeit einweisen, weil diese immer größer, überraschender, versöhnender dem Menschen entgegentritt, als die Weltsicht, die die Vernunft aus sich heraus gewinnen kann. Postulatorisch ist der Gottesgedanken deshalb, weil nur Gott die Gesamtheit der Welt überblickt, die sich für die menschliche Vernunft der Nachmoderne in viele, nicht miteinander vereinbare Sichtweisen aufgelöst hat. Nur wenn einer das Gesamte im Blick hat, kann die menschliche Vernunft auf ihre Urteilskraft weiter vertrauen. Indem sich der Mut zum Vernunftgebrauch im Leben bewährt, gewinnt das Postulat der Gottesvorstellung an Plausibiltät. Wie Schaeffler Parallelen zu dem Zeugnischarakter religiöser Überzeugungen zieht, sei der Lektüre empfohlen, S. 74 ff. Wenn die Vernunft den Gottesgedanken nicht mehr deshalb ablehnen muss, weil dieser das unmittelbare Selbstverhältnis stört, sondern gerade das Subjekt aus dem Scheitern aller modernen Versuche der Vergewisserung befreit, kann sich die Vernunft dem Absoluten im Anspruch der Wahrheit und der Geltung des Ethos öffnen.

Eckhard Bieger S.J.

Richard Schaeffler, Unbedingte Wahrheit und endliche Vernunft, Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis, Verlag SpringerVS, 239 S., Wiesbaden 2017

 

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