Balzac auf dem Weg zur Sonne

Künstler leiden unter fehlender Anerkennung und versiegenden Geldquellen. Sie leben in Dachkammern und schützen sich mit einem Schirm vor dem Regen, der durchs undichte Dach tropft, wie es Carl Spitzweg gemalt und sich in das Bewusstsein vieler eingebrannt hat. Einige wenige Opernstars, Musiker, Schauspieler oder Maler wie Salvator Dali leben bzw. lebten wie Diven, gönnen sich, was sie mit ihren Gagen bezahlen können. Und fast alle Stars haben Probleme mit der Liebe. Honoré de Balzac hatte alles, viel Geld und trotzdem Schulden, viele Liebschaften und eine große Liebe, für die er weit in die Ukraine reisen musste. Würde Honoré de Balzac heute leben, hätte er einen Werbevertrag mit einer Kaffeerösterei und könnte zumindest seinen enormen Kaffeekonsum auf diese Weise verlässlich absichern.

Thomas Holtbernd

Honoré de Balzac wurde 1799 in Tours geboren. Will man verstehen, was ihn bewegte und was seine Texte den damals lebenden Menschen bedeuteten, muss man etwas vom Lebensgefühl jener Zeit wissen oder erahnen können. Und man wird staunen. Balzac ärgert, dass seine Zeitgenossen nur daran denken, ihr Geld zu vermehren. In seinen Artikeln, Büchern und Aufsätzen analysiert er die Zustände in der Gesellschaft. Er nennt sein Werk daher auch Comédie Humaine, die menschliche Komödie. Es ist nicht der Gang durch die Hölle wie bei der „Divina Comedia“ von Dante, es ist mit Sartre formuliert: Die Hölle, das sind die anderen. Und Honoré de Balzac befand sich in einem Zustand infernalischer Paranoia, wurde ständig von kleinen Teufeln verfolgt, die von ihm Geld wollten, ständig stand ein Vertreter eines Inkassounternehmens vor seiner Tür.

Ab in den Osten

Honoré de Balzac verband seine Romanfiguren in einen Zyklus, sie tauchen immer wieder auf und so entsteht eine Wirklichkeit, die irgendwie unrealistisch ist und doch die Wirklichkeit des Erlebens sehr deutlich spiegelt. Diesen schriftstellerischen „Trick“ oder diese Methode nimmt Heinrich Peuckmann auf und lässt Honoré de Balzac mit dem Zug in die Ukraine fahren. Balzac war durch seine exzessive Arbeit und den übermäßigen Kaffeekonsum gesundheitlich angeschlagen und wollte sich bei seiner großen Liebe Ewelina Hanska  erholen. Dieser Wunsch war ihm nicht vergönnt, er starb 1850 nach seiner Rückreise. Aber er hatte am 18. August 1850 Ewelina Hanska geheiratet. So war seine Fahrt in die aufgehende Sonne gleichzeitig der Untergang: „Was er nicht bemerkte war, dass es das Licht einer untergehenden Sonne war.“

Im Abteil

„Die lange Reise des Herrn Balzac“ ist wie ein Theaterstück, die Kulisse bildet ein Zugabteil, das an Bahnhöfen verlassen wird, um zur Toilette zu gehen, einen Kaffee zu trinken oder einfach nur frische Luft einzuatmen. Der Protagonist begegnet den Mitreisenden, gleichzeitig treten Gestalten auf, die der Schriftsteller in seinen Romanen hat auftreten lassen und immer wieder ist da ein mysteriöser Herr, der Balzac verfolgt und wie er vermutet, Schulden eintreiben will. Erzählte Episoden sind manchmal Rückblenden, dann wieder konkrete Betrachtungen, wie etwa die Einfahrt in den Kölner Bahnhof und das Erleben des Kölner Doms. Und immer wieder schleichen sich Figuren aus der Fantasiewelt des Schriftstellers in das Erzählte.

Balzac und die Zeit verstehen

Der Roman von Heinrich Peuckmann macht mit Balzac bekannt, seine Biografie fährt wie ein Zug vorbei und vor allem schafft es der Autor, dass der Leser das Gefühl bekommt, der deutsche Text sei mit französischen Untertiteln versehen. Das ist genial und einfühlsam gemacht. Und bei der nächsten Zugfahrt rekonstruiert sich der Roman und wenn man sich nicht sehr auf die Wirklichkeit konzentriert, kann es sein, dass man Mitreisende auf Französisch anspricht. Eine wichtige Frage bleibt allerdings, wenn man das Buch gelesen hat: Warum steht „Die lange Reise des Herrn Balzac“ nicht auf den Bestsellerlisten?

Heinrich Peuckmann, 2016. Die lange Reise des Herrn Balzac. Leipzig: Verlag Lychatz, 19,95 Euro

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