Von der Lust zur Einsamkeit

Auf der Bank sitzt ein Mensch. Die Bank steht vor einem Altenheim. Die Fantasie fügt dem Gesehenen fast automatisch die Assoziation hinzu: Das ist ein einsamer Mensch. Vielleicht ist dieser Mensch jedoch weder alt noch fühlt er sich einsam. Unsere Gedanken über einen Menschen, der irgendwo allein ist, verbinden sich möglicherweise deshalb so schnell mit Einsamkeit, weil wir die frühe Mutter-Kind-Beziehung stark idealisieren und deshalb im Erwachsenenalter keine adäquate Alternative finden, wie es der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke meint.

Thomas Holtbernd

Foto: hinsehen.net

Der Philosoph Odo Marquardt sprach in einem Vortrag aus dem Jahre 1983 vom Zeitalter der Einsamkeit. Sein Anliegen war es nicht, eine Zeitanalyse vorzulegen, die das Phänomen Einsamkeit erklären würde. Dem Philosophen war es an der Frage gelegen, wie es zum Verlust der Einsamkeitsfähigkeit gekommen war. Odo Marquardt behauptet einen Zusammenhang zwischen Vermassung und psychischer Abwehr gegen zu viel Nähe. Um die Bedrängnis durch die Masse an Menschen auszuhalten, entwickelt der moderne Mensch eine Gleichgültigkeit. Als weiteren Aspekt moderner Gesellschaft benennt Odo Marquardt die wachsende Mobilität, durch die Gruppen, Familien, Nachbarschaften zerrissen werden. Und drittens sieht Odo Marquardt im Ruf nach Gleichheit eine Ursache für die Unfähigkeit zur Einsamkeit, denn wo nur noch Gleichheit gesellschaftsfähig ist, wird der Ungleiche ausgeschlossen und Alleinsein ist negativ konnotiert.

Gruppenarbeit

In Schulen und Universitäten steht Gruppenarbeit ganz oben auf dem Programm. Unternehmen verlangen Teamfähigkeit. Es gibt eine Konjunktur der Gruppe. Überall werden Gruppen gebildet: Projektgruppen, Selbsthilfegruppen, Wohngemeinschaften, Fahrgemeinschaften, Arbeitskreise usw. Der Unmut, den manche bei dieser Überbetonung empfinden, rührt vielleicht daher, dass sie hierin ein Anti-Einsamkeitsmittel (Marquardt) spüren. Das Phänomen Gruppe muss allerdings differenziert betrachtet werden. Es gibt Erfahrungen in Gruppen, die jeder einzeln macht, die Gruppe bildet dabei quasi das stützende oder animierende Umfeld. Daneben gibt es Gruppen, die mit dem Ziel gebildet werden, dass ein gemeinsames Ergebnis angestrebt wird. In solchen Gruppen darf niemand ausscheren. Gruppen können so strukturiert sein, dass man schnell den Anschluss verliert, wenn man nicht mitmacht. Gruppen können jedoch auch eine gewisse Beliebigkeit der Verbindlichkeit vorgeben. Im einen Fall wäre Einsamkeit eine Verlusterfahrung und im anderen Fall eine Verzichtserfahrung (Hans-Georg Gadamer).

Die Lust, anders zu sein

Ein Kind, das sich von den Eltern oder Erziehungspersonen wegentwickelt, tauscht die Lust auf seine Eigenheit mit dem sicheren Gefühl der Geborgenheit. Je besser sich eine innere Instanz der Mutterbindung gebildet hat, desto größer ist die Unbeschwertheit im Werden des Besonderen. Gruppen werden aufgesucht, um in den Anderen das Andere und damit Angebote für die eigene Andersheit zu entdecken. Einsamkeit als freiwilliger Rückzug und bewusstes Alleinsein ermöglicht eine Weltfremdheit, eine Distanz zum gesellschaftlichen Sein der Person. Das Erfahren oder auch Hineinfantasieren in das Anderssein erhöht die Kommunikationsfähigkeit. Aus der Einsamkeit bringt die Person die Bewusstheit des Andersseins mit, die so eine Polarität darstellt und in der Gruppe eine lebendige Dynamik erzeugt, da Eigensinnige sich nicht in einen Mainstream begeben. Oder: „Je weniger Kommunikation jemand braucht, um so mehr Kommunikation gelingt ihm; je einsamer einer sein kann, desto weniger ist er es.“ (Odo Marquardt)

Einsamkeitsfähigkeit

Assoziieren wird mit dem Bild eines Menschen allein auf einer Bank vor dem Altenheim schnell Einsamkeit in eher negativer Bedeutung, so stellen wir uns Künstler meist als einsame Menschen an ihrem Schreibtisch, ihrem Atelier, allein auf einer Bühne o. ä. vor. Der Ort, wo ein Können entfaltet wird, ist meist ein einsamer. Umgekehrt könnte man sagen, ein Können kann sich nur bilden, wenn der Mensch zur Einsamkeit befähigt ist. Die Entwicklung von Fähigkeiten, Fantasie, Genialität ist verbunden mit dem Gefühl von Zufriedenheit oder einem gelungenen Leben. Es erklärt sich, warum Menschen in die „Wüste“ gehen; dort sind sie frei von Ablenkungen und können ihre Potenziale im Kampf mit sich selbst erproben, um dann in Gesellschaft stark und kompetent auftreten zu können.

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