Räume der Stille – Religion an säkularen Orten

Im öffentlichen Leben entstehen vermehrt Andachtsräume für Menschen aller Religionen und Weltanschauungen. Das dort erlebte Miteinander kann Impuls zum interreligiösen Dialog geben und die eigene Religiosität bereichern.

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Haus der Stille an der Goethe-Universität Frankfurt

Die neuen Raumkonzepte sind Reaktionen auf religiöse und kulturelle Veränderungen der Gesellschaft. Sie antworten zum einen auf die stärker werdenden Forderungen nach muslimischen Gebetsräumen und gehen zum andern auf das Bedürfnis einer schnelllebigen Gesellschaft nach einem säkularen Entspannungsort ein. Vielerorts versucht man, einen einzigen Raum zu schaffen, der diesen verschiedenen Interessen gerecht wird. Jene Lösungsansätze sind zum einen der Raumnot in öffentlichen Einrichtungen geschuldet und zum anderen von der Überlegung getragen, dass ein gemeinsamer Raum einen Beitrag zu mehr Toleranz leisten kann. Damit stellen die neuen Raumkonzepte, die religiös-neutral als „Räume der Stille“ bezeichnet werden, eine neue architektonische Herausforderung dar.

Raum der Stille in der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil

Einen in Deutschland bisher einzigartigen Weg geht hierbei die Goethe-Universität Frankfurt. Für den Campus Westend hat man in eine große Lösung investiert und ein ganzes „Haus der Stille“ gebaut.  Das Haus der Stille wurde im Zuge der Neustrukturierung des Campus Westend vom Münchner Architektenbüro Karl und Probst entworfen. Äußerlich ist das Haus der Stille in das Gesamtkonzept des Campus integriert und zugleich davon unterschieden. Seine runde Form und niedrige Höhe sowie Holz als verwendetes Material setzten das Haus von den umliegenden Gebäuden ab und weisen auf die Besonderheit dieses Ortes hin. Seit seiner Eröffnung im Oktober 2010 steht das Haus mit seinen drei Stockwerken der multireligiösen Studierendenschaft zur Verfügung. Im Erdgeschoss liegt der neutrale und lichtdurchflutete Hauptraum, der bewusst ohne spezifisch religiöse Symbolik gestaltet wurde. Bewegliche Holzhocker dienen als Sitzgelegenheiten. Durch eine Empore wird der Raum um ein Obergeschoss erweitert, wobei das Haus architektonisch weder einer Kirche noch einer Moschee gleichen will. Religiöse Gegenstände, wie Bibeln und Gebetsteppiche, werden im Eingangsbereich in Schränken gelagert. Je nach Bedarf können sie individuell mit in den Raum gebracht werden. Im Untergeschoss befinden sich Toiletten sowie Wasch- und Umkleideräume für unterschiedliche kultische Bedürfnisse.

Gebetspraxis muslimischer Studenten

Abdurrahim Balci ist muslimischer Student und kommt fast täglich ins Haus der Stille. Der 21-jährige studiert Englisch und Islamische Theologie auf Lehramt. Für ihn und viele andere Muslime stellt das Haus der Stille eine große Erleichterung dar, das tägliche Gebet auch im Universitätsalltag zu praktizieren. In Balcis Alltag spielt das Gebet eine wichtige Rolle. „Für mich ist das Gebet nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern auch eine Möglichkeit, meinen Alltag, kurz hinter mir zulassen.“ Wie alle muslimischen Männer, erklärt er, beginnt er sein Gebet mit einer symbolischen Bewegung: Indem er seine Hände erhebt und seine Handrücken an seinen Ohren vorbei nach hinten bewegt, macht er sich klar, dass er den Alltag hinter sich wirft. Gerade in stressigen Tagen kommt er so im Gebet zur Ruhe.

Balci hält einen gemeinsamen Raum für alle Religionen und Weltanschauungen für eine gute Lösung. „Viele Menschen haben das Bedürfnis, in ihrem Alltag zu beten oder zur Ruhe zu kommen. Deshalb braucht es Orte, an denen das geht. Und wenn säkular bedeutet, dass der Staat neutral ist und alle Religionen gleichbehandelt, dann ist ein Raum, der von allen gleichberechtigt genutzt werden kann, doch eine gute Lösung.“

Strikte Ordnung ist notwendig

Das Mit- und Nebeneinander der Religionen, das durch die allgemein gehaltene Architektur ermöglicht werden soll, wird in Frankfurt durch eine Nutzungsordnung geregelt. Tagsüber ist das Haus zur Einzelnutzung geöffnet, um die Mittagszeit und abends gibt es verschiedene Veranstaltungen. Als Nutzungsvoraussetzungen gelten Toleranz und Respekt vor dem Glauben und den Gefühlen anderer. An der TU Dortmund ist ein ähnliches Projekt im vergangen Jahr gescheitert. Der dortige Gebetsraum wurde geschlossen, da einzelne Religionsgruppen den Raum für sich allein beanspruchten. Das Frankfurter Konzept mit klar formulierter Nutzungsordnung hingegen funktioniert erstaunlich gut.

Durch sein Engagement in der Islamischen Hochschulgemeinde (IHG) weiß Balci vom Austausch mit Hochschulgemeinden anderer Universitäten, dass es nicht überall ein Haus der Stille gibt. Mancherorts trifft man sich zum Beten im Keller. Im Gegensatz dazu findet er gut, dass das Haus der Stille ein würdiger Gebetsort, aber auch ein transparenter Raum ist, in dem jeder sehen kann, was vor sich geht. Er ergänzt: „Natürlich ist es skurril, wenn Leute mit Kopftuch und Bart zum Beten in den Uni-Keller gehen. Dann fragt man sich, was machen die da? Verstecken die sich? Und das Ganze bekommt einen gefährlichen Touch.“ Er ist überzeugt, dass ein multireligiös genutzter Raum dabei helfen kann, Rassismus und Vorurteile abzubauen.

Die Abendnutzung

Auch wenn das Haus der Stille tagsüber hauptsächlich von Muslimen genutzt wird, empfindet Balci es als Bereicherung, wenn er im Haus der Stille auf Angehörige anderer Religionen trifft. Christliche Studierende kommen meist abends ins Haus der Stille zu Veranstaltungen wie den „Ökumenischen Nachtgedanken“, Abendimpulse, die von der Evangelischen und Katholischen Hochschulgemeinde (ESG und KHG) organisiert werden und Möglichkeiten zu Austausch und Begegnung bieten. Obwohl es im Haus der Stille keinen aktiven interreligiösen Dialog gibt, bieten alltägliche Begegnungen und das Wissen um die gemeinsame friedliche Nutzung des gleichen Raums, Chancen und Impulse für mehr Toleranz zwischen den Religionen. Gleichzeitig können Erfahrungen mit der religiösen Praxis anderer auf wertvolle Weise irritieren und die eigene Religiosität bereichern.

Laura Müller

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