Musik als affektive Selbstverständigung

Was kann Musik? Ist ein Musikstück ein Wesen? Wie kommen wir darauf, dass ein Musikstück Freude ausdrückt, ein anderes Trauer oder wir bei einer „feierlichen“ Musik Haltung annehmen. Wir hören in einer bestimmten Stimmung eine entsprechende Musik oder lassen uns bewusst durch Musik in eine Stimmung versetzen. Es gibt gewisse Musikstücke, die gar zum Lachen reizen.  Solche Effekte der Musik sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Die Gründe oder Zusammenhänge, wie genau die Wirkung von Musik entsteht, machen wir uns dagegen selten bewusst.

Thomas Holtbernd

Zunächst lässt sich der Frage nachgehen, ob die Zuschreibungen rein subjektiv sind, also der eine Freude und der andere Hörer Trauer empfindet. Wäre dies so, dann ließe sich nur schwer begründen, dass Allgemeineres ausgesagt werden könnte. Allenfalls könnte dann der Effekt der subjektiven Empfindung als deutende Zuschreibung definiert werden. Dies würde bedeuten, dass die Stimmung nur zu einem sehr geringen Teil durch die Musik selbst erzeugt würde. Wenn allerdings zwei Hörer ein Musikstück in derselben Weise deuten, müsste gefragt werden, ob diese gleiche Deutung mehr ist als eine sozialpsychologisch zu erklärende Gleichzeitigkeit.

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Affekte als Ausdruck

Versteht man Musik als eine Ausdrucksform des Menschen, dann müsste sie mit anderen Affekten Ähnlichkeiten aufweisen. Das Ausdrucksvermögen des Menschen ist, wenn man so will, der Phänotyp von etwas, was vorbewusst ist. Ein Gefühl ist zunächst einmal ein Erleben, das sich irgendwie zum Ausdruck bringen will. Vor der sprachlichen Benennung oder Deutung reagiert der Körper, ohne dass der Mensch intentional ein Heben der Mundwinkel, ein Runzeln der Stirn, ein Herabfallen des Unterkiefers bewirkt hätte. Solche vorbewussten Abläufe bedürfen eines Zugangs, der über eine Begriffsanalyse oder argumentative Methode hinausgeht. Anderseits sind empirische Methoden oft mit nicht genannten Implikationen verbunden. Ein wissenschaftliches Vorgehen zur Erforschung der Expressivität von Musik bedarf der Reduktion und umgekehrt werden andere Erklärungen nicht ausgeschlossen. Ferner müsste der Untersuchungsgegenstand Expressivität als ein Element der Musik verstanden und Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen werden. „Gute“ Musik lässt sich nicht allein durch Expressivität erklären.

Emotionen

Musik kann analysiert werden nach Tonfolgen, Rhythmen, Harmonien usw. In der griechischen Philosophie versuchte z. B. Pythagoras, Musik mathematisch zu erklären. Mit diesem Modell können Ordnung, Übereinstimmung wie auch Unordnung beschrieben werden. In gleicher Weise kann das innere Erleben des Menschen erklärt werden. Aristoteles und Plato sehen in der Musik daher auch die pädagogische Möglichkeit, Tugenden und positive Charakterzüge formen zu können. In diesem philosophischen Ansatz wird deutlich, dass das Bemühen, einem musikalischen Werk affektive Bedeutung zuzuschreiben, einen Wertaspekt enthält. Wir halten das, was über eine reine Deskriptivität hinausgeht, für wichtig und wertvoll. Gleichzeitig verlangt das „Verstehen“ von Musik die Distanz zu den eigenen Emotionen und wäre von daher schon ein wichtiger Effekt in der Entwicklung zu einer gereiften Persönlichkeit.

Erwartungen

Emotionen sind auf etwas gerichtet, beruhen darauf, dass der Mensch unbewusst oder bewusst eine Erwartungshaltung aufbaut und mit dem entsprechenden Gefühl reagiert. Die Strukturen von Musikstücken spielen mit solchen Erwartungen. Das Ende vieler Musikwerke lässt den Schlussakkord ahnen, doch dann wird ein weiterer Anlauf genommen und der nächste Takt bildet noch immer nicht den Schluss. Musik, man könnte natürlich sagen, andere Künste ebenso, sind dem Alltag enthoben, lassen Gefühle erleben, die keine Konsequenzen haben und bieten einen Erfahrungsraum, der zwingend, betäubend oder auch manipulierend sein kann. Gleichzeitig ist ein Freiheitsraum gegeben, da z. B. das Nichtzuhören keine Sanktionen nach sich zieht. Musik kann jedoch auch so suggestiv sein, dass sich der Mensch in die evozierten Gefühle gefangen gibt. Musik als affektive Selbstverständigung zu definieren, bedeutet damit: „Das affektive Potential von Musik ist ambivalent.

Die integrative Untersuchung

Stefan Zwinggi, der in Zürich Philosophie, Flöte und Komposition studiert hat, legt mit seiner Erörterung über die musikalische Expressivität ein grandioses Grundlagenwerk vor. Er bietet einen Überblick der verschiedenen Theoretiker und Philosophen, die zu diesem Thema gedacht haben. An Beispielen wird konkret deutlich, wie bestimmte Aspekte zu verstehen sind. Gerichtet ist das Buch an Fachleute und Musiker. Doch die Lektüre lohnt sich auch für den interessierten Laien. Denn die Mühe des Verstehens erweist sich als ein Erringen von Freiheit durch die Musik.

Stefan Zwinggi, 2016. Musik als affektive Selbstverständigung. Eine integrative Untersuchung über musikalische Expressivität. Freiburg München: Verlag Karl Alber, 39,99 Euro

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