Der Kinofilm „Silence“: Kann es gerechtfertigt sein, dem Glauben abzuschwören?

Martin Scorsese hat basierend auf dem Roman „Schweigen“ von Shūsaku Endō den Kinofilm „Silence“ gedreht. Er handelt von der Christenverfolgung und der portugiesischen Jesuitenmission in Japan gegen Mitte des 17. Jahrhunderts. Teils historisch, teils fiktiv erzählt, mischen sich dramatische mit schönen und grausamen Szenen und stellen drängende Fragen: Wie weit kann man für den Glauben gehen, wie weit muss man gehen? 

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Foto: Kerry Brown/Concorde/dpa

„Geht hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur“ – Die japanische Jesuitenmission

Mit diesen Worten in antiquiertem Deutsch beginnt der Trailer zum Film. Der Missionsauftrag Jesu aus dem Markusevangelium drückt die Grundmotivation aus, mit der sich Missionare auf den Weg machen. Seit 1549, als Franz Xaver japanischen Boden betrat, gibt es eine christliche Mission in diesem Land. Waren die Behörden dem Christentum zunächst nicht feindlich gesinnt, änderte sich das Klima 1587 und es kam mehr und mehr zur Unterdrückung. Der Film beginnt mit der Darstellung des Jahres 1638, in dem die Christenverfolgung ihren grausamen Höhepunkt erreicht- geht hin und tötet alle Christen, die nicht abschwören.

Zwei Jesuitenpatres brechen nach Japan auf

Der Kampf gegen das Christentum hatte sowohl die Geistlichen als auch die Bevölkerung im Blick. Der Film beginnt nun, wie der Plot des Buches, mit einem Skandal:

„Dem Vatikan wurde eine Nachricht überbracht. Sie besagte, daß Pater Christovao Ferreira, den die portugiesische Gesellschaft Jesu nach Japan gesandt hatte, in Nagasaki der Grubenfolter unterzogen worden sei und dem Glauben abgeschworen habe.“ (Zitat aus Endōs Roman)

Pater Ferreira, übrigens eine historische, keine fiktive Person, soll also abgefallen sein. Der große Lehrer und Missionar, dessen Briefe stets Glaubensstärke und Tapferkeit auszeichneten, ist letztlich doch durch die Folter besiegt worden? Zwei junge Patres, Sebastião Rodrigues, der auf dem italienischen Jesuiten Giuseppe Chiara basiert und Francisco Garupe wollen dies nicht glauben und reisen nach Japan, um Pater Ferreira zu suchen. Scorseses Film inszeniert sowohl die Überfahrt als auch Japan in gewohnt prächtigen Bildern und beeindruckenden Szenen. Die Darstellung der jungen Patres ist jedoch nicht immer glaubwürdig. Die FAZ spricht von „junge[n] Stars mit Hipster-Referenzen“.  Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film insgesamt großes Kino ist.

Die Folter beginnt

Zunächst werden die jungen Jesuiten in einem Dorf von Untergrundchristen versteckt und machen, wozu sie geweiht wurden: die Sakramente spenden. Die Darstellung der Christen mag man als idealisiert kritisieren, aber sie ist dennoch beeindruckend, vor allem für den westlichen Zuschauer, so eine Glaubenstreue ist man nicht mehr gewohnt. Die Seelsorge für diese christliche Dorfgemeinschaft wird gleichzeitig die glücklichste Zeit der jungen Jesuiten in Japan sein.

Aber sie währt nicht lange, denn die werden entdeckt und die Folter beginnt. Von den Christen im Dorf werden einige gezwungen abzuschwören. Wer sich weigert wird im Meer gekreuzigt und von der Flut schrittweise ertränkt. Die japanischen Behörden sehen in Pater Sebastião jemanden, den sie zum Abschwören bringen können und beginnen ihre psychologische Folterung, während Pater Francisco keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Pater Sebastião wird in Käfige gesperrt und muss zusehen wie japanische Gläubige durch Folter grausam getötet werden. „Der Preis für deinen Ruhm ist ihr Leiden“, sagt der japanische Inquisitor zu ihm. Sebastião will standhaft bleiben, doch fühlt sich auch von Gott im Stich gelassen. Das Schweigen Gottes in all dem Leid ist die große Frage und auszuhaltende Spannung im Film. Dies zeigt Scorsese an einigen Szenen im Käfig und dunkler Nacht, aber es bleibt doch oft zu blass, um wirklich in die Abgründe der Existenz vorzustoßen. Die Szene, in der Pater Ferreira der Grubenfolter ausgesetzt wird und kopfüber blutend in der Dunkelheit hängt, vermittelt neben den Kreuzigungsszenen den stärksten Eindruck von Folter und Glaubenskämpfen und der Frage: Wo ist Gott? Jeder kann sich fragen, wie er in so einer Situation reagieren würde, keiner kann es wissen. So zeigt auch der Film: Einige schwören angesichts der Grausamkeiten ab, andere gehen in den Tod und schaffen es sogar noch in der Agonie die Psalmen zu singen.

Kulturkampf in Fernost

Aber warum diese brutale Christenverfolgung, warum die Folter, die Kreuzigungen? Der Inquisitor macht im Gespräch mit Pater Sebastião deutlich, dass es ihm darum geht, die japanische Kultur vor dem Christentum zu verteidigen. Das Christentum wird als fremde Bedrohung aus Europa empfunden, als Baum, der in den japanischen Sümpfen keine Wurzeln schlagen kann. „Die Wurzeln wurden grausam herausgerissen“, entgegnet Sebastião und liefert im Verhör vor dem Inquisitor eine scholastische Apologie des Christentums und seiner Wahrheit. Hier prallen nun Glaubensüberzeugung auf Glaubensüberzeugung, Kultur auf Kultur. Wer hat Recht und wie weit darf man gehen um das zu  verteidigen, was einem heilig ist und man bedroht sieht? „Wir hassen euch nicht“, betont der Inquisitor gegenüber den Christen. Er möchte nur nicht, dass Japan seine japanisch-buddistische Kultur verliert und geht daher in aller Härte gegen das Christentum vor. Der Zweck heiligt bei ihm die Mittel. Leider bleibt aber auch dieser Kultur- und Religionskonflikt zu blass. Was vollkommen unterbleibt ist eine Auseinandersetzung mit Kolonialisierung und politischer Unterdrückung. Denn Portugals primäres Interesse gilt ja nicht unbedingt der Mission, sondern der Kolonialisierung Japans, für die die Mission eine gute Vorbereitung ist. Die Ängste der japanischen Regierung sind nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, der Idealismus der Patres kann nicht immer vor der Realität bestehen.

„Ich bin ein gefallener Priester“

Zu der Realität gehört es, dass Pater Sebastião schließlich auf Ferreira trifft. Alle Gerüchte bestätigen sich. Ferreira hat abgeschworen, inzwischen Frau und Kind und schreibt Bücher gegen das Christentum. Aber dieses hat, so Ferreira, in Japan eh nie wirklich Fuß gefasst. Wenn die Japaner das Wort Gott sagten, meinten sie die Sonne. Die fernöstliche Kultur sei schlicht unvereinbar mit dem Christentum. Pater Sebastião widerspricht und hat Abscheu vor Ferreira.

Nachts, zurück im Käfig, besucht Ferreira Pater Sebastião und thematisiert das Schweigen Gottes. Gott rette nicht aus der grausamen Grubenfolter. Aber er, Sebastião, könne die Japaner retten. Der Inquisitor weiß, dass Pater Sebastião emotional verwundbar ist und zeigt ihm, wie er japanische Christen der Grubenfolter aussetzt. Der idealistische Pater erträgt die Grausamkeit nicht und bittet die gefolterten abzuschwören. Doch der Inquisitor ist nicht an den Japanern, sondern am Jesuiten interessiert. Er soll auf eine Christusdarstellung treten und damit abschwören, um die Japaner zu retten. Der ganze innere Kampf in Pater Sebastião steigert sich bis zum Äußersten. Er hört eine Stimme, die ihm das Abschwören gestattet. Diese Szene wirkt ebenfalls nicht glaubwürdig, die Stimme irgendwie unpassend, zu naiv im Ton, es ist unklar wer da spricht – Gott, die Versuchung, seine Verzweiflung?  Aber Pater Sebastião tritt schließlich auf Christus und bricht zusammen. Der Hähn kräht mehrmals. Sebastião folgt auch hier Ferreira nach. Er bekommt Haus und Frau und arbeitet nun gegen das Christentum. „In Nagasaki nennt man Sie den abgefallenen Paulus. Es gibt niemanden, der diesen Namen nicht kennt“, so schreibt Endō im Roman über Sebastião nach dem Abschwören. Als Kichijiro, ein Christ, der immer wieder scheitert, fällt und neu beginnt bei ihm beichten will entgegnet Sebastião, der nun einen japanischen Namen hat: „Ich bin ein gefallener Priester“. Ob er ihm die Beichte schließlich doch abnimmt, bleibt unklar. Glücklich scheint Sebastião jedoch nicht mehr zu sein.

„Wir können natürlich nicht wissen, was in der Seele des sterbenden Mannes in den letzten Momenten seines Lebens passiert ist“

„Alles, was mir bis heute widerfuhr, war notwendig, damit ich diese Liebe kennenlernen konnte. Immer noch bin ich der letzte Priester in diesem Land. Und es stimmt gar nicht, daß der Herr geschwiegen hat. Aber selbst wenn der Herr geschwiegen hätte – mein Leben bis heute erzählt über ihn.“

Mit diesem Monolog Sebastiãos lässt Endō den Roman enden. Anders als der Roman endet Scorseses Film mit Sebastiãos Tod. Der Leichnahm des Neujapaners, der nach seiner Abkehr alle christlichen Symbole finden und entfernen sollte, hat ein Kreuz   zwischen seinen Händen versteckt. Ist Sebastião also doch Christ geblieben?

Es gibt Quellen, nach denen sich zumindest Pater Ferreira am Ende wieder zum Christentum bekehrt haben soll. So schreibt Hubert Cieslik SJ über den Tod Ferreiras und die Frage, ob spätere Berichte stimmen, nach denen er sich doch am Ende dem Christentum zu wandte und als Märtyrer starb:

„Wenn also Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der europäischen Quellen bestehen, die von Ferreiras letzter Konversion berichten, so erzählen uns die mageren japanischen Quellen nicht mehr als das Datum seines Todes. Ob die optimistischen europäischen Berichte gut begründet sind oder nicht: Wir können natürlich nicht wissen, was in der Seele des sterbenden Mannes in den letzten Momenten seines Lebens passiert ist. Es wird wahrscheinlich immer ein Schleier des Geheimnises über den Fall von Christovão Ferreira bleiben.“

Diese Aussage mag auch für Sebastião, ja letztlich für jeden Menschen gelten.

Josef Jung

Literatur:

Shūsaku Endō, Schweigen, Graz/Wien/Köln 1977.

Hubert Cieslik, S. J, The Case of Christovão Ferreira, (Zitat: Übersetzung des Autors).

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