Karneval – die Gegenwelt

Die Ausgelassenheit an Karneval hat ihre Wurzeln in den Klöstern. Dort wurde vor dem Aschermittwoch noch einmal richtig gefeiert. Die Bürger haben das übernommen und der Ausgelassenheit eine regionale Färbung gegeben. Es geht jeweils um eine Gegenwelt, die die Fastenzeit deutlicher in ihrem Sinn präsentieren soll. In München hat man die Tradition der italienischen Maskenbälle übernommen, im Rheinland ist der Karneval politisch, der Elferrat erinnert an die Jakobiner, die in der französischen Revolution ein solches Gremium bildeten, um sich bewusst von der Zwölfzahl der Apostel zu unterscheiden.  

Die religiöse Formung des Karnevals

Mittelalterliches Denken zeigt sich gerade in den Masken, denn sie stellen die Laster dar und sind damit ein Vorspiel für die Fastenzeit, in der es um die Reinigung von den Sünden und eine vertiefte Distanz gegenüber dem Bösen geht. Im Karneval wird die Welt auf den Kopf gestellt, Wichtigtuerei und Überheblichkeit karikiert, auch das als eine sinnvolle Einstimmung in die Bußzeit vor Ostern. Der Ursprung dieser Vorstellung stammt von Augustinus, der in seinem Gottesstaat eine Zweireiche-Lehre entwirft, das Reich des Bösen, das von Dämonen beherrscht wird, zu denen auch die heidnischen Götter gezählt werden, und das Reich des Sohnes Gottes. Ehe sich die Christen in der Fastenzeit wieder intensiver dem Reich Gottes zuwenden, zeigt ihnen der Karneval die Nichtigkeit des Weltlichen und die Fratzen der Laster.

Im Mittelalter hat man eine eigene Symbolik für die Fastnacht entwickelt, die sich bis heute im Alemannischen erhalten hat. Das Fastnachtstreiben, durch Einfluss der Klöster auf die Zeit vor den Aschermittwoch gelegt, bot die Möglichkeit, dem Reich des Guten, das in der Fastenzeit zur Herrschaft kommen sollte, das Gegenbild entgegenzuhalten. Schon romanische Kirchen zeigen seltsame Fratzen. Wasserspeier sind als Drachenköpfe geformt, Löwen, Wölfe, Bären und andere Tiere schauen den Kirchgänger bedrohlich an. Diese Tiergestalten sind dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes entnommen. Der Drache z.B. stellt der Frau mit dem Kinde nach. Als sie in die Wüste entkommt, speit er ihr einen Wasserstrahl nach. (Kap 12,15). Deshalb haben die Wasserspeier die Gestalt eines Drachenkopfes. Dem Bösen wird eine Gestalt gegeben, damit man sich von ihm abwenden kann. Heute vergegenwärtigen wir uns das Böse in Thrillern und Horrorfilmen.

Der Narr mit Eselsohren. Foto: hinsehen.net

Der Narr mit Eselsohren. Foto: hinsehen.net

Der Narr 

Er ist durch die Narrenkappe gekennzeichnet. Seine Kopfbedeckung ist nicht die der heutigen Karnevalspräsidien, sondern eine Mütze mit Eselsohren, Hahnenkamm und Schellen. Die Schellen weisen darauf hin, dass der Narr unnötigen Lärm macht.
Der Narr im Sinne des Deppen ist der, der nicht über die richtigen Erkenntnisse und Einsichten verfügt, der vom Weg abgekommen ist, der Gott nicht als Heil erkennt. Manche Narren tragen einen Stock mit Narrengesicht, das Narrenzepter, das die eitle Selbstbezogenheit zum Ausdruck bringt. Der Stock hieß früher Marotte, was sich im heutigen Wortgebrauch für „Schrulle“ noch erhalten hat.
Da die Wiederbelebung des Karnevals gerade im Rheinland im Widerstreit gegen die preußische Herrschaft geschah, haben die von den Karnevalskomitees organisierten Sitzungen einen obrigkeitskritischen Grundton. Wenn aber die Maskenträger verspottet werden, dann gilt der Spott in der mittelalterlichen Deutung der Darstellung der sieben Laster. Für die Hoffart steht der Pfau oder das Pferd, der Neid wird durch den Drachen, der Zorn durch den Löwen, der Geiz durch den Fuchs, die Unkeuschheit durch Bock und Hahn, die Unmäßigkeit durch den Bär oder das Schwein und die Acedia, die Trägheit des Herzens, durch den Esel dargestellt. Der Ursprung des Wortes „Maske“ deutet in die gleiche Richtung. Das Wort heißt im Arabischen Verspottung und Scherz. Masken als Grimassen bedeuten, dass das Verspotten im Karneval nicht nur erlaubt, sondern geboten ist.
Im Mainzer Karneval sitzt die politische Prominenz und lässt sich von den Büttenrednern verspotten, so wie es die Rolle des Narren im fürstlichen Hofstaat war. Prinzen oder das Kölner Dreigestirn sind der närrische Hofstaat, dem im Karneval die Macht gehört. Dass die, die sich sonst wichtig nehmen, der Karneval für eine Zeitlang entthront, ist auch ein christlicher Gedanke.

Der Karneval endet mit dem Aschermittwoch, dann legen die Prinzen, Prinzessinnen und das Kölner Dreigestirn ihre Herrschaft nieder.

 Karneval ist nicht ökumenisch

Karnevalsbrauchtum findet sich fast nur in katholischen Gegenden, auch im Südwesten sind es die Orte in den alten Habsburger Besitzungen wie Rottweil, in denen Fastnacht gefeiert wird. Evangelische Gebiete sind deshalb karnevalsresistent, weil zur Zeit der Reformation das Karnevalstreiben solche Ausmaße erreicht hatte, dass die Grenze zur Fastenzeit nicht mehr eingehalten wurde. Das Späte Mittelalter und die Renaissance hatten eine Spaßgesellschaft hervorgebracht. Da die Reformation eine religiöse Neubesinnung forderte, war für die Ausgelassenheit des Karnevals kein Platz mehr.

Eckhard Bieger S.J.

 

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