Fundamente für die Nachmoderne

Es geht um das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft. Wie finden heutige Denker zu einer Begründung der Fundamente, auf denen Europa geistig gebaut werden konnte. An diesem 9. Band der philosophischen Reihe beteiligen sich 11 Autoren, um den „Grund des Seins“ freizulegen. Es geht in mehreren Anläufen um die Einsichten, die das besondere Gebilde „Europa“ hervorgebracht haben.

Die Idee Europas, wie sie mit den Karolingern eine erste Gestalt gewonnen hat, ist eine Synthese griechischer Philosophie, römischen Rechtsdenkens und der Christianisierung und damit Kultivierung der germanischen Invasoren. Um den anspruchsvollen Texten zu folgen, empfiehlt sich das Postscriptum des Autors, der in falscher Bescheidenheit sich an letzter Stelle einreiht, jedoch den Schlüssel liefert, unter welcher Zielsetzung die sehr verschiedenen Ansätze in dem Band zusammengestellt wurden. Ausgangspunkt ist eine Tagung zur Ehrung von Rémi Braque in Trier im Jahr 2012. Er war 10 Jahre lang Professor an der Universität in München in der Nachfolge von Romano Guardini auf dem „Lehrstuhl für Religionswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Religionsgeschichte und der christlichen Weltanschauung“.

Europa braucht ein geistiges Fundament

Sein Vortrag findet sich an vorletzter Stelle, sollte aber direkt nach dem Postscriptum gelesen werden, denn Braque macht deutlich, wie die Zukunft Europas mit seinem Geburtenmangel und damit zurückgehender Bevölkerung erst wieder gesichert werden kann, wenn nämlich die Bewohner des Kontinents nicht weiter der Unsicherheit eines Weltbildes folgen, das den Menschen als Produkt des evolutionären Zufallsprozesses sieht, hilflos den verschiedenen Kräften ausgeliefert, die die Gesellschaft bestimmen. Mit dem absoluten Sein und in der christlichen Denktradition, die in der Absolutheit Gottes gründet, gewinnt die menschliche Existenz eine Verankerung, die sie dem Zufälligen entkommen lässt und dem Zusammenleben eine Basis „im Bild vom Menschen“ verschafft. Die abgedruckten Referate suchen jeweils einen Zugang zum Sein zu erschließen. Mal wie eine universitäre Übung, so wie Robert Theis den „Weg Kants zu Gott“ nachzeichnet oder William J. Hoye das Denken des Thomas v. Aquin aufzeigt.

Neure französische Ansätze zum Sprechen über Gott

Rolf Kühn referiert die neuere französische Philosophie, die mit Emmanuel Levinas, Jaque Derrida und Jean Luc Marion die Kritik Heideggers an der Ontologie aufgreift, nämlich dass die Satzkonstruktion aus Subjekt, über das das Prädikat eine Aussage macht, das „Sein“, oder nach Heidegger das „Seyn“, wie ein endliches Objekt zur Sprache bringt und damit den Zugang zu dem verstellt, was seit der aristotelischen Metaphysik den einzelnen Wesenheiten erst das Dasein gibt. Erst das Sein lässt das Seiende sein. Die von Kühn referierten Neuansätze können sich auf Meister Eckart beziehen, finden jedoch keine Bezugnahme in den folgenden Beiträgen des Bandes, so über den Gottesbegriff, den Anselm von Canterbury mit seinem Ontologischen Gottesbeweis entwickelt hat, nämlich dass die Sprache mit „Gott“ ein Gegenüber des Denkens bezeichnet, das größer nicht gedacht werden kann. Eigentlich hätte man in diesem Beitrag von Markus Enders eine Bezugnahme auf den vorausgehenden Beitrag von Kühn erwarten können. Aber wie bei vielen anderen solchen Tagungsbänden fragt sich der Leser, über was die Autoren nach ihren Referaten diskutiert haben und warum sie sich nicht auf die anderen Beiträge beziehen. Möglicherweise sind sie gleich nach ihrem Referat wieder abgereist, so dass es den Tagungsteilnehmern überlassen blieb, sich eine Zusammenschau selbst zu erarbeiten. Das wäre jedoch möglich gewesen.

Unter dem Dach des Absoluten

Denn die Beiträge bieten ein gemeinsames Dach in der Wahrnehmung, dass das absolute Sein, der unbedingte Anspruch der Wahrheit in Denken immer präsent sind. Wir können nur mit den Substantiven und Verben denken und dann Aussagen über die Wirklichkeit machen, wenn wir uns im Raum des Absoluten bewegen. Diesen Blick eröffnet der Wiener Zisterzienser Dominicus Trojahn mit einer eindringlichen Analyse der Moderne, um dann bei Parmenides, Platon und Aristoteles die ersten Denkschritte in die „Erste Philosophie“ zu beobachten. Man wünschte sich hier sehr viel mehr Ausführlichkeit. Auch wünschte man sich nicht nur ein Referat über die neuen Ansätze französischer Denker, sondern welche Konsequenzen das z.B. für den Theologen und den Prediger haben sollte. Hier könnte als Bindeglied die Sprachphilosophie dienen, denn es geht um die Form, wie wir nicht nur sprechen, sondern denken. Der  Band führt den Leser zu verschiedenen Denkwegen die weiter abgeschritten werden müssen. Die Reihe im Springer-Verlag trägt noch viele Erwartungen mit sich.

Christoph Böhr Hrsg.; Zum Grund des Seins, Metaphysik, und Anthropologie nach dem Ende der Postmoderne – Remi Brague zu Ehren.

Eckhard Bieger S.J.

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