Schönheit des Alltäglichen

Menschen langweilen sich, Menschen fühlen sich einsam, es erscheint alles grau in grau. Als Mittel gegen das Alltägliche, Normale, Durchschnittliche werden Herausforderungen und starke Reize gesucht. Doch schnell ist das Außergewöhnliche Standard geworden und neue, besondere Erfahrungen werden angestrebt. Aus einer anderen Perspektive heraus betrachtet bedeutet dies, dass das Alltägliche abgewertet und dem Kleinen, Unscheinbaren achtlos begegnet wird. Der Mensch entfernt sich vom konkreten Umfeld. Es fällt ihm schwer, das Schöne im Alltäglichen zu sehen, weil das Angebot außerhalb so groß und verheißungsvoll ist.

Thomas Holtbernd

Martin Heidegger sprach von der Entfernungstendenz, durch die sich der Mensch von seiner Umwelt entfremdet. Hat sich der Mensch vom Konkreten entfernt, kann er auch die Phänomene nur noch als geistige Konstrukte erfahren. Das leibliche Spüren richtet sich auf Chimären, es kann nicht mehr durch die alltäglichen Dinge provoziert werden. Wie soll der Mensch dann der Natur, dem Leben, sich selbst gegenüber Ehrfurcht empfinden? Welche Bedeutung hat in Folge davon die Aufforderung, ökologisch zu denken und zu handeln? Es wird eine Kopfgeburt, die dann auch wieder nur von wirtschaftlichen Interessen vereinnahmt wird.

Die Rehabilitierung des Alltäglichen

Eva-Maria Heinze beleuchtet diese Problematik mit drei verschiedenen Zugangsweisen. Das Narrative gewinnt sie über Adalbert Stifters „Nachsommer“, ein Roman, der sprachlich exzellent das Alltägliche einfängt: „Ich bin oft vor den Erscheinungen meines Lebens, das einfach war, wie ein Halm wächst, in Verwunderung geraten.“ Der Schriftsteller ebnet sprachlich den Weg und richtet die Aufmerksamkeit auf das, was dem Menschen begegnen könnte, wenn er eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben im Sinne Albert Schweitzers entwickelt hat. Diesen Ansatz führt in gewisser Weise Martin Buber weiter, wenn er von einer lebendigen Begegnungskraft spricht, durch die der Alltag geheiligt werden kann. Eine Feststellung oder ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist, dass die Annäherung an das Thema durch eine wissenschaftliche Sprache verhindert würde. Die Deutung des Lebens,  z. B.  durch einen Roman, erlangt eine hohe Überzeugungskraft, weil sich die Sprache den Dingen anpasst und diese Wechselwirkung das Ding und die Begegnung damit konkret macht.

Eine solide Ethik

Umweltaktivisten haben sicherlich ein lobenswertes Anliegen, doch bleibt dieses knochenlos, wenn der Ausgangspunkt nicht in der Aufwertung des Alltäglichen in seiner Schönheit genommen wird, die Qualität sich nicht im adäquaten Umgang mit den alltäglichen Dingen zeigt. Ein wenig vereinfacht bedeutet dies, der Aufkleber von Greenpeace auf dem PS-starken SUV ist nicht nur widersinnig, es zeugt auch davon, dass der Fahrer eben meint, durch eine Ideologie die Umwelt retten zu können, statt zu laufen und die Schönheit direkt zu erleben. Die Ehrfurcht vor dem Leben beginnt im unmittelbaren Umfeld. Dabei werden die Dinge als Du angenommen, eine Zweck-Mittel-Beziehung wird abgelehnt, weil der Alltag mit seinen Alltäglichkeiten geheiligt ist und somit Ethik konkret umgesetzt wird. Handlung in diesem Sinne ist Beheimatung. Das Drumherum wird bejaht, ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit allen Lebewesen bildet die Basis, Umweltethik ist als Leben allgemein der fortwährende Ansprache-Antwort-Prozess. Das Göttliche zeigt sich in Gestalt von Rosen, wie Adalbert Stifter in „Nachsommer“ schreibt.

Die Kultivierung

Einem naiven Naturverständnis muss entgegen gehalten werden, dass der Mensch die Macht hat, die Natur zu zerstören. Zerstört er die Natur, sägt er gleichzeitig am Ast, auf dem er sitzt. Der Mensch bedarf des geläuterten Zugangs zur Wirklichkeit. Er muss verstehen, was die Natur „will“. Im Nachsommer von Adalbert Stifter wird dies durch eine Episode erzählt, in der detailliert erläutert wird, welche Speise welche Vogelgattung mit welcher speziellen Vorrichtung zu reichen ist. Der Mensch begegnet der Natur kultiviert und macht durch dieses ehrfürchtig-heiligende Handeln das Alltägliche zu etwas Besonderem. Damit aber kann er die einzelne Blume auf der Wiese nicht niedertreten, sie ist ihm heilig geworden.

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Ethik, die nicht angenehm ist, hilft auch nicht

Auf das Buch von Eva-Maria Heinze sie noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Mit ihrer Studie über Schweitzer, Buber und Stifter hatte sie möglicherweise gar nicht intendiert, eine neues Fundament für einen ökologischen Diskurs zu schaffen, leider – aber so ist es nun mal bei Arbeiten, die in der wissenschaftlichen Welt Geltung erlangen sollen – hat sie sich teilweise in Redundanzen und im Duktus der formalen Sprache verloren, doch es bleibt der deutliche Impuls, dem Geschriebenen mit einer heiligen Intention zu folgen. Und es wird überdeutlich klar, dass eine Umweltpolitik, die von den dramatischen Veränderungen des Klimas, der Umweltverschmutzung und der Gier der Menschen ausgeht, keinen Erfolg haben wird. Es ist die von Eva-Maria Heinze mit Schweitzer, Buber und Stifter aufgezeigte Schlichtheit des Handelns im konkreten Umfeld, die in den Alltäglichkeiten das Schöne entdeckt und angenehme Empfindungen weckt, die zu den Veränderungen führt, mit denen wir unsere Welt in all ihrer Schönheit bewahren können. Dieses Buch bewegt und macht das Kleine groß.

Eva-Maria Heinze, 2016. Schönheit des Alltäglichen. Zur Ethik des täglichen Umgangs bei Albert Schweitzer, Martin Buber und Adalbert Stifter. Freiburg München: Verlag Karl Alber, 54,95 Euro

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