Immer wieder gleich und doch schön

Es gibt Dinge, die tuen wir jeden Tag. Zähne putzen die meisten wohl morgens und abends. Die Zahnbürste bindet unsere Aufmerksamkeit beim alltäglichen Ablauf kaum. Wenn die Borsten vom häufigen Putzen ihre aufrechte Haltung verloren haben, wird die alte Zahnbürste durch eine neue ersetzt. Dass ein solch alltäglicher Gegenstand als schön bezeichnet werden könnte, erscheint als ungewöhnlich oder abgedreht. Die abstrus klingende Ode an die Schönheit einer Zahnbürste kann jedoch auch als eine Provokation in einer Welt verstanden werden, die insgesamt von Abwertungstendenzen des Kleinen, Unwichtigen und des Alltäglichen gekennzeichnet ist.

Foto: hinsehen.net T.H.

Foto: hinsehen.net T.H.

Die Kunst halten viele für die Hüterin des Schönen. Ein Gang in moderne Galerien lässt an diesem Verständnis zweifeln. Man könnte dies mit einem veränderten Verständnis von Schönheit erklären. Doch faszinieren die großen Werke der Vergangenheit wie die Mona Lisa, die Statuen und Malereien von Michelangelo u. a. nach wie vor. Die Perfektion, die Außergewöhnlichkeit und die geheimnisvolle Erregung positiver Gefühle dürften entscheidende Kriterien dafür sein, dass wir etwas als schön empfinden. Die meisten werden sicherlich akzeptieren, dass es nicht nur ein Gefühl ist, wenn man von der Perfektion z. B. eines Bildes fasziniert ist und dieses als schön erklärt. Man benötigt Erfahrung, Wissen und – wie man sagen könnte – ein Auge für solche Kunstfertigkeiten. Wer sich selber einmal versucht hat, etwas Schönes zu produzieren, kennt das vergebliche Bemühen um das, was als Idee im Kopf ist. Will man etwas als außergewöhnlich darstellen, ist dieser Versuch abhängig von dem, was gewöhnlich ist. Etwas Herausragendes zu schaffen, bedeutet eine viel größere Anstrengung, wenn im Umfeld viele Genies sind.

Die schönen Gefühle

Wenn es richtig ist, dass auch Gefühle bei der Empfindung des Schönen eine Rolle spielen und ein Ding erst durch ein positives Gefühl zum Schönen wird, dann muss auch gefragt werden, wie ein solches Gefühl beschrieben werden sollte und wie es genau wirkt. Damit ein Gefühl entsteht, braucht es einen Reiz. Dieser könnte als ein Ereignis definiert werden, das als Ursache wirkt und ganz mechanisch eine Reaktion hervorruft. In der Psychologie kann seit der kognitiven Wende wohl niemand mehr ein solch einfaches Modell vertreten. Der Mensch ist eine Blackbox, derselbe Reiz kann auf zwei Menschen ganz unterschiedliche Auswirkungen haben, weil die Verarbeitung und damit auch die Reaktion eine andere sein kann. Ebenso kann es sein, dass ein immer wiederkehrender Reiz seine Wirkung verliert, weil der Organismus eine Überflutung abwehrt oder die Reaktion gar nicht mehr als Reaktion bemerkt wird. Damit löst dieser Reiz, der im Anfang vielleicht mit Schönheit verbunden wurde, genau dieses Gefühl nicht mehr aus, weil es gewöhnlich geworden ist und allenfalls wie ein weißes Rauschen wirkt. Der bewusste Zugang zu den eigenen Gefühlen ist notwendig, um die Wechselwirkung von Reiz und Reaktion erfassen zu können.

Die Mühe, das Schöne als zunächst Unbedeutendes zu entdecken

Formulierungen wie, ins Auge fallen, auffallen, erscheinen usw. verdeutlichen, dass das Schöne irgendwie eine Zufälligkeit ist oder so erlebt wird. Damit etwas zufallen kann, bedarf es einer Vorurteilsfreiheit und der Einstellung, dass nichts zu unbedeutend, gewöhnlich oder alltäglich ist, um nicht in einer ganz bestimmten Konstellation zum Großartigen werden zu können. Solche Konstellationen sind wie plötzliche Mutationen, der Planbarkeit weitestgehend entzogen. Das Alltägliche wird schön durch eine Kleinigkeit, die man vorher nicht kannte und daher auch nicht planen konnte. Diese Einsicht zwingt dazu, das Schöne überall zu vermuten. Damit wertet der Betrachter die Gegenstände in seinem Umfeld gleichzeitig auf. Das Alltägliche, das Gewöhnliche, das Normale wird in seiner Möglichkeit gesehen, etwas wunderbar Schönes zu sein. Hat jemand eine solche Haltung entwickelt, verarbeitet er genau in dieser Weise die Reize, die ihn treffen und in seiner Welt hat selbst das immer Gleiche das Potenzial zum Schönen.

Thomas Holtbernd

Zum Weiterlesen:

Eva-Maria Heinze, 2016. Schönheit des Alltäglichen. Zur Ethik des täglichen Umgangs, mit Albert Schweitzer, Martin Buber und Adalbert Stifter. Freiburg München: Karl Alber

 

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