Dem Nichts entkommen


Was ist eigentlich das Böse? Wir erleben es als wirkmächtig. Es definiert sich als Gegensatz zum Guten. Etwas ist böse, weil es gegen das Gute angeht. Da nur das Gute von Dauer sein kann, das Böse aber nicht, muss das Böse das Gute mit in die Nichtigkeit ziehen, denn sonst hätte es zumindest Anteil am Guten. Das Böse braucht das Nichts, um böse sein zu können. Es fordert uns, gegen die Nichtigkeit anzukämpfen.

Wenn man die Voraussetzungen klärt, die das Böse erst ermöglichen, dann ist es die Möglichkeit des Nichts. Wenn etwas „nicht sein kann“, dann kann das Böse ihm etwas anhaben, indem es das Gute ins Nichts zieht.

Die Nichtigkeit fordert uns täglich

Wir selbst sind ständig vom Nichtsein bedroht. Wir können zu spät kommen, wenn wir im Stau steckengeblieben sind. Versprochenes wird nicht eingehalten, es tritt nicht ein, was wir erhofft haben. Und wird unsere Sehnsucht nach Liebe jemals befriedigt oder gar unser Anspruch auf Glück? Wir können mit unserem Leben auch einfach ausgelöscht werden. Eine Krankheit  kann uns das Leben nehmen oder auch nur ein unachtsamer Fahrer, der uns entgegenkommt. Wir können auch umgebracht werden. Überall lauert das Nicht-Sein-Können. Selbst das Weltall wird einmal nicht mehr sein. Wir mussten uns daran gewöhnen, dass das riesige Weltall uns zwar überdauern, jedoch am Ende auch in sich zusammenfallen wird. Für die Griechen und Römer war der Kosmos noch ewig. Ihre Halbgötter und später auch die Kaiser setzen sie als Planeten und Sterne für die Ewigkeit in den Himmel. Das Weltall begann vor 13 Milliarden Jahren mit dem Urknall, eine unvorstellbar lange Zeit, jedoch nicht ewig. Was aber nicht ewig ist, wird von Vergänglichkeit bedroht.

Eisener Steg, Frankfurt, Foto: hinsehen

Eisener Steg, Frankfurt, Foto: hinsehen

Wir sind auf Entwicklung angelegt

Das, was wir böse nennen, will schaden. Das kann es, weil alles, auch wir mit unserem Leben, anfällig sind für das Nichtsein. Das Böse beginnt aber nicht erst, wenn unser Leben bedroht ist, sondern wenn wir in unserem Wachstum beeinträchtigt werden. Nicht nur der großen Evolution, die beim Menschen angekommen ist, liegt Entwicklung zugrunde, sondern auch jeder individuellen Biografie. Jedes menschliche Individuum ist nicht nur auf körperliches, sondern auch auf intellektuelles und moralisches Wachstum angelegt. Wer die Entwicklung einer Person beeinträchtigt, schadet ihr. Das zeigt sich in den Risikofaktoren der Erziehung. Wenn einem Kind zu wenig Lernanstrengung abverlangt wird, wenn es sich nicht körperlich ertüchtigen kann, „erleidet“ es Beeinträchtigung und kann sich nicht so verwirklichen, wie es in seinen Genen eigentlich angelegt ist. Wenn dann Eltern das Kind zu sehr an sich binden, es nicht in die freie Wildbahn entlassen, ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, schaden sie ihm, obwohl sie es eigentlich doch nur „gut meinen“. Das wäre bereits „böse“, weil damit Leben nicht so gelingen kann, wie es eigentlich möglich wäre.
Das Böse steht gegen Entfaltung. Es ist also nicht die bloße Existenz, die das Böse infrage stellt, sondern bereits die Entfaltung eines Lebewesens. Dass inzwischen die Tierhaltung und die Monokulturen kritisch gesehen werden, zeigt, wie die Sensibilität für das Böse nicht allein auf die menschliche Gattung beschränkt bleibt.

Das Böse im Kern: Der Andere darf nicht sein

Es ist auf Schädigen aus. Mobbing, Mord, Krieg zielen auf die Verdrängung, die Vernichtung des anderen. Das Böse drängt zur Vernichtung, sogar des Akteurs selbst. Hitler hatte am Ende keine andere Idee, als sich umzubringen. Ähnlich die Selbstmordattentäter. Als würde die Vernichtung anderer dadurch gerechtfertigt, dass man auch für sich den Tod wählt. Es ist letztlich die Logik des Krieges. Sich selbst in Todesgefahr bringen und, um nicht selbst darin unterzugehen, den anderen umbringen, bevor dieser den tödlichen Schuss abdrücken kann. Obwohl auf das Nichts gerichtet, scheint das Böse kraftvoll, es breitet sich aus, es will herrschen.
Ein einfacher Zeichentrickfilm demonstriert das überzeugend. Auf einer Platte, die schwebt, bewegen sich Männchen. Wenn Sie an den Rand gehen, senkt sich die Platte und man kann den anderen herunterstoßen. Das machen sie auch. Einer bleibt übrig. Sein Schicksal ist ungewiss, er droht genauso ab zustürzen. Balance heißt der Film.
Wer die Dynamik von Machtkämpfen, von Kriegen im Großen und Kleinen beobachtet, dem scheinen die Kräfte, die auf Vernichtung aus sind, immer mehr an Entschlossenheit zu gewinnen. Das Ziel ist aber nichts anderes als Zerstörung. Wenn in einem Bürgerkrieg eine Stadt wie Aleppo in Schutt und Asche gelegt wird, wer hat davon am Ende etwas? Eine Stadt zuerst zu zerstören, um sie dann zu besitzen, zeigt den Vernichtungswillen in seiner Ziellosigkeit. Dann doch besser eine kleinere Stadt im Handstreich einnehmen, um dann noch in ihr wohnen zu können.

Diese kurze Analyse der Dynamik des Bösen zeigt: Wer auf Vernichtung des anderen aus ist, betreibt seine Selbstvernichtung. Zumindest isoliert sich derjenige, der gegen andere intrigiert, ihnen Fallen stellt, Gewalt ausübt, denn andere Menschen, mit denen er bisher zusammengelebt hat, können diesem immer weniger vertrauen. Zumeist provoziert derjenige, der anderen Böses zufügt, Gegner, die ihn aus dem Weg räumen wollen. Auch kann sich ein solcher Mensch nur schwer als Person entwickeln, indem er mehr Einfühlungsvermögen entwickelt, um verstehend, weise werden. Er verbaut sich durch das Böse, das er tut, nicht nur die Zukunft anderer, sondern  seine eigene.

Das Dilemma des anderen

Schon in frühen Mythen vom Brudermord wird das Dilemma des Menschen auf den Punkt gebracht. Ob Kain und Abel, Romulus und Remus, der andere soll nicht sein, denn er sitzt ja auf dem Platz, den ich beanspruche. Wenn der andere weg ist, der Nebenbuhler für eine berufliche Position, die andere, die um den anderen Partner wirbt, der Konkurrent im Sport. Ich könnte leben, wenn der andere nicht da wäre. Das Böse entwickelt sich auch immer dann, wenn zwei Mächte um die Vorherrschaft kämpfen, ob Rom oder Karthago, im Mittelalter Kaiser und Papst, zwischen Katholiken und Protestanten, Sunniten und Schiiten oder zwischen Russland und den USA im Kalten Krieg. Letztlich, das ist die Erkenntnis von René Girard, entspringt das Böse, weil es noch anderen gibt wie mich.
Wenn das Böse sich nicht entfalten soll, dann zeigt die Logik in eine bestimmte Richtung: Mit dem anderen und nicht gegen ihn. Das Daseinsrecht eines jeden einzelnen ist die Voraussetzung dafür, dass die nichtende Kraft des Bösen nicht zum Zuge kommt. Dem Nicht-Sein-Können bleibt der Mensch weiter ausgeliefert. Er kann den anderen wie in dem Film Balance von der Plattform stoßen oder ihn zu halten versuchen, durch Sorge für den anderen, Erziehung, Beistand in Unglücken und Krankheiten. Eine Wirtschaftsordnung, die jedem ihren Platz gibt, hat auf jeden Fall Vorrang vor der, die das Wirtschaftswachstum an die erste Stelle setzt. Ebenso ist der Austausch von Gütern eher menschendienlich als wenn die Grenzzäune dichter geflochten werden.

Gott will das Andere

Der jüdisch-christliche Schöpfungsglaube gibt darauf eine Antwort: Gott will neben sich das Andere. Er schafft nicht, um zu herrschen, sondern weil es gut, ja sogar sehr gut werden soll. Die christliche Gottesvorstellung begründet das noch einmal tiefer. Gebot ist in sich Beziehung und will sogar eine so große Nähe zum Menschen, dass das Ewige Wort Fleisch wird. Ein Anhaltspunkt für die Vielheit, die den anderen nicht ausschließen muss, ist die biologische Ausstattung, jeder, auch eineiige Zwillinge haben eine eigene Iris und nicht den Fingerabdruck des anderen.

Eckhard Bieger S.J.

Link:
Big Bang-Anfrage an den Atheismus
Das Weltall hat bei einem Nullpunkt angefangen
Kurzfilm Balance

Ein Gedanke zu “Dem Nichts entkommen

  1. Und woher bekommt das Boese seine Macht,richtig,von uns Menschen!Ein Seher unserer Zeit bekam die Erkenntnis,das bei jeder Abtreibung ein Daemon aus der Hoelle freikommt!Aber was
    ist schon ein Daemon,eine dunkle Schneeflocke,scheinbar ohne Gewicht.Man sagt Schnee
    wiegt nichts aber bei Flocke 4789 brach der Ast,nicht vorher.Die Abtreibungen stellen weltweit
    den groessten schleichenden Genozid der Menschheitsgeschichte dar und das verteidigen wir auch noch vehement als freiheitliche Errungenschaft der freien Welt,dafuer gehen wir auf die
    Strasse,das lassen wir uns nicht nehmen!Das lassen wir uns nun von den Populisten unter die
    Nase reiben,sie,die absoluten Heiden,groesstenteils,wenigstens,zeigen uns das christlich selbst-
    verstaendliche unseres Glaubens,Du sollst nicht toeten,eine boese Lachnummer,finden Sie nicht!
    Das ist aber nur ein Tsunami des von uns Menschen angeschobenen boesmaechtigen Wirkens,
    denken wir doch nur an Drogen- und Waffenhandel weltweit und wer da alles die Finger drin hat?
    Oder sehen wir auf den Geldgoetzen,wie wichtig er ist,keine Nachrichten ohne Boersenbericht,
    ein absolutes muss und so gibt es unzaehlige Goetzen,denen wir huldigen!Ersatzreligionen
    soweit das Auge reicht,nur nicht Religionen im eigentlichen Sinn,die uns wirklich die Augen
    oeffnen wuerden!
    Wie gut zu wissen,dass am Ende unser Herr Jesus den Schlusspunkt setzt,sonst muessten
    wir wirklich Angst haben aber das ist unsere Zuversicht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s