Stolz und Können

Was verleitet einen Menschen dazu, stolz auf sich oder etwas zu sein? Beruht Stolz auf einer Leistung oder einem Können? Jemandem, der stolz über seine Taten berichtet, wird schnell Hochmut vorgeworfen. Es erzeugt ein unangenehmes Gefühl, wenn jemand offen sagt, dass er stolz auf sich sei. Mit dem Wort Stolz sind eher negative Assoziationen verbunden als positive.

Die Herkunft des Begriffs

Die Herkunft des Wortes „stolz“ ist unklar. Es könnte von Stelze kommen und dann im Sinne von hochtrabend gemeint sein. Auch die Entlehnung von stultus (dumm) ist denkbar, was jedoch einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraussetzen würde. Das lateinische Wort superbia wird mit Hochmut, Übermut, Stolz übersetzt. Die Begriffsunklarheit könnte darauf verweisen, dass ein Mensch, der begründet oder unbegründet auf sich oder etwas stolz ist, bei anderen unangenehme Empfindungen hervorruft.  Stolz kann Neid und Konkurrenzgedanken hervorrufen oder peinlich wirken, weil tatsächlich eine maßlose Selbstüberschätzung oder Falscheinschätzung vorliegt. Stolz fordert Anerkennung heraus und deren Verweigerung kann als Genugtuung erlebt werden.

Stolz und Eigenliebe

Leo N. Tolstoi bringt die negative Bedeutungszuschreibung auf folgenden Satz: „Eigenliebe ist beginnender Stolz. Stolz ist entfesselte Eigenliebe.“ Möglicherweise ist diese Einstellung der Tatsache geschuldet, dass Tolstoi Rousseau als Vorbild hatte und nach dessen Vorbild reformpädagogische Schulen einrichtete. Dabei ging es ihm nicht um eine Auslese der Elite, sondern um die Förderung der Kinder nach ihren Möglichkeiten. Die Gefahr, dass die von anderen gelobte Leistung zu sehr als narzisstische Zufuhr genutzt und dies gerade bei Kindern zu einem falschen Stolz führen kann, dürfte Tolstoi richtig gesehen haben. Es bleibt jedoch die Frage, was ein richtiger Stolz sein könnte.

Der Blick von außen

Stolz hat etwas damit zu tun, dass man von außen auf sich schaut. Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl sind eher Empfindungen, die innerlich gespürt werden. Hieraus könnte man schließen, dass Stolz eine Vorstufe des Selbstwertgefühls ist. Mit Stolz nimmt der Mensch eine Perspektive ein, die von außen auf sich schaut. Die Antwort der Anderen auf eine Tat wird quasi gedacht und der Mensch, der stolz auf sich ist, fungiert als erster Claquer seiner Leistung. Die anderen werden damit zu einer positiven Reaktion gedrungen, ohne dass sie die Möglichkeit haben, die Leistung vorher zu überprüfen. Das Lob soll von den anderen ohne Initiation durch den zu Lobenden erfolgen. Zurückhaltende oder ihre Leistungen und Talente realistischer sehende Menschen geraten durch den Stolz eines anderen Menschen in einen Konflikt: Der Erfolg einer Anstrengung ergibt sich nicht nur aus dem Inhalt, sondern größtenteils aus der Performance. Und das wird als ungerecht erlebt.

Selbsteinschätzung

Die Frage ist somit weniger, ob Stolz eine schlechte Eigenschaft ist, sondern ob der Stolz berechtigt ist. Die Fähigkeit, sich selbst richtig einzuschätzen, ist eine Voraussetzung dafür, dass andere es nicht als peinlich empfinden, wenn jemand auf etwas stolz ist. Die erbrachte Leistung wird in Relation zum Alter, den Umständen und der Sache als solcher gesetzt und dies muss stimmig sein. Von Genies und großen Künstlern ist bekannt, dass sie sich gegen die Zustimmung der Anderen durchgesetzt haben. Ihre Einschätzung widerspricht z. T. den allgemeinen Beurteilungsmaßstäben. Bei einem exzellenten Musiker bspw. bewundern die Zuhörer weniger das Produkt, also die gespielten Noten, die Komposition, sondern die technische, musikalische und musikantische Fähigkeit, das Werk in klingende Musik zu bringen. Gelungen ist die Aufführung eines Musikers dann, wenn das Werk besonders gut zur Geltung gebracht wurde. Der Musiker ist nicht stolz auf das Musikstück, sondern darauf, wie er dieses Stück zum Klingen gebracht hat. Stolz ist in diesem Sinne eine besondere Form der Demut, die anerkennt, dass die erbrachte Leistung kein genialer Schöpferstreich ist, sondern lediglich die gelungene Darstellung von etwas Gegebenem. Stolz, der als peinlich erlebt wird, resultiert aus der Überbewertung der eigenen Leistung. Die Erzählung vom eigenen genialen Tun verdeckt etwas Anderes. Wer seine Leistung nicht ichbezogen betrachten und erzählen kann, schätzt sein Können als ein Mittun ein. Stolz ist ein solcher Mensch, weil er etwas zum Vorschein gebracht hat. Seine Anstrengungen und seine Fähigkeiten stehen im Dienste der Sache.

Thomas Holtbernd

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