Die Langsamkeit beim Betrachten

Die Sehnsucht nach Langsamkeit ist oft umso größer, wenn die Geschwindigkeiten sehr hoch sind. Lässt man sich auf die Langsamkeit ein, verändert sich auch die Wahrnehmung, Einzelheiten werden deutlicher, Eindrücke vertiefen sich, das Spüren wird intensiver.

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Foto: hinsehen.net

Vorzüge der Langsamkeit

Erst aus dem Gegensatz heraus erkennt man die Vorzüge der Langsamkeit. Früher war vielleicht vieles besser, es gab keine Informationsflut, es ging gemütlicher zu, Reisen nach Italien mussten mit der Kutsche gemacht werden und man kam so in das Land, wo die Zitronen blühen. Die Schnelllebigkeit, die Erfahrungen der rasanten Fahrten mit dem ICE, TGV u. a. oder der Flüge, durch die Entfernungen in Windeseile überwunden werden können, provozieren Unmut, Erstaunen, Langeweile, manchmal sogar Verstörtsein, wenn es ganz langsam oder gar nicht voran geht.

Die Fahrt mit dem ICE von Köln nach Frankfurt oder umgekehrt ist angenehm, wenn man den Zeitaufwand im Blick hat. Will man jedoch die Landschaft genießen, kann einem leicht schlecht werden. Das Hinausschauen wird immer wieder gestört durch einen Tunnel, eine Lärmschutzwand oder auch einen entgegenkommenden Zug. Hat sich der Blick gerade über die Landschaft ergossen, rast man bereits in den nächsten Tunnel. Wählt man die andere Strecke am Rhein entlang, so fährt der Zug auch durch Tunnel, doch die Augen haben Zeit, über die Berge, den Fluss, die Burgen oder Weinberge zu schweifen. Man könnte behaupten, diese Zugstrecke am Rhein entlang ist schöner geworden, seitdem man auch die schnelle Variante mit dem ICE wählen kann. Es muss die Entscheidung getroffen werden: Will ich schnell ans Ziel kommen oder will ich das Fahren genießen?

Z. B. Fahrrad

Der Anthropologe Marc Augé hat sich in seinen Büchern, die er Ethno-Fiction nennt, mit Phänomenen der Stadt und insbesondere mit dem visuellen Erfassen der Atmosphären städtischer Kultur beschäftigt. Für seinen Studien ist er auch mit dem Fahrrad durch Paris geradelt und hat dabei Dinge entdeckt, die verdeckt und versteckt bleiben, wenn man unterirdisch mit der Metro oder mit dem Auto schnell daran vorbeifährt. Inzwischen ist auch den Touristen aufgefallen, dass sich mit dem Fahrrad Städte anders und vielfältiger erkunden lassen. Immer häufiger sieht man Gruppen von Fahrradfahrern, die hinter einem Guide herfahren und sich die Attraktionen vom Sattel aus erklären lassen. Es sind nicht nur die Einzelheiten, die man deutlicher sieht oder an die man näher herankommt, wenn man nicht bei einer Stadtrundfahrt mit dem Bus fährt, es sind die Atmosphären, die man spüren kann, wenn man langsam hindurchradelt. Als Erinnerung bleibt nicht nur ein Bild zurück, sondern das Gefühl, die Empfindungen, die Spannungen oder auch die Ängste, die Bild und Atmosphäre gemeinsam erzeugt haben. Das langsame Betrachten verbindet sich mit einem intensiveren Eintauchen.

Der Modus des Sehens

Die neuen Medien verlangen, dass Informationen schnell ausgewählt werden, ein zu langes Verweilen, würde dazu führen, dass der Betrachter sich verliert und „seine Arbeit nicht schafft“. Das Sehen ist rein auf Entscheidung ausgerichtet. Film und Fernsehen hatten sich dagegen noch auf das Aufmerksamkeitsbedürfnis der Menschen eingestellt. Langsame Bilder wurden als langweilig empfunden und so kam es zu schnellen Schnitten, lange Einstellungen wurden vermieden, die Spannung wurde durch Abwechslung hergestellt. Das Betrachten als Aufforderung für stetige Entscheidungen führt zu einer Ermüdung, die als solche gar nicht wahrgenommen wird, da immer wieder neue Aufgaben vor Augen sind. Im Urlaub, auf Reisen, am Wochenende, in der Freizeit möchten viele Menschen diesen Modus umstellen, sie wollen Landschaften betrachten, Bilder in Museen anschauen usw., es fällt ihnen jedoch schwer, das entscheidungsorientierte Sehen auf ein verweilendes Betrachten umzuschalten. Es werden Erklärungen erwartet, ein Sachkundiger soll erläutern, was man sehen könnte, wenn man die Muße dazu hätte.

Der winterliche Morgen

Vielleicht ist der Winter eine Zeit, in der sich das Sehen gut üben lässt. Die Natur „schläft“, es ist still, Tiere sind kaum zu sehen oder zu hören, ein Flaum hat sich z. B. über eine Wiese gelegt. Eine solche Atmosphäre zieht den Betrachter in eine Stille hinein, das Schauen ist nicht zielgerichtet, sondern ein Gleiten. Und in diesem ruhigen Fluss erscheinen Farben in ihrer Unterschiedlichkeit, Lichteffekte treten hervor und vor jedes Fühlen der Eindrücke stellt sich eine Stille. Das Sehen wird zu einer Meditation und zu einem Lehrstück für die Kunst der bedächtigen Aufnahme dessen, was dem Wahrnehmenden entgegenkommt.

Thomas Holtbernd

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