Ein schönes Gespräch

Wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, zeigen sie bei guter Stimmung ein entspanntes und vielleicht auch schönes Gesicht. Bei Streitigkeiten verzerrt sich die Mimik, der andere bekommt eine Fratze, seine Hässlichkeit kommt zum Vorschein. Bei heftigen Konflikten zeigt der Eifernde sein wahres Gesicht und das kann nicht nur unschön sein, es kann Angst machen und an das Böse erinnern.

Thomas Holtbernd

Diskutanten, die milde, aber nicht arrogant lächeln, wirken sympathisch. Selbst wenn sie Meinungen vertreten, die gar nicht gefallen, versöhnt ihre Ausstrahlung. Die angenehme und schöne Stimme eines Streitenden lässt den Groll vergessen, den die Meinungen vielleicht erzeugt haben. Diskussionen werden unerträglich, wenn jemand nur mit schreiender Stimme seine Meinung äußert. Inhalte füllen weniger die Gespräche als Mimik und Gestik. Rhetorik, Gesprächstechniken, Kniffe der Argumentation beeinflussen den Gesprächsverlauf und ein geübter Techniker kann die Zuhörenden auf seine Seite bringen. Allerdings kann es auch leicht dazu kommen, dass dem ersten Zustimmen eine umso größere Ablehnung folgt, wenn der „Überzeugte“ sich an das Gesicht  erinnert. Dann offenbart sich das Gefühl, mit dem etwas gesagt wird.

Der schöne Blick

Bei einem Gespräch schaut man sich in die Augen. Scham, Angst oder auch ein fehlendes Selbstbewusstsein können dazu führen, dass jemand den Blick senkt oder dem Blick des anderen nur für einen kurzen Augenblick standhält. Ein Anstarren, ein Fixieren mit den Augen auf der anderen Seite lässt unangenehme Gefühle entstehen. Ein Blick kann ertappen, das Gegenüber kann glauben, dass seine Gedanken erkannt worden sind. Die Kunst besteht darin, den anderen anzuschauen und zu wissen, wann man den anderen mit seinem Blick fassen muss und wann man loslässt, damit der andere sich frei fühlt. Einen anderen Menschen anzuschauen, ist nicht einfach nur höflich oder Gewohnheit, der Blick dient immer auch der empathischen Entdeckung. Unmerkliche Bewegungen oder auch nur vermutete Eindrücke werden gedeutet und wirken sich sofort auf das aus, was man sagt oder auch auf die Körperhaltung, die man einnimmt. Als schön wird ein Blick empfunden, wenn das wohlwollende Abtasten spürbar ist. Und vielleicht ist es sogar eine wahrnehmbare Zustimmung, ein gütiges Ja zum Anderen, zur konkreten Situation und zur Welt insgesamt. Es ist möglicherweise auch die empfundene Gewissheit, dass mit einem schönen Gesicht das Fratzenhafte weggelächelt werden kann. Ein sanftes Lächeln beschwichtigt oft schneller als diplomatisch ausgeklügelte Mediationsstrategien. Das Gesicht wirkt friedlich und daher schön. Und gleichzeitig scheint eine friedlich wirkende Mimik aus einem tiefen inneren Wissen zu stammen.

Wissen erscheint schön

Ein oberflächliches Wissen bewirkt meist einen arroganten Blick. Ein Wissen, dass aus der eigenen Tiefe zu stammen scheint und gleichzeitig mit allem verbunden ist, lässt einen fast abwesenden Blick entstehen. Der Blick scheint mit einem Etwas verbunden zu sein. Es ist nicht mehr nur der Blick dessen, der auf etwas schaut. Die Subjekthaftigkeit ist kaum noch präsent, das Gesagte wirkt wie ein Wissen, für das der Einzelne keine Autorenschaft erhebt. Und genau deshalb besteht kein Zwang, ein solches Wissen anzunehmen. Ein solches Wissen hat einen eigenen Drang, sich zu bewahrheiten. Wer auf ein solches Wissen schaut, ist beglückt und sein Gesicht zeugt davon. Das geschaute Wissen kann als transzendent definiert werden, es kann aus einer anderen Perspektive als ein Wissen bezeichnet werden, dass einem Menschen nicht dazu dient, sich als schlau zu empfinden oder erleuchtet. Die Formulierung kann das hilflose Bemühen bezeichnen, einen Zustand auszudrücken, bei dem es ein Mensch geschafft hat, ganz von sich abzusehen, ohne sich in einer Selbstvergessenheit zu verlieren. Oft wird genau diese Dimension erfahrbar, wenn die Gesprächspartner schweigen. Schöne Gespräche zeichnen sich paradoxerweise dadurch aus, dass wenig gesprochen wird und gerade das Wesentliche ungesagt bleibt und nur angeschaut wird.

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