Impfstoff gegen das Böse


Das Böse gibt es, vor allem beim Menschen. Es muss wie der Mensch selbst aus der Evolution hervorgegangen sein. Wie kann man den Menschen vom Bösen befreien. Wenn das Böse aus der Natur erwachsen würde, so wie die Krebserkrankung, dann müsste man einen Impfstoff oder eine andere Therapie entwickeln können. Wenn das Böse aber kein Produkt der Natur ist, dann braucht es andere Mittel. Wenn die auch nicht wirken, dann müsste eine außerirdische Instanz den Menschen vom Bösen befreien.  

Gedenkstätte zum Holomodor in Kiew Foto: hinsehgen.net

Gedenkstätte zum Holomodor in Kiew. Die Kraniche gelten als Totenvögel. Foto hinsehen.net

Die Religionen, wie sie jetzt sind, gibt es ja wegen des Bösen. Sie sind dazu da, dem Menschen eine Erlösung vom Bösen zu versprechen. Sie verlangen, dass er sich vom Bösen abwendet und drohen ihm mit jenseitiger Strafe bzw. mit der ständigen Wiedergurt in diese unerlöste Welt, wenn er weiter dem Bösen Raum gibt. Wenn es aber keine jenseitige Macht gibt, vor welchem Gericht muss sich dann das Böse verantworten? Es gehört ja offensichtlich zu dieser Welt. Die Ablehnung des Holocaust und anderer Völkermorde ist kein Glaubensakt, sondern bedarf nur der Anerkennung der Menschenrechte. Dass diese an die Personwürde geknüpften Rechte Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben sind, lässt sich mit der Vernunft erkennen und braucht keine tiefere religiöse Offenbarung. Es ist ja gerade der Holocaust, der nicht wenige Juden und andere zum Atheismus „bekehrt“ hat und zugleich viele Menschen ohne Gottesglauben überzeugt hat, dass das „nicht mehr vorkommen darf“.. Was aber ist dann das Böse?

Höchste Stufe der Evolution – höchste Stufe der Grausamkeit

Ein Tsunami oder ein weltweit sich auswirkender Vulkanausbruch sind zwar in ihrer Wirkung dem Holomodor, dem von Stalin ausgelösten Hungertod von mindestens 3,5 Millionen Ukrainern vergleichbar. Naturkatastrophen sind nicht in dem Sinne böse, dass eine Absicht dahinter steht wie hinter dem Hungermorden an ukrainischen Bauern, die sich der Kollektivierung widersetzten. Es ist eben zwischen Übel und dem Bösen zu unterscheiden. Das Übel kann nur naturhaft geschehen, absichtlich muss es sein, wenn es böse genannt werden soll. Ob die Intentionalität, die Absicht zu schaden, erst beim Menschen auftritt oder Tiere auch „schlechte Absichten“ haben können, ist im Einzelnen zu untersuchen. Ein Hund, der einen Passanten angreift, verteidigt nur sein Revier. Aber es gibt bissige und zahme Tiere. Man könnte dann sagen, dass der Mensch umfassender böse sein kann als ein Hund. Aber auch ein Fuchs kann alle Hühner eines Stalles töten, obwohl diese nicht seine Feinde sind und ihm ein Huhn für die Nahrung genügen würde.
Beim Menschen kommt ein Weiteres hinzu: Ob bereits Mobbing oder Völkermord, es geht nicht nur um den Sieg über den anderen, sondern um seine Vernichtung. Er soll nicht sein. Das verlangt einen geistigen Akt, der mehr ist als der Tötungsreflex des Fuchses, der Zugang zu dem Hühnerstall gefunden hat.
Es scheint sich mit der Evolution die Potentialität des Bösen zu erhöhen. Auch wenn ein Grippevirus Millionen Menschen umbringen kann, es bleibt ein Naturvorgang. Wenn ein Völkermord, ob gegen die Juden, die Armenier oder die Tutsis geplant und durchgeführt wird, dann  ist es das Böse, welche Macht auch dahinter steht.

Freiheitsgrade als Ergebnis der Evolution

Offensichtlich trägt die Evolution in sich die Dynamik zur Höherentwicklung. Dann wären Mobbing und Völkermord Ergebnis der Evolution. Denn erst die Freiheitsgrade, die dem Menschen zur Verfügung stehen, ermöglichen die gezielte Ausrottung von Millionen Menschen. Die Freiheitsgrade des Fuchses enden an den Wänden des Hühnerstalls. Es ist nicht zu befürchten, dass sich die Füchse zusammentun, um alle Hühner auszurotten. Was sagt die Evolutionstheorie, wenn sie nicht nur die Entwicklungsschritte hin zum Menschen erforscht, sondern letzte Aussagen über den Menschen macht?
Biologisch gesehen wäre der Mensch nur ein zufälliges Produkt von Genveränderungen. Zur Erklärung des Bösen stände dann nur die Schlussfolgerung im Raum: Das ist eben ein dummer Zufall. Wenn sich in der Gattung Mensch das Böse übermäßig ausbreitet, wird diese Gattung verschwinden. Die Atombombe hat der Mensch für dieses Ende schon konstruiert. Tiere werden vor dieser letzten Konsequenz bewahrt, weil auch ein Ameisenvolk nicht die Technologie erzeugen kann, die für die Konstruktion einer Atombombe notwendig ist.
Wenn das Böse erst mit dem Menschen diese Dimension erreichen kann, dann sollte sich die Philosophie mit der Frage beschäftigen, wie das möglich ist. Im naturalistischen Sinne muss alles mit wissenschaftlichen Verfahren unterlegt sein, wenn es Relevanz für den Menschen beansprucht. Dann muss die Evolutionswissenschaft sich mit der Dynamik des Bösen beschäftigen, die doch irgendwie mit der Dynamik der Höherentwicklung einhergeht. Sie muss vor allem auf die Frage eine Antwort geben:

Wie kommt die Absicht in die Evolution?

Das Böse erst möglich wird, wenn es nicht als Naturvorgang wie eine tödliche Grippewelle verstanden wird, sondern als gezielte Absicht, die z.B. in Ruanda zu dem logistisch perfekt vorbereiteten Mord an den Tutsis führte. Es waren nämlich Waffenlager mit Macheten angelegt, in den Personalausweisen war festgehalten, ob jemand den Tutsis oder den Hutus zugeordnet war. Man brauchte also nur die Straßen abzuriegeln, die Personalausweise zu kontrollieren, um dann die Machete einzusetzen. Das ist kein zufälliger Naturvorgang, wie wenn sich zwei Erdplatten so aneinander reiben, dass eine große Spannung entsteht, die sich irgendwann entlädt und ein Seebeben auslöst. Hinter einem Völkermord muss eine ausgefeilte Organisation stehen, die zugleich viele Akteure einbezieht, die sich an der Durchführung des Plans beteiligen. Wie kommt aus dem Zufall die Absicht? Das müssen die Naturalisten zusammen mit den Evolutionsbiologen klären können – mit dem Methodeninstrumentarium der Naturwissenschaften. Das hätte den großen Vorteil, dass man mit naturwissenschaftlichen Methoden das Böse ausschalten kann, so wie man durch frühzeitige durch Impfung eine Todeswelle, wie sie von der Vogelgrippe drohte, abwenden konnte. Ein Impfstoff gegen Völkermord würde die Moral wirklich ersetzen können.

Wenn aber der evolutionäre Schlüssel für die menschliche Intellekt und seine Urteilskraft nicht gefunden wird, dann bleibt die mühsame Aufgabe, die Moral zu vertiefen, damit der Mensch seine Freiheit so gebraucht, dass der andere in seiner Freiheit geachtet und nicht als Konkurrent der eigenen Freiheit umgebracht werden muss. Wenn der Impfstoff gegen das Böse nicht entwickelt werden kann, dann braucht es notwendig eine Philosophie, die sich mit der menschlichen Freiheit umfassend auseinandersetzt. Und es braucht eine vertiefte Moral, die Völkermord verhindert und so wirksam ist wie ein Impfstoff.

Eckhard Bieger S.J.

2 Gedanken zu “Impfstoff gegen das Böse

  1. Der Buddhismus erkennt das Böse im Menschen an, er „verteufelt“ es nicht.
    Es gibt im irdischen Leben die Polarität, ying yang.
    Ein und Ausatmen.
    Wir machen es um zu leben.
    Du kannst nur ausatmen, wenn du vorher eingeatmet hast.
    Du kannst das Gute erkennen, wenn du das Böse kennst.
    Alles eine Sache der jeweiligen, persönlichen Bewertung.
    Der Beste Impfstoff gegen das Böse ist es anzuerkennen als Partner vom Gut zu betrachten.
    Ohne Verlierer, gibt es keine Sieger, ohne das Böse, kein Gut.
    In der Polarität spielen wir auf zwei Seiten in einem Feld.
    Das Yin Yang Logo stellt es sehr anschaulich dar.

  2. hat nicht Sokrates vor 2500 Jahren postuliert, dass der Mensch n i c h t um die Folgen seines Handelns wissen kann ? – Aus „gut“ wird „böse“ und umgekehrt: er kann es nicht wissen, weshalb auch z.B. künstliche Intelligenz nicht weiterhilft.
    I.S. der Evolution hilft demnach nur die Reduktion – z.B. auf die 10 Gebote…!

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