Gott vor dem Gericht der Vernunft

Gott verhindert das Böse nicht. Ist er untätig oder gibt es ihn gar nicht? In seiner Allmacht könnte er gegen das Böse. Er, nicht wir Menschen, hätte die Mittel und die Kraft, das Böse zu überwinden, zumal er auf Grund seiner Allwissenheit auch die Ursachen des Bösen ausmachen und „still-legen“ könnte. Gott muss sich vor uns rechtfertigen, dass er das Böse nicht längst aus der Welt verbannt hat. Die Beschreibung einer Gerichtsverhandlung

Silvester: Vertreibung des Bösen. Foto: hinsehen.net

Silvester: Vertreibung des Bösen. Foto: hinsehen.net

Theodizee heißt der Versuch, „Gott angesichts des Bösen“ zu rechtfertigen. Nicht mehr wie in der Reformation muss sich der Mensch vor Gott rechtfertigen, sondern Gott selbst bedarf der Rechtfertigung. Er wird vor den Gerichtshof der Vernunft geladen. Die Theodizeefrage wird wie eine Gerichtsverhandlung inszeniert. Auf dem Richterstuhl sitzt nicht irgendwer, sondern die Vernunft selbst. Ankläger sind nicht die Theologen, sondern die Philosophen, sie fällen auch, im Namen der Vernunft, das Urteil. Das geht in den meisten Fällen so aus:
„Ich bin allerdings kein Agnostiker, sondern Atheist. Warum? Nicht aus epistemischer, sondern aus normativ-praktischen Gründen, die sich aus dem Theodizeeproblem ergeben … Ich kenne keine überzeugende Antwort, warum Gott all das Negative in dieser Welt zulässt oder möglicherweise sogar verursacht. Selbst wenn es Gott gibt, so meine Überzeugung, sollte man sich gegen ihn auflehnen angesichts des abgrundtief Bösen, des unerträglichen Leidens, der gewaltigen Ungerechtigkeiten und all der andere Übel, deren Sinn wir nicht kennen.“ Christian Thies, in Transzendenzlos glücklich, S. 136

Gott steht unter Anklage

Natürlich ist die Ausgangssituation für Gott äußerst prekär, denn das Böse gibt es ja. Es bedarf keiner umständlichen Beweisaufnahme wie bei einem Verbrechen. Da muss der Tathergang rekonstruiert werden, um dann den Angeklagten auf seine Tat durch Indizien festlegen zu können. Die Philosophen, die Gott bei der Vernunft anklagen, müssen sich auch nicht wie Ärzte die Mühe machen, die Ursachen des Bösen herauszufinden, denn sie können Gott wegen mangelnder Hilfeleistung anklagen. So wie ein Schwimmer ein Kind vor dem Ertrinken retten kann, könnte auch Gott eingreifen. Die Anklage wird dadurch einfach, weil Gott ja allmächtig ist und daher immer und überall verhindernd eingreifen könnte. Er tut es aber offensichtlich nicht. Deshalb ist er der unterlassenen Hilfeleistung, wo irgendetwas auf der Welt passiert, überführt.

Schon die Anlage des Gerichtsprozesses zeigt, wie aussichtslos die Verteidigung Gottes vor dem Gericht der Vernunft ist. Gott wird ja nicht von Menschen vor einem durch Machthaber manipulierten Gericht angeklagt, sondern sozusagen vor dem eigenen Gericht, wenn er selbst die höchste Vernunft verkörpert, wenn er nicht bloß, wie Menschen, die Wahrheit sagt, sondern selbst die Wahrheit ist.

Das Argument der Freiheit

Die Verteidiger Gottes sind dann mit ihrer Argumentation nicht sehr erfolgreich. Meist landen sie bei der menschlichen Freiheit. Da der Mensch frei ist, muss er sich dem Sittengesetz nicht notwendig unterwerfen und kann daher den anderen belügen, vergewaltigen, ausrauben, töten und auch nicht endenwollende Kriege führen, die das Übel immer mehr Überhand nehmen lassen. Da Gott den Menschen frei will, müsse er zusehen, wie der Mensch seine Freiheit missbraucht. Das Argument zielt auf die Philosophie selbst, die ja gerade mit der Aufklärung die Freiheit des Menschen herausstellt und mit der Französischen Revolution auch durchsetzt. Gerade diese Philosophie, die sich nicht auf die durch Theologen vertretene göttliche Weltregierung, sondern auf die Herrschaft der Vernunft stützt, macht Gott für das Böse und die daraus folgenden Übel verantwortlich. Aber könnte es nicht sein, dass es nicht die Verwirklichung der Freiheit, sondern ein Defekt der Freiheit ist, der das Böse sich so aufblähen lässt? Zum Verhältnis der Freiheit zum Bösen folgt ein eigener Beitrag.
Die Verhandlung über Gott vor dem Richterstuhl der Vernunft führt notwendig auch zu der Frage, ob Gott nicht eine bessere Welt hätte schaffen können, die weniger fehlerhaft und damit weniger anfällig für Seuchen, Tsunamis wie auch Mobbing und Kriege wäre. Leibniz hat diese Frage aufgegriffen. Auch dazu gibt es einen eigenen Beitrag.
Vielleicht ist schon deutlich, dass die Theodizeefrage doch nicht mit einem Verhandlungstag erledigt werden kann, sondern gerade die Vernunft ein genaueres Hinsehen und eine tiefergehende Argumentation verlangt. Zumindest bleibt, ob mit oder ohne Gott, die Wirksamkeit des Bösen erhalten.

Das Böse fordert die Vernunft

Was wäre die Konsequenz, wenn die Gerichtsverhandlung gegen Gott damit endet, dass die Ankläger im Namen der Vernunft erklären: „Gott kann gar nicht existieren, ansonsten wäre die Welt im Kern unvernünftig.“ Dann würde doch auf die Philosophie die Frage zurückfallen “ Was nun mit dem Bösen?“ Wenn von Gott, weil er ja gar nicht existieren kann, damit von ihm auch keine Lösung zu erwarten ist, dann verschwindet das Böse nicht einfach, sondern bleibt als Herausforderung. Dann müssen die Menschen doch weiter in einer von Neid, Eifersucht, Geldgier, Unterdrückung und Krieg geprägten Welt leben. Jeden Tag wird Ihnen diese Welt ja durch die Nachrichten vorgeführt. Nach dem gängigen Selbstverständnis des modernen Menschen ist er ja das Ergebnis eines Evolutionsprozesses. Das hätte zur Konsequenz, dass so etwas wie der Syrienkrieg eine Stufe der Evolution darstellt. Es bleibt immer noch viel zu begründen, wenn das Gericht zur Entscheidung kommt, Gott abschaffen zu müssen, weil es die Vernunft gebietet. Es ist also einiges zu tun, ehe die Gerichtsakte „Theodizee“ geschlossen werden kann. Die Christen müssen sowieso bis zum Endgericht warten. Bis dahin haben die Gottesleugner auch Zeit, das Böse und die von ihm verursachten Übel zu heilen.

Eckhard Bieger S.J.

Links:
Keine Welt ohne Leid
Religion wegen des Bösen

Ein Gedanke zu “Gott vor dem Gericht der Vernunft

  1. Wenn Gott alles erschaffen hat, so auch den sogenannten Südenfall.
    Im alten Testament ist es die Geschichte von Adam und Eva.
    Mathematisch wurden aus dem einen Ganzen eine Zwei.
    Es entstand die Polarität, manche nennen es ying yang.
    Doch diese zwei Pole befinden sich immer noch in dem Einen.
    So im Ying Yang Zeichen gut dargestellt.
    Gott beinhaltet also Gut und Böse, ebenso Wärme und Kälte, Liebe und Hass, Hell und Dunkel.
    So beinhaltet das was wir Gott nennen Alles was ist und das nennen wir auch Leben. Ohne Hass könnten wir nich sagen, was Liebe ist, ohne Dunkelheit könnten wir Licht nicht beschreiben.
    Alls das Eine sich teilte, entstand Leben.
    Das eine wertet diese Polaritäten, sprich Gut und Böse nicht, aber es gab uns das Leben.
    Wenn wir Menschen aufhören könnten zu bewerten wären wir Eins.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s