Die kluge Wahl der Worte

Wenn es ernst wird oder ist, kommt es darauf an, seine Worte gut abzuwägen, um die Absicht des Gesagten nicht in eine ungewünschte Richtung zu bringen. Ein unbedachtes Wort kann schnell zu Irritationen oder gar diplomatischen Konflikten führen. Es scheint bei aller Korrektheit im Gebrauch der Wörter übersehen zu werden, dass die vermutete oder hineininterpretierte Absicht maßgeblich von der Atmosphäre bestimmt wird, die besteht oder durch die Inszenierung erst initiiert wurde. Authentizität, die tatsächliche oder angenommene Übereinstimmung von Absicht und Gesagtem, scheint ein wichtiges Element hierfür zu sein. Doch auch hier wird vergessen, dass es einer inneren Freiheit bedarf, gegen seine eigenen Absichten zu argumentieren, um sich auf die Zuhörer einschwingen zu können.

Thomas Holtbernd

Foto: hinsehen.net

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Worte können verletzen. Doch genauer betrachtet, sind es nicht die Worte, die verletzen. Es sind die Ausstrahlung des Sprechers, die Situation, in der etwas gesagt, die Intention, mit der etwas gesagt wird und die spürbar ist. Es kann auch eine Intention sein, die nur vermutet wird und von dem Sprechenden gar nicht initiiert wurde. Insofern können eine geschliffene Sprache oder die Erweiterung des Wortschatzes die Möglichkeit des Verletzens lediglich reduzieren, jedoch nicht wirklich verhindern. So bedarf es zunächst des Mutes, die Gefahr einzugehen, dass ein Wort einen anderen Menschen verletzen kann. Diese Möglichkeit lässt sich nie wirklich ausschließen. Die Gefahr dieser Möglichkeit korreliert mit der Atmosphäre, die in einer Situation herrscht. Es geht für einen Redner, einen Gesprächsteilnehmer darum, eine Atmosphäre herzustellen, die von einem Wohlwollen getragen ist und den anderen als Gesprächsteilnehmer trotz seiner vielleicht gezeigten Beschränktheit, „falschen“ Meinung und vielleicht sogar seiner unsympathischen Erscheinung  immer Teil der Kommunikationsgemeinschaft sein lässt.

Das erste Wort ist bereits eine Gegenreaktion

Die kluge Wahl der Worte ist daher nicht vom Inhalt her bestimmt, sondern zuallererst von der Auswirkung auf die Atmosphäre. Die Kriterien, die eine Atmosphäre wiederum bestimmen, sind äußerst vielfältig. Grundlegend ist jedoch ein zeitlicher Aspekt. Man könnte es den ersten Eindruck nennen. Das erste gesprochene Wort ist bereits eine Gegenaktion auf die Reaktion zum Eindruck, den jemand gemacht hat. Paul Watzlawick hat mit seinen Axiomen der Kommunikation deutlich gemacht, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Wenn aber das erste Wort bereits eine Reaktion ist, und diese wiederum schon eine Gegenreaktion ist, so ist die kluge Wahl der Worte, der gekonnte Einstieg in eine bereits bestehende Atmosphäre. Zwar mag ein Mensch mehr als ein anderer solche Atmosphären bestimmen, doch die kluge Beschränkung der eigenen Meinung über seine Wirkung, man könnte diese auch Bescheidenheit nennen, zwingt zu einem Einschwingen in eine Situation. Das gesprochene Wort ist ein kluges Balancieren zwischen Schauspiel und ehrlicher Selbstoffenbarung, wobei von außen nie wirklich auszumachen ist, was echt und was gespielt ist.

Die kluge Antwort auf Erwartungshaltungen

Vielleicht könnte man behaupten, dass z. B. ein Redner, der sehr viele Reden vor unterschiedlichem Publikum gehalten hat, sein erstes Wort bereits so geschliffen und zur Floskel hat werden lassen, dass dieses Wort eine Atmosphäre trägt, die zu einer Haltung und damit zum Habitus des Redners geworden ist, der sich dieser Wirkung immer wieder überzeugt hat. Er betritt den Raum und alle Anwesenden können das erste Wort bereits spüren und fühlen sich dann bestätigt, wenn es auch tatsächlich fällt. Bei Konzerten ist dieser Effekt häufig zu beobachten. Der Künstler gibt seine erste Zugabe und alle wissen, welches Stück es sein wird. Die Atmosphäre ist da. Würde ein bestimmtes Stück nicht gespielt, wären die Zuhörer enttäuscht und die Stimmung könnte kippen. Eine vermeintliche Authentizität ist manchmal nicht mehr als das geschickte Eingehen auf gestellte Erwartungen. Das Publikum mag zufrieden und begeistert sein, allerdings wird es keinen Fortschritt gegeben haben. Um Menschen zum Nachdenken anzuregen, bedarf es der Spannung zwischen dem Bekannten und einer ungewohnten, provokanten oder einfach anderen Position. Diese Differenz erzeugt der Sprecher eines Wortes durch die innere Freiheit, sich von seiner eigenen Position entfernen zu können, damit eine möglicherweise zu große Diskrepanz zwischen den Positionen nicht zu einem Übergewicht seiner eigenen Meinung führt und damit zu einem Widerstand gegen die Übermacht der Wirkung seiner Position. Die kluge Wahl der Worte ist dann zu bestimmen als ein Jonglieren mit der Macht und nicht als ein sicheres Wählen des richtigen Wortes.

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