Auf der Suche nach dem Glück

Ein neues Jahr oder der Abschluss des alten Jahres ebenso wie ein wichtiger Einschnitt im Leben oder eine anstehende Aufgabe können der Grund sein, warum Menschen die Frage nach dem Glück stellen. Diese Frage verlangt eine Veränderung und das wiederum kann sich in Bewegung äußern, die mehr ist als nur ein Voranschreiten. Dieses Sich-Aufmachen wird aufgeladen mit Sinn, Spiritualität, Religiosität oder einfach nur mit einer großen Erwartung. Das Pilgern scheint hierfür eine moderne Übung zu sein.

Thomas Holtbernd

Der Beginn neuzeitlichen Pilgerns liegt weit vor 2001 und Hape Kerkeling. Shirley MacLaine veröffentlichte, als Hape Kerkeling loszog, bereits ihre Erfahrungen mit dem Pilgerweg. 1987 hatte Paulo Coelho sein Tagebuch einer Pilgerreise als Buch herausgebracht und damit wohl viele Suchende motiviert, den camino zu gehen. Kennzeichnend für diese drei Pilger ist es, dass sie im herkömmlichen Sinne nicht religiös ambitioniert waren. Paulo Coelho wie auch Shirley MacLaine kann man als esoterisch orientiert bezeichnen. Hape Kerkeling ist zwar katholisch sozialisiert, doch ist sein Buch keineswegs ein Glaubensbekenntnis oder die Beschreibung einer religiösen Erleuchtung bzw. das Wiederfinden dessen, was man in der Kindheit mal geglaubt hat. Die Neuentdeckung des Pilgerns scheint die Esoterik und die Vermischung religiöser Weltbilder, wie sie vielleicht schon mit Siddharta von Hermann Hesse 1922 begonnen hat, in eine Dimension geführt zu haben, die neben der Weltanschauung auch das mühevolle Üben einschloss. Mittlerweile könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Üben in den Vordergrund gerückt ist.

Das weltliche Anliegen des Pilgerns

Die westliche Welt, die von vielen als säkularisiert beschrieben wird, bietet Suchenden kaum Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, da ein untergründiges Gefühl besteht, im Beruf wie im privaten Bereich von Mechanismen des Systems bestimmt zu werden. Wer sich „menschlich“ verhalten will, wird von den Bedingungen der Arbeitswelt ausgebremst. In Krankenhäusern gilt das ökonomische Prinzip, die Sicherung der Arbeitsplätze steht vor dem Erhalt der Umwelt, Banken werden gerettet und der soziale Ausgleich wird verschoben. Gegen Intuition und Wissen werden Maßnahmen ergriffen, die den kurzfristigen Umsatz und Gewinn steigern. Obwohl jedem bekannt ist, wie die niedrigen Preise für Konsumgüter zustande kommen, verzichten nur wenige auf ihre regelmäßige Fleischportion oder das neue Smartphone. Denn der Aufstand einzelner Menschen gegen das System hat offenbar nichts verändert. Und wenn Nachrichten über eine positive Entwicklung verbreitet werden, ist nicht mehr sicher, ob solche Informationen nicht von Jugendlichen in Mazedonien ausgedacht wurden, um durch Fakenews, die eine hohe Klickzahl erwarten lassen, Geld zu verdienen. Glücksübungen und ebenso Techniken der Selbstfindung zeichnen sich durch eine Unabhängigkeit von weltlichen Beeinflussungen aus. Diese kann man durch Training zu erreichen versuchen. Fitnessstudios, Ironman, Marathon u. ä. scheinen eine Antwort darauf zu sein. Diesen „Fitnessangeboten“ fehlt jedoch die inhaltliche Dimension. Das Pilgern ist aufgrund des offensichtlichen Zusammenhangs mit religiösen Traditionen und damit einer weltanschaulichen Orientierung verbunden. Weil das Pilgern jedoch ohne einen festumrissenen institutionellen Rahmen möglich ist, kann jeder pilgern wie er will, er muss nur auf dem Weg bleiben.

Das Glück ist Übung mit Sinn

Viele Angebote für Glückssucher sind oft lediglich gut angepriesene kommerzielle Produkte. Sie unterliegen Trends und den Gesetzen des Marktes. Das Pilgern ist durch eine gewisse Weltfremdheit bestimmt, die es vor solchen Zugriffen zumindest teilweise schützt. Der Glückssucher kann sich sicher sein, dass diese Form des Übens nicht nur ein Versprechen ist, sondern tatsächlich als Übung Sinn vermittelt. Die Sensibilität für oberflächliche Glücksübungen kann davor bewahren, dass man sich an den Wendemarken seines Lebens oder gegebenen Zeitpunkten für gute Vorsätze von dem Gedanken leiten lässt, dass Glück das Ergebnis eines Übens mit vollem Einsatz ist. Und damit sind nicht eine körperliche Grenzerfahrung und die Steigerung der Fitness gemeint, sondern das Beteiligtsein des ganzen Menschen mit allem was er hat und ist. Das ist zunächst überhaupt nicht anstrengend, es verlangt eine Entscheidung oder noch eindeutiger ein Ja zu sich selbst. Die Suche nach Glück verwandelt sich damit zur Aufgabe der Selbstentfaltung bzw. zum gelungenen Leben.

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