Den Tatsachen hinter die Stirn geschaut

Darf man so überheblich sein und andere Menschen als Affen bezeichnen? Ist es vielleicht sogar geboten, andere vor solchen Wesen zu warnen? Und kann es trotzdem versöhnlich sein, die Tatsache zu benennen, dass man einen anderen Menschen mit einem Affen vergleicht? Die Beantwortung solcher Fragen ist erstens abhängig davon, ob man eine solche Äußerung in Wut tätigt und zweitens, was genauer damit gemeint ist, wenn man jemanden als einen Affen bezeichnet.

Thomas Holtbernd

Um andere Menschen durch den Vergleich mit einem Tier zu beleidigen, steht eine große Bandbreite zur Verfügung. Jemand ist dumm oder stur wie ein Esel, blöd wie eine Kuh, eine dumme Pute, ein stolzer Hahn, ein Knallfrosch, listig wie die Schlange oder schlau wie ein Fuchs, ein dummes Kamel, ein Hornochse, eine dumme Gans, ein blöder Affe, jemand hat einen Vogel oder eine Meise unterm Pony, kleidet sich bunt wie ein Papagei, ist eitel wie der Pfau, eine dreckige Ratte, eine dumme Sau oder ein dreckiges Schwein. Es kommt darauf an, wie solche Schimpfwörter ausgesprochen werden, sie können eher harmlos klingen oder aus einem tiefen Hass heraus gegen einen anderen Menschen geschleudert werden. Es scheint, dass die Absicht, einen Menschen durch den Vergleich mit einem Tier als dumm zu bezeichnen, mehr einem Genervtsein entspringt und nicht unbedingt eine große Feindseligkeit ausdrückt. Formulierungen wie dreckige Ratte oder dumme Sau klingen dagegen hasserfüllt, auch wenn sie nur leise ausgesprochen werden.

Foto: hinsehen.net

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Die dummen Affen

Der Vergleich mit den Affen bekommt seine besondere Bedeutung durch die Tatsache, dass die Ähnlichkeit zwischen Affe und Mensch sehr groß ist. Manchmal scheint es gar äußerlich nur ein kleiner Grat zum Affen zu sein. Der Vergleich mit dem Affen kann als Vorwurf verstanden werden, dass der andere nicht zu seinem vollen Menschsein gekommen ist oder sich in einer bestimmten Situation so verhält, dass man meinen könnte, da fehle der wesentliche Schritt zum Menschsein. Und diesen entscheidenden Punkt des Übergangs zu benennen, ist das Rätsel, mit dem sich die Philosophen spätestens seit Aristoteles immer wieder beschäftigt haben. Ob jemand also eine treffende Aussage macht, wenn er einen anderen als einen Affen bezeichnet, kann gar nicht beantwortet werden. Allerdings wird indirekt mit einem solchen Schimpfwort ein Anspruch an das Menschsein in den Raum gestellt. Und dieser Anspruch kann im Gegensatz zu dem, was das Tier, speziell den Affen, vom Menschen unterscheidet, geklärt werden. Selbst bei einem unversöhnlichen Streit über einen solchen Anspruch bliebe die gemeinsame Feststellung, dass es für das mitmenschliche Zusammenleben als auch für das eigene Selbstverständnis notwendig ist, etwas zu definieren, was als ein Ideal gelten könnte. Ein dummer Affe wäre nur der, der sich dieser Auseinandersetzung gegenüber verschließt.

Der Mensch, ein unfreier Affe

Das Schimpfwort „Du blöder Affe“ impliziert in gewisser Weise dann die Tatsache, dass sich jemand die Freiheit nimmt, sich nicht an die stillschweigende Vereinbarung zu halten, dass alle Menschen einen Anspruch an das Menschsein aufrechterhalten. Diese selbstbestimmte Unfreiheit kann nicht weiter hinterfragt werden, sie gilt oder sie gilt nicht. Menschen, die hierüber nicht reden wollen, bzw. diesen Anspruch nicht gelten lassen, sind eine Gefahr für die menschliche Gesellschaft, da mit ihnen keine gemeinsame Zielperspektive entwickelt werden kann. Allerdings leidet der Diskurs auch oft darunter, dass aufgrund unterschiedlicher Meinungen die Annahme getroffen wird, es gäbe die gemeinsame Ausgangsposition nicht. Der Mensch, als unfreier Affe, beschränkt seine Freiheit auch hier. Wenn die Voraussetzung gilt, dass ein Anspruch ans Menschsein gestellt werden muss, dann gilt auch die vorläufige Annahme, dass der andere es ebenso tut und daher immer überprüft werden muss, ob sich der andere aktuell wie ein Affe zeigt oder generell diesen Schritt nicht machen will. Letztendlich ist Menschsein damit das Risiko, sich im Menschseinwollen des anderen täuschen zu können.

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