Vom Unscheinbaren zum Schönen

Das hässliche Entlein wird einmal ein Schwan werden. Wer als Säugling hässlich ist, wird später mit seiner Schönheit überzeugen. So spricht der Volksmund. Die Königin der Nacht öffnet ihre Schönheit nur für wenige Stunden im Dunklen. Und überhaupt scheinen die meisten Gewächse ihre Schönheit nur ungern zu zeigen. Das Besondere von Schönheit ergibt sich aus der Seltenheit oder dem zeitlich sehr begrenzten Raum. Das Schöne entspringt oft dem Unscheinbaren oder Unauffälligem.

Thomas Holtbernd
blueten
Die Amaryllis wächst aus der Zwiebel als grüner Stängel, die Blüte entspringt der oberen Spitze. Unscheinbar wirkt diese Pflanze, bis sie erblüht. Und sie zeigt ihre Schönheit im Winter. Aus dieser Beobachtung lässt sich kein allgemeines Gesetz ableiten. Vor allem kann keine Kausalität angenommen werden im Sinne von: Wer sich unscheinbar gibt, wird irgendwann einmal wegen seiner Schönheit bewundert werden. Manche Menschen handeln jedoch nach dieser Devise, sie wollen entdeckt werden und warten darauf, dass endlich jemand wahrnimmt, wie schön, bedeutend, klug oder liebenswert sie sind. Will man im Bild der Blumen bleiben, so widerspricht die Tatsache, dass die Blüte nur eine kurze Zeit erscheint, einer solchen Erwartung. Die Schönheit der Blume wird nicht endlich einmal gesehen, vielmehr bedarf es der Fähigkeit des Wartenkönnens und des Wissens um den ungefähren Zeitpunkt des Blühens. Und die Blume ist auch ohne Zuschauer schön.

Die Freiheit zur Schönheit

Vereinfacht könnte man sagen, die Blume macht nichts Besonderes, sie ist einfach nur das, was ihr als Bestimmung gegeben ist. Es ist nicht ihre freie Entscheidung dafür, schön zu sein. Ihre Freiheit besteht darin, genau das zu sein, was sie genetisch vorbedingt ist. Und gerade deshalb erscheint sie ihren Bewunderern als schön. Eine solche Betrachtungsweise ist anthropomorph. Es wird so getan, als könne man tatsächlich eine Blume mit dem Menschen vergleichen. Auf der anderen Seite ist der Mensch zunächst einmal auch nicht mehr als ein Objekt der Natur. Natürliche Schönheit bei einem Menschen wird in der Regel auch höher bewertet als ein Körper, der mithilfe von Schönheitsoperationen einem Ideal von Schönheit nachgeformt wurde. Einige prominente Luxusdamen prahlen mittlerweile sogar damit, dass ihre Korrekturen wieder rückoperiert wurden. Und wenn schon Maßnahmen ergriffen werden, dann sollen sie möglichst „natürlich“ aussehen. Solche Eingriffe gelten als perfekt, wenn sie so geschickt gemacht sind, dass der Betrachter sie als Manipulation nicht erkennt und der Eindruck entsteht, die Schöne oder auch der Schöne seien ganz sie selbst.

Das unauffällige Auffällige

Aufdringlichkeit oder die offensive Präsentation der eigenen Schönheit wie auch eines schönen Gegenstands, führen zu einer Gegenwehr. Das Schöne spricht für sich. Bescheidenheit unterstreicht diese Eigenschaft eher als ein unumstößliches Selbstbewusstsein. Das Schöne ist selbstverständlich, es muss nicht betont werden. Die Zurückhaltung ist vielleicht als eine Verzückung zu verstehen, die um die Empfindlichkeit der Atmosphäre weiß. Das ästhetische Erleben von etwas Schönem erzwingt eine genießerische Stille. Wird das Schöne zu laut, so wäre diese betrachtende Atmosphäre zerstört. Es verschlägt den Atem. Das Schöne zu betrachten, kann körperliche Schmerzen erzeugen, die nicht wehtun und doch tiefer gehen als peinigende Schmerzen. Das Schöne zerstört nicht, während Schmerzen so heftig und existenziell werden können, dass Menschen ihrem Dasein ein Ende setzen wollen. Das Passivsein bzw. das Unauffällige des Schönen macht es dem Betrachter möglich, den Gegenstand nur bis zur selbst gesetzten Schmerzgrenze an sich heranzulassen.

Himmlisch schön

Das Schöne mit Begriffen zu beschreiben, die das Unerreichbare benennen, scheint daher nicht zufällig zu sein. Ist etwas göttlich oder himmlisch, exorbitant schön o. ä., dann wird der realistische Vergleich von vornherein ausgeschlossen. Der Schmerz des Unerreichbaren wird umgangen, die Schönheit bleibt auf Abstand. Das Schöne selbst sorgt dafür, dass es nicht ergriffen werden kann, weil es nur kurz oder in der Nacht aufblüht und vergänglich ist. Das Schöne bleibt ein Schmecken des Unbegreiflichen, dem Verzehr, dem Behaltenwollen, entzieht es sich.

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