Die Schönheit einer Tür

Ein Haus betritt man durch eine Tür. Sie muss geöffnet werden und damit ist sie nicht nur die Möglichkeit einzutreten, sondern auch die Unmöglichkeit des Eindringens für Unbefugte. Die Bewohner schützen sich vor ungewollten Besuchen. Um diese Funktion zu erfüllen, könnte eine Tür schlicht und funktional sein. Ein Gang durch die Straßen macht schnell deutlich: Türen sind mehr. Sie scheinen die Bewohner zu kennzeichnen und verweisen auf mehr als die Hausnummer.

Foto: hinsehen.net

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Menschen wollen behaust sein, Kinder bauen sich eine Bude, um sich zu verstecken oder einen Ort zu haben, der Geborgenheit und Intimität vermittelt. Viele Menschen träumen davon, ein eigenes Haus zu besitzen, das sie sich so einrichten können, wie sie es wollen. Selbst, wenn es sehr warm ist, möchten wir uns umgeben mit etwas, was uns schützt. Und wenn nichts anderes zu greifen ist, dann tut es auch eine Zeitung. Dieses Drumherum schützt uns vor den Blicken der anderen und wir können uns einmummeln.

Der Handschlag

Die Begegnung mit einem Menschen beginnt oft – zumindest in unserer Gesellschaft – mit dem Handgeben. Wie uns jemand die Hand gibt, teilt sehr viel über seinen Charakter mit. Der Handschlag ist wie eine Visitenkarte. Die Tür eines Hauses könnte ähnlich interpretiert werden, sie ist die erste handfeste Erfahrung mit den Bewohnern. Eine Eisentür wirkt anders als eine filigrane Holztür. Assoziationen über das, was durch die Tür geschützt werden soll, entstehen. Hinter einer Panzertür erwartet man etwas anders als hinter einer Papiertür. Eine Haustür in einem Mehrfamilienhaus drückt weniger die Eigenarten der Bewohner aus als die Haustür einer Villa. Türen in öffentlichen Gebäuden sind funktional gestaltet, die Haustüren eines Eigenheims scheinen mehr als das sein zu wollen. Beim Gang durch eine Siedlung fällt meist auf, dass die Architektur der Häuser gleich ist, die Tür jedoch von Haus zu Haus jeweils irgendwie anders ist: eine andere Farbe, das Türfenster ist anders geschnitten, das Glas hat eine eigene Note. Durch die Tür treten die Gäste ein und hier sollen sie wissen, mit welchen Bewohnern man es zu tun haben wird.

Die Tür als Auge

Die Tür zwingt den Eindringling zu klingeln, zu warten, bis ihm die Tür aufgemacht wird. In dieser Zeit des Wartens kann es sein, dass die Bewohner den um Einlass Bittenden bereits beobachten, durch einen Spiegel, eine Videoanlage o. ä. Die Tür erscheint wie ein Auge. Und gleichzeitig scheint die Tür in ihrer Eigenart zu sprechen. Eine schwere Holztür ohne Fenster enthält die Botschaft: Hier kommst du nur mit Anstrengung herein. Ein Fenster in der Tür erlaubt einen ersten Eindruck vom Inneren zu bekommen. Die Tür kann so dick und kompakt sein, dass kein Geräusch von innen nach außen dringt. Lässt sich durch die Tür vernehmen, dass dahinter jemand ist, kann der Bewohner sich nur schwer verleugnen. Mit dem kleinsten Geräusch könnte er sich offenbaren oder verraten.

Die Art der Begegnung

Der Handschlag, die Visitenkarte und eben auch die Tür können ein Hinweis darauf sein, wie die kommende Begegnung sein wird. Eine offene Tür oder gar keine Tür sind dabei keineswegs Zeichen für eine ungezwungene Begegnung. Betritt man ein Haus durch eine offene Tür, ist nicht klar, ob man gewünscht ist, vielleicht stört man gerade die Intimität. Erst die Tür, die geöffnet wird, ist die Botschaft, dass die Bereitschaft zum Kontakt besteht. Die Gestaltung der Tür kann einladend oder abweisend sein, kann mehr Ausdruck dafür sein, dass hier jemand aus dem Haus geht oder dass es gern gesehen ist, wenn andere durch die Tür hineingehen. Man scheint Türen anzusehen, ob sie oft geöffnet werden oder nur sehr selten. Türen sind wie eine Duftmarke der Bewohner. Sie deuten an, wie der Bewohner seinen Kopf durch sie stecken und den Gast empfangen wird. Oder ob die Tür als Bollwerk gegen das Außen wirken soll.

Thomas Holtbernd

 

 

 

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