Was ist der Baum?

Wie verhält es sich eigentlich, wenn die Blätter vom Baum gefallen sind? Ist der Baum dann noch ein Baum? Woher meinen wir zu wissen, dass im nächsten Frühjahr der Baum wieder eine andere Gestalt annehmen wird? Was macht den Baum aus? Wir rufen in der Regel innere Bilder ab, die sich im Laufe der Zeit bei uns angesammelt haben. Aus diesem Wissen heraus folgern wir, wie ein momentaner Zustand in einen anderen übergehen kann. Dieses Bewusstsein über die Zusammenhänge in unserer Welt scheint eindeutig und abgesichert zu sein. Naturwissenschaft und Technik lassen hieran keinen Zweifel. Es ist jedoch auch ein anderer Weg denkbar: Das leibliche Hineinfühlen in etwas Anderes und ein hierdurch erworbenes Wissen über die Wesenheit des Anderen.

Angenommen, der Baum wäre so wie wir ihn im Winter sehen können und wir hätten vorher nie einen Baum gesehen. Das Objekt unseres Sehens erschiene uns zunächst als statisches Gegenüber. Der Baum wäre so wie er in diesem Moment erscheint. Gäbe es dann überhaupt eine Ahnung davon, dass der Baum uns auch in einer anderen Gestalt erscheinen kann? Wahrscheinlich würden wir von der Annahme ausgehen, dass jeder Gegenstand sich ändern kann, weil wir andere Objekte bereits beobachtet haben, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht endgültig festgelegt waren. Dies wäre ein Rückschluss auf den Baum, jedoch nicht eine Folgerung, die wir aus einem bestimmten Erleben mit dem Baum heraus treffen.

Die Mittelbarkeit unseres Beobachtens

Nehmen wir etwas wahr, so tun wir dies immer mit einem Vorwissen und Vorerfahrungen. Hören wir ein Geräusch, dann haben wir gleich eine Fantasie darüber, was dieses Geräusch hervorruft. Kosten wir einen Wein, werden die Sinneseindrücke gleich in Bilder gebracht. Wir schmecken nicht wirklich Kirschen oder dunkle Beeren, wir sprechen allerdings in dieser Weise. Es dient der Verständlichkeit, wenn wir eine Wahrnehmung gleich in ein Bild oder eine Metapher übersetzen. Diese Übersetzungen wirken meist so geschlossen, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, inwieweit Objekt und beschriebenes Objekt identisch sind. Eine unmittelbare Wahrnehmung, wie sie z. B. in der Meditation erfahren werden kann, lässt sich nicht wiederholen, es lassen sich keine konkreten Verfahrensanweisungen geben, die eine solche Erfahrung absichern und garantieren. Ein wenig ketzerisch ließe sich die These aufstellen, dass auch bei naturwissenschaftlichen Experimenten keineswegs durch den genormten Versuchsaufbau wiederholbare Ergebnisse erzielt werden können. Die Verlässlichkeit der Versuchsanordnung beruht im Wesentlichen darauf, dass es eine Einigung über die sprachliche Formulierung der Ergebnisse gegeben hat. Ein unmittelbares Erfassen der Wirklichkeit lässt sich weder bei unseren Alltagserfahrungen noch bei naturwissenschaftlichem Beobachten konstatieren. Mystische Erfahrungen von Verschmelzung, der Auflösung von Subjekt und Objekt, gelten als normabweichend. Zwar werden sie nicht grundlegend abgelehnt, doch als irrelevant für die Erfassung der Wirklichkeit definiert.

Leibliches Erfassen der Wirklichkeit

Eine dritte Möglichkeit der Wirklichkeitserfassung ist die Annahme, dass der Mensch in seiner Leiblichkeit verstanden wird und damit wesensmäßig als ein Subjekt, das sich nur in der Beziehung von Erfahrung und Erfahrenem als Subjekt weiß. Das Äußere ist damit Teil der inneren Erfahrung und nicht lediglich ein äußeres Objekt. Der kahle Baum als eine leibliche Erfahrung ist vergleichbar mit der Wahrnehmung körperlicher Sensationen. Was die Instanz, die dies wahrnimmt, jedoch ist, kann nicht einfach als Seele bezeichnet werden. Im Sinne des Johannesprologs kann gesagt werden, dass das Wort Fleisch geworden ist, also die Seele keine eigene Instanz darstellt, sondern im Fleisch erscheint. Damit wäre der Mensch Teil des Ganzen und die Seele eines Anderen erscheint in der Beziehung zum Anderen. Der kahle Baum entäußert sich in der Beziehung, die durch die Wahrnehmung entsteht und der Beobachtende kann Informationen über den Baum erfassen, die über die rein visuelle Wahrnehmung hinausgeht. Dass der Baum im nächsten Frühling wieder Blätter bekommen wird, entspringt zwar auch dem Bewusstsein, da wir die Verwandlung des Baumes mehrmals erlebt haben, es resultiert jedoch auch aus dem Wissen über das Sein des Baumes, das uns in der leiblichen Beziehung zu ihm erscheint.

Thomas Holtbernd

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