Umrisse des Grenzenlosen

Beim Blick aufs Meer kann die Frage auftauchen, wo der Himmel und wo das Meer sei. Mit unseren Augen ist es uns nicht möglich, eine genaue Grenze zu ziehen. Es gibt einen Graubereich, in dem wir einen Strich zwischen Wasser und Wolken annehmen. Wir meinen zu wissen, dass an dem angenommenen Strich das Meer und der Himmel weitergehen. Das Unendliche, so scheint es, ist eine Annahme, wissen tun wir es nicht und es entzieht sich immer wieder unserer Erfahrung.

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Foto: Thomas Holtbernd, hinsehen.net

Wahrnehmen und Erklären

Unsere Gedanken oder Fantasien zum Ende der Welt und auch unseres Lebens sind Konstrukte. Wenn Menschen die Idee hatten, dass die Erde eine Scheibe sei, so haben sie den Ausgang bei ihren Wahrnehmungen genommen. Dass diese Annahme falsch ist, kann man nur treffen, wenn eine Abstraktionsebene eingenommen wird. Insofern sind Erkenntnisse ein Wegsehen von dem, was man tatsächlich wahrnimmt. Sobald auf der abstrakten Ebene erklärt und verstanden worden ist, dass das Meer am Horizont nicht aufhört, ist es schwer, weiterhin zu glauben, dass die eigene Wahrnehmung richtig sei. Es bleibt jedoch ungeklärt, wie unser Gehirn tatsächlich den Widerspruch zwischen dem Wahrgenommenen und dem Erklärten verarbeitet.

Gewissheiten

Viele Erfahrungen in unserem Leben sind unhinterfragt, da kommt es gar nicht in den Sinn, eine andere Möglichkeit als die angenommene in Betracht zu ziehen. Im Allgemeinen beziehen wir solche Gewissheiten auf Einstellungen. Die Kritik besteht darin, dass man unkritisch sei und wissenschaftlich zu wenig nachgeforscht habe. Wir wissen, dass lange geglaubt wurde, die Erde sei eine Scheibe und durch Beobachtungen schließlich erkannt worden sei, dass die Annahme falsch ist. Aber auch diese Erkenntnis haben wir von der eigentlichen Erfahrungen abgekoppelt. Das Aufgeben bislang geglaubter Vorstellungen ist eine Erkenntnisleistung, die unabhängig vom Gefühlten ist. Der Beginn der abendländischen Philosophie bestand darin, durch den Verstand die Natur zu erkennen. Die Naturphilosophen entwickelten dann verschiedene Theorien darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Erkenntniskonflikt

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die bisherige Weltbilder infrage stellen, berühren nicht nur Gefühle von Angst, weil nichts mehr so ist wie es vorher war. Es ist nicht nur Sturheit, wenn Menschen beim Alten bleiben wollen. Der Widerspruch zwischen dem Erkannten und dem Wahrgenommenen muss in Richtung des Erkannten aufgelöst werden. Dies bedeutet jedoch auch, seinem Körper mit den Möglichkeiten seiner Wahrnehmungen mit einer verallgemeinerten Skepsis zu begegnen. Es entsteht das Paradoxon, dass quasi das Innen (Denken) in Konkurrenz zum Außen (Wahrnehmungen) tritt. Seit den Naturphilosophen wurde dieses Problem dahingehend gelöst, dass dem Innen gefolgt wird. Die kognitive Erkenntnis steht über dem konkret Wahrgenommenen.

Die Hölle der Abkehr

Der Kampf Innen und Außen löst Bilder aus, die sich nicht mehr auf das Wahrgenommene beziehen, sondern Fantasiebilder sind. Der Riss zwischen Wahrgenommenem und Erkanntem dürfte infernalische Bilder provozieren. Der Wunsch, dass sich beide Bereiche vereinen, evoziert Bilder, die eine himmlische Zufriedenheit darstellen. Daher sind auch die Anderen die Hölle. In der Hölle gibt es körperliche Qualen, im Himmel herrschen körperliche Wonnen. Himmlische Gefühle bekommen Menschen, wenn sie ihr Denken haben abstellen können.

Neue Wissenschaft

Vielleicht kann man es als eine neue Wissenschaft bezeichnen, wenn man sich auf den Weg macht, die körperlichen Wahrnehmungen ernst zu nehmen und dort den Ausgangspunkt für weitere Forschungen nimmt. Wissenschaft würde zu einer gefährlichen Angelegenheit, weil Erkenntnisse nicht nur Kopfgeburten wären, sondern direkt in die Gefahr führen würden. Die Erkenntnis wäre gleichzeitig eine körperliche Erfahrung. Bei Kopfgeburten entstehen keine Schmerzen und es entstehen erst hierdurch ethische Ansprüche an Forschung. Beim „körperlichen“ Forschen, spürte der Erkennende körperlich, was er gerade an Schlüssen zieht.

Thomas Holtbernd

 

 

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