Religion: wegen des Bösen

Der November stimmt auf das Ende ein und konfrontiert mit der Welt, wie sie nicht hinnehmbar ist. Deshalb gibt es eigentlich Religion. Denn am Beginn war sie nicht notwendig. Wenn alles aus Gottes Hand kommt, dann ist die ganze Schöpfung Religion. Dann wäre jede Schule, jedes Krankenhaus, jede Fabrikhalle und jedes Bürohochhaus wie eine Kirche. Überall arbeiten ja  Menschen an Gottes Schöpfung mit, sie wissen sich mit ihm verbunden, danken für ihr Dasein und bitten Gott, dass ihr Werk gelinge. Denn er hat ja selbst ein Interesse daran, dass sein Werk vollendet wird. Er hat die Evolution so angelegt hat, dass am Ende der Mensch seinen Beitrag zur Vollendung leisten kann. Irgendwie ist aber ein Bruch in der Schöpfung, so dass sie alles andere als vollendet ist.

Paradieseserzählungen: Die Welt sollte anders sein

Die Menschen auf der ganzen Welt haben sich Paradiesesgeschichten erzählt. Es gibt, ob in Ozeanien, bei den Indianern oder im Nahen Osten die Ahnung, wie es eigentlich konzipiert war. Die Erzählungen zeigen auch: Überall fühlen sich die Menschen aus dem Paradies vertrieben. Sie ahnen das Paradies, bei kurzzeitigen Zuständen des Glücks, der Zufriedenheit: Dass es auch anders sein könnte, ohne Neid, Eifersucht, ohne Gewalt und Krieg. Aber „Jenseits von Eden“ ist die eigene Existenz bedroht, durch Neid und Gewaltbereitschaft der anderen, durch die eigene Unordnung, die Abhängigkeit von einer Droge, durch Unzufriedenheit und daraus entspringende Streitlust.

Vor dem Paradies steht ein Engel - Foto hinsehen.net, Taufkapelle Bologna

Vor dem Paradies steht ein Engel – Foto hinsehen.net, Taufkapelle Bologna

Religion außerhalb  des Gartens Eden

Die Religion, wie wir sie heute haben, ist erst die Antwort auf die Vertreibung aus dem Paradies. Nun ist das Paradies nicht einfach etwas in der Vergangenheit. Es liegt ja irgendwo, denn wir wissen ja, dass es das gibt. Zumindest funktioniert die Tourismuswerbung mit den Paradieses-Motiven. Deshalb kommt in der In der Biographie des einzelnen zuerst der Protest gegen die Welt, wie sie ist. Die Trotzphase kann in eine ständige Unzufriedenheit mit den Zuständen führen. Demonstrationen sind dann der eigentlich legitime Aufstand gegen die Welt, wie sie ist. Dass Jugendliche aussteigen, wenn ihnen klar wird, dass ihnen eigentlich nur die Mühsal der Arbeit im Umfeld von Disteln und Dornen winkt, ist verständlich. Sie fliegen in die andere Welt von Australien und Neuseeland. Den Erwachsenen werden, wenigstens für einige Ferientage, von der Tourismusindustrie die „Urlaubs-Paradiese“ versprochen oder auch nur in kleinen Päckchen als Wellneswochenende verkauft.

Erlösung und Rückkehr zu Gott

Die Religion antwortet auf die Frage, die aus den Paradieseserzählungen entsteht: Wie kommt der Mensch wieder ins Paradies, aus dem er vertrieben wurde. Er muss zuerst erkennen, dass er selbst sich aus dem Paradies herausmanövriert hat. Er hat nicht Paradieses-gemäß gelebt. Deshalb muss er, so das Judentum und der Islam, zu der von Gott gewollten Ordnung zurückkehren. Da die Ordnung, die der Mensch errichten wollte, sich gegen ihn richtete, muss er zu der Ordnung zurückkehren, die Gott vorgesehen hat. Mit der Aufklärung könnte man auch sagen: Die Anerkennung der Menschenrechte ist die einzig tragfähige Basis der Gesellschaft:  „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ bringt es das Grundgesetz auf den Punkt.

Die irdische Existenz selbst ist das Unglück
Der Buddhismus geht einen entscheidenden Schritt weiter: Der Mensch muss überhaupt aus seiner irdischen Existenz befreit werden. In dieser Welt zu leben, bedeutet schon Unheil. Nur eine Herauslösung aus der jetzigen Existenzform überwindet das Leid und damit das Ungenügen an dieser Welt. Das Christentum stand auch vor dieser Alternative. Mit dem Überschreiten der Grenzen Israels gelangte in eine Vorstellungswelt, die nur das Geistige des Menschen, seine Seele für relevant erklärte. Die Seele ist in Verbindung mit dem Körper in der Klarheit des Verstandes und in ihrem Glück gemindert. Befreiung vom Körperlichen war in dieser Vorstellung das Modell der Erlösung. Da die Bibel die Menschwerdung des Gottessohnes verkündete, konnte das Körperliche nicht als Ursache des Ungenügens gesehen werden. Der Körper kann nicht Gefängnis der Seele sein, wenn Gott selbst „Fleisch geworden ist“. Der Körper ist als Leib personhaft wie das Geistige. Leib heißt dann Gegenwart, Zeitlichkeit, Biografie, Leiden und Auferstehung. Das Böse ist nicht das Körperliche, auch wenn die „fleischlichen Gelüste“ den Menschen von seinem Ziel abbringen können, das eigentlich Böse kann nur im Geistigen gesucht werden. Die Überwindung des Bösen muss geistig angegangen werden, sie kann aber nicht am Leib vorbei geschehen. Der Sohn Gottes hat sich diesem Prozess unterworfen, geistig und körperlich, mit Leib und Seele. Aber dieser Prozess erscheint vielen Menschen nicht mehr plausibel.

Infragestellung der Religion

Mit der Theodizeefrage artikuliert sich die Unzufriedenheit mit der Antwort der Religionen auf die Welt, die eigentlich anders gedacht war. Die Religionen versprechen Erlösung. Der Einwand dagegen: Warum ist es trotz der Allmacht Gottes etwas so schief gelaufen. Theodizee, also die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels, wendet sich ja gegen einen Gott, der es von Anfang an hätte besser machen können.
Die Theodizeefrage stellt nicht wie die meisten Religionen den Menschen infrage, indem sie das Übel im Geschöpf ausmachen und eine Hinwendung zu Gott fordern. Dagegen erhebt die Theodizeefrage Einspruch. Wenn das Geschöpf notwendig zum Sünder wird, dann hätte Gott den Menschen doch gleich so erschaffen können, dass er nicht erlöst werden müsste. Es geht im Jubiläumsjahr der lutherischen theologischen Revolte um den Satz im Römerbrief des Paulus: Alle haben in Adam gesündigt, deshalb müssen alle erlöst werden. “ Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten…“ Immer ist der Mensch der Schuldige. Zudem geben die Religionen ja mit Ihren Paradieseserzählungen zu, dass es anders gedacht war. Damit leitet die Theodizeefrage eine neue Epoche des Religiösen ein. Gott muss sich rechtfertigen. Aus der Infragestellung Gottes ergeben sich weitere Fragen:

  • Wie kommt die Welt wieder in Ordnung: Das Weltgericht
  • Haben die Religionen inzwischen mit ihrem Heilsversprechen das Böse zurückgedrängt oder sind sie nicht selbst Antreiber von Gewalt?
  • Wenn es keinen Gott gibt, wie es die Argumente der Gegner der Religion nahelegen, wie erklärt sich dann das Böse? Es müsste ja dann aus der Logik der Evolution erklärbar sein.
  • Was sagt die Philosophie auf die Einwände der Religionskritik? Kann es überhaupt im Denken eine Lösung des Problems geben?
  • Was sagen die Religionen auf die Theodizeefrage?

Eckhard Bieger S.J.

Ein Gedanke zu “Religion: wegen des Bösen

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