Denken hören – Hören denken

Lässt sich aussprechen, was sich im status nascendi befindet und erst noch ein Gefühlserleben ist? Gibt es eine Sprache, die ein solches Gefühl mit der Ratio verbindet? Diese Fragen ernsthaft zu stellen, führt zu einer notwendigen Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Gleichzeitig eröffnet ein solches Nachforschen eine neue Perspektive auf Religion und Individualität. Zudem verlangt die Beantwortung einen gewissen Dekonstruktivismus. Hans Zender, Dirigent und Komponist, legt mit seinem Buch hierfür eine assoziativ angelegte Einweisung vor.

Vielleicht ist es Wiesbaden, vielleicht ist es das Interesse an den Dingen, die nur schwer zugänglich sind, Hans Zender wurde am 22.11.1936 in Wiesbaden geboren, der Stadt, in der auch Helmuth Plessner aufwuchs. Der eine, Hans Zender, ist Musiker, Dirigent und Komponist, der andere war Philosoph, Biologe und Soziologe. Beide stoßen in ihrem Bemühen um die Wirklichkeit auf das Unaussprechliche, der Musiker nennt es den vorsprachlichen Mythos, der Philosoph Plessner spricht eher formal von der exzentrischen Positionalität. Was Helmuth Plessner für das Lachen anschaulich beschreibt, das entfaltet Hans Zender in durchaus ähnlicher Weise für die Musik.

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Die kritische Begleitmusik

Es gibt Erfahrungen, die können nicht zeitgleich mit einem kritischen Reflektieren über das gerade Geschehende ablaufen. Während des Lachens ist man nicht in der Lage zu denken und beim intensiven Musikhören würde es stören, wenn analysierend zugehört würde. Solche Anstrengungen sind ein Willensakt: „Der Wille muß das Denken also dazu bringen, sich entspannt zu öffnen; nicht etwa dazu, sofort kritisch zu reflektieren.“ Erst nach dem Erleben kann daran gegangen werden, Worte für das zu finden, was gerade ‚passiert‘ ist. Das kritische Rauschen beim Lachen oder Hören ist gerade, dass man sich der Kritik enthält, sich erst mitnehmen lässt und danach in Worte bringt, was wie ein Nachhören ist. Dass man hierfür nur schwer oder gar nicht die richtigen Worte findet, liegt daran, dass mit dem Verzicht auf das Analysieren im Augenblick der Wahrnehmung eine offene Dimension des Verstehens akzeptiert wird. Um besser das Phänomen beschreiben zu können, hilft keine Wortschatzerweiterung, sondern das Bemühen um eine intensivere Erfahrung, die Gefühle ganz tief anrührt. „Gefühle sind aber noch keine Formen der Mitteilung: dazu bedarf es Zeichen.“ Und noch nicht einmal Zeichen sind möglich, wenn es um das Hören geht. Lässt man gelten, dass Musik eine Form der Sprache ist, so vermengen sich in ihr Anfang und Ende oder Gegenstand der Betrachtung und Beschreibung des Gegenstands. Musik verbleibt in einem Stadium des Vorläufigen, denn das, was Musik zum Ausdruck bringt, kann nicht noch einmal in eine andere Sprache übersetzt werden, bzw. eine Übersetzung wäre schon wieder eine eigenständige Interpretation. Es wird auf etwas verwiesen, was gleichzeitig intensiv erlebt wird.

Der Körper des Dirigenten

Hans Zender erzählt von Augenblicken, die wie auch bei der Erforschung von Spiritualität, Verschmelzung mit der Welt genannt werden können. Der Dirigent hat keineswegs die Aufgabe, dem Publikum einen Ausdruckstanz darzubieten, das wirkt wie eine Show und kann als Effekthascherei bezeichnet werden. Der Dirigent macht seinen Körper zum Resonanzboden für die Interaktion zwischen dem Musikstück und den Musikern, wie wohl auch des hörenden Publikums. Aus diesem Fühlen heraus fließen Bewegungen, die minimalistisch sein können und vielleicht bedarf es dafür gar keiner Bewegung. Ein der Allgemeinheit recht bekanntes Beispiel dafür ist James Last. Seine sehr zurückgenommenen Bewegungen beim Dirigieren waren eher Verlegenheitsgesten. Als Zuschauer wunderte man sich, wieso er überhaupt irgendwelche Bewegungen machte. Das Dirigieren ist ‚angewandtes Hören‘, wie es Hans Zender formuliert. Wer sehr aufmerksam zuhört, richtet sich aus und bewegt sich beim konzentrierten Hören kaum, denn die Bewegung könnte das Gehörte verzerren. Daher muss ein Wagner anders dirigiert werden als ein Mozart, denn der Dirigent hört ja einem anderen Menschen zu. Und seltsamerweise hört „der Dirigent für kurze Momente die sich nahende Zukunft“, weil er nicht nur dem Komponisten sondern auch den Interpreten gut zuhört und sich daher in sie einverleibt. So spürt er das Wissen der Musiker um ihre Schwächen, ihr Unkonzentriertsein o. ä.

Das ungewohnte Hören des Denkens

In der abendländischen Tradition standen sich mythologische Dichtung und Philosophie von Anfang an gegenüber. Homer expliziert dieselben Themen wie Sokrates und Aristoteles. Annehmen darf man, dass die Musik bereits vor der Dichtung oder Philosophie als Ausdrucksmittel vorhanden war. Der Zuhörer musste zuhören. Sokrates wandte sich gegen das Aufschreiben, er hielt es für minderwertiger. Im Zuhören kommt Philosophie zu ihrem Wesen. Der Komponist Hans Zender hat diese Kunst des Hörens mit seinen komponierten Interpretationen konkret und hörbar gemacht. Eigentlich bedeutet dies nichts anderes als das Verdrängte durch die gelenkte Interpretation erfahrbar zu machen. Es bleibt der Mythos, weil das Gehörte des Gehörten zu Gehör gebracht wird, damit aber eine ausdeutende Sprache vermieden wird. In einer solchen Situation erscheint der Mythos. Gleichzeitig wird hierin offenbar, dass die Aufklärung einer Aufklärung bedarf, der Mythos neu zu entdecken ist und die Tradition hierfür keine brauchbare Begrifflichkeit bietet. Hans Zender kommt daher zu dem Schluss: „Der Weg zu einer Widergewinnung der Religion würde über die Wiedergewinnung des Mythos führen.“

Das Besondere des Hörens

„Wir sind das Innen der Welt. Die Welt ist unser Außen. Das Innen denkt und hört. Das Denken denkt das Hören, das Hören hört auf das Denken. Das Hören ist ein inneres Denken. Das Außen denkt und sieht. Das Sehen ist ein äußeres Denken; es denkt das Sehen.“ Diesem Satz von Hans Zender ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Aufgabe des Musikers, Komponisten ist es, dem Zuhörenden das Hören beizubringen. Dies macht Hans Zender mit dem Buch ‚Denken hören – Hören denken‘ einmal nicht dirigierend oder komponierend, sondern schreibend. Und wer dieses Buch liest, kann nicht mehr hören, wie er es vorher gewohnt war. Zwar entwickelt Hans Zender keine systematische Musiktheorie oder eine Philosophie des Hörens, doch könnten seine assoziativen Gedanken zu einer Systematik ausgebaut werden. Im Buch sind verschiedene Aufsätze, ein Interview mit Georg Picht und Notizen zusammengebracht worden. Der Leser versteht, warum moderne Musik so sein muss, wie sie ist und wie eng dies wiederum mit dem modernen Lebensgefühl der Individualisierung in Verbindung zu bringen ist. Das Buch führt zum Verständnis leiblich erfahrener Musik und dem Mythos, der quasi als Ausgangspunkt für die Sprache der Musik zu verstehen ist. Beim Lesen erklingen die Töne der Religion, die eben nur klingen und nicht gleich zu Dogmen oder konkreten Lebensanweisungen gemacht werden. Der Johannesprolog als biblischer Text wird mit dem Hannya Shingyo verglichen und auch hier lassen sich Klänge vernehmen, die auf den Mythos verweisen und diesen nicht als Religion konkret machen.

Die Bedeutung der Musik

„Das musikalische Denken scheint in einzigartiger Weise die rationale mit der irrationalen Seite unseres Geistes zu verbinden.“ Und Hans Zender ist es mit diesem Buch gelungen, die Begeisterung für die Musik zu entfachen oder zu bestärken und gleichzeitig ein inneres Wissen zu wecken für Bedeutung des Eigentlichen der Musik. Und der Leser, die Leserin, die das nachvollzogen haben, können Unterhaltungsmusik und ernsthafte Musik unterscheiden, sind sensibilisiert und behaupten nicht mehr, dass Helene Fischer und andere ernsthaft zu diskutieren sind. Wer dazu Unterhaltung sagt, muss sich nicht bemühen, einer solchen Musik Ernsthaftes zuzuschreiben. Man mag zur Zerstreuung diese Musik hören, dem Mythos wird man dabei nicht auf die Spur kommen. Und es bleibt zu wünschen, dass Hans Zender zu seinem 80. Geburtstag ein richtig gutes Ständchen zu hören bekommt und dem Mythos dadurch ganz nah kommt.

Thomas Holtbernd

Hans Zender, 2015. Denken hören – Hören denken. Freiburg/München: Verlag Karl Alber, 20 Euro

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