Religion am Rande

Wozu braucht man religiöse Bauten heute? Solche bauliche Präsenz beansprucht die Philosophie nicht. Es gibt zwar philosophische Vorlesungen und Vorträge, jedoch ist Philosophie als Logik, als Erkenntnisstrategie, als Aussagen über den Menschen und über das Gesamt der Welt überall präsent. Philosophie spielt in alle Arten von Entscheidungen, in die Rechtsprechung, in die Erziehung hinein. Sie ist nicht so ausgrenzt wie die Religion mit ihren Kultstätten, die sie allein schon wegen ihrer Rituale braucht. Warum diese Eingrenzung des Religiösen?

Rosette in der Kathedrale von Metz-der 8. Tag, Foto: explizit.net

Rosette in der Kathedrale von Metz-der 8. Tag, Foto: explizit.net // In der Rosette findet sich die Zahl 8; der 8. Tag, der nach den 7 Tagen der Schöpfung kommt, verspricht einen neuen Himmel und eine neue Erde

Religion sondert sich ab

Warum muss man in die religiösen Räume eintreten, um Religion zu praktizieren? Wenn Religion allumfassend ist, den Ursprung der Welt wie des einzelnen Menschen vermittelt und über seine endgültige Bestimmung Auskunft gibt, dann müsste sie überall präsent sein – im ganzen Weltall und wo immer ein Mensch sich aufhält. Weil die Religion sich jedoch Kultstätten gebaut hat, kann man ihr aus dem Weg gehen. Religion ist dann nur ein Teil der Welt, obwohl sie die Deutung für die ganze Welt beansprucht. Jedoch steht Religion faktisch mit ihren Moscheen, Tempeln, Kirchen neben den Bauten für Ernährung, Gesundheit, Unterricht. Sie ist im Straßenbild eine neben vielen anderen Gebäuden vertreten.

Religion durch Staatsmacht öffentlich präsent

Es gibt allerdings eine Präsenz der Religion außerhalb ihrer Räumlichkeiten, wo die politische Macht sich religiös begründet. Wenn Religion die politische Macht legitimiert, dann ist sie überall da wirksam, wohin der Arm der Politik reicht. Wenn sich dann noch Attentäter auf einen religiösen Auftrag berufen und Religionsvertreter Waffen segnen, dann ist sie auch überall da, wo Waffen zum Einsatz kommen. Allerdings hat diese Präsenz von Religion ihre Grenze an der Freiheit des Individuums, das sich dem religiösen Inhalt öffnen oder auch verschließen kann.
Im Römischen Reich galt man als Staatsfeind, wenn man der Siegesgöttin und später der Kaiserstatue nicht opferte. Es war jedoch nur die äußere Handlung gefordert, die innere Überzeugung wurde nicht überprüft. Die Christen konnten das Außen nicht so einfach von ihrer inneren Glaubensüberzeugung trennen. Sie verweigerten die Opfergeste und säkularisierten damit den römischen Staat. Später gab es dann wieder die Einheit von politischer und religiöser Repräsentanz. Während in der Orthodoxie meist der Kaiser bzw. der Zar die bestimmende Macht war, kam es im Westen zu einer Distanzierung von Papst und Kaiser, der mit dem Bittgang Heinrichs IV. nach Canossa der Kirche das Recht zurückgab, ihre Bischöfe selbst zu bestimmen. Luther hat, indem er die Fürsten zu Bischöfen machte, die Staatskirche wieder installiert, während Calvin das Presbyterium, das Leitungsgremium der frühen Kirche, mit der kirchlichen Autorität ausstattete. Die Präsenz der Religion im Gefolge der politischen Macht hat mit der Aufklärung ihr Ende gefunden – aber die Kirchengebäude stehen noch und werden durch staatliche Gelder instand gehalten.

Religion braucht es nicht mehr, damit die Abläufe einer Gesellschaft funktionieren

Die säkularisierte Welt hat sich ja deshalb von der Religion gelöst, weil sie die Abläufe selbst in die Hand nehmen will. Der Handel, der Verkehr, das Gesundheitswesen, die Rechtsprechung, Schule und Universität wie auch Partnerschaften, Gruppen und Vereine haben ihre eigenen Regeln entwickelt. Sie werden von wissenschaftlich ausgebildeten Betriebswirten, Verfahrensingenieuren, IT-Spezialisten und Psychologen gesteuert. Je mehr Abläufe über das Geld strukturiert werden, desto weniger muss man auf eine göttliche Macht zurückgreifen, um das Funktionieren zu sichern. Was passiert aber dann noch in den Kirchen?

Kirchen in einem Funktionswandel

Die Kirchen, die Ströme von Touristen anziehen, sind nicht mehr in der gleichen Funktion wie zu Zeiten ihrer Erbauung. Damals sammelten sich dort alle Stände, ob Schlossherr oder Knecht, Handwerksmeister oder Ratsherrn. Die Zünfte und Bruderschaften hatten ihren Heiligne, aan dessen Gedenktag sie sich zum Gottesdienst versammelten. Der gesellschaftliche Kosmos hatte in den Kirchen sein Zentrum. Der kirchliche Festkalender strukturierte das Jahr. Prozessionen und Brauchtum brachten die Welt außerhalb der Kirchenmauern mit dem Geschehen in ihrem Inneren in Beziehung. Diese Vernetzung hat sich aufgelöst. Der Bäckermeister, der Lehrer, der Bürgermeister, der Unternehmer müssen nicht mehr in die Kirche gehen, damit sie außerhalb der Kirchenmauern ihr Amt ausfüllen, ihre Kunden erreichen können. Das gibt den Kirchenräumen einen musealen Charakter. Da die Gottesdienste kaum noch in den Fluss des gesellschaftlichen Lebens eingebettet sind, kommen nur noch die, denen es um ihre Gottesbeziehung geht. Das eigentliche Geschehen in den Kirchen, nämlich die Gottesdienste, sind zu einem gesellschaftlichen Randphänomen geworden. Allenfalls bei Adelshochzeiten und Begräbnisfeiern für Personen des öffentlichen Lebens rückt ein Gottesdienst in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit.

Kirchen als Freiheitsraum

Die Kirchen, vor allem die mit einem kunsthistorischen Wert, werden durch die Kirchenführungen von den Konfessionen selbst zu Museen umfunktioniert. Nicht mehr der Gottesdienst, sondern der kunsthistorische Rundgang machen diese Kulträume den Menschen zugänglich. Dies ist eine weitere Strategie der Selbst-Säkularisierung der christlichen Kirchen. Ihre Gebäude bleiben dann nur für die Gesamtgesellschaft anschlussfähig, wenn sie ihrer Gottesdienstfunktion entkleidet werden. Joseph Beuys hat 1972 an die Eingangstür des Mönchengladbacher Münsters das Wort „Exit“ geschrieben, heute aktueller denn je, wenn es über die faktisch totale Überwachung des einzelnen durch die Internetkraken geht. Handys ausschalten sollte zur Gewohnheit werden, nicht weil der Klingelton eines Anrufs die anderen Kirchenbesucher stören würde, sondern weil Religiosität sich nicht orten lässt. Was der einzelne mit Gott bespricht, bleibt dem elektronischen Zugriff entzogen. Exit, Ausgang aus der totalen Überwachung – ein Kirchenkonzept, das die Videoüberwachung der Kunstwerke vor technische Herausforderungen stellt.

Eckhard Bieger S.J.

2 Gedanken zu “Religion am Rande

  1. Staat und Gesellschaft werden ohne Religion nicht dauerhaft existieren können. Sie leben von Voraussetzungen, die sie selbst (und NIEMAND sonst) nicht schaffen können. Damit die Abläufe einer Gesellschaft LANGFRISTIG funktionieren, braucht es eben doch die Religion! Wann endlich wird sich diese Erkenntnis Bahn brechen?

  2. Paradoxon- Religion:
    Vielleicht hat sich Religion selbst demontiert, indem sie den seit der Antike existenten Humanismus sozial-industrialisierte…

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