Warum noch beten

Es haben sich nicht nur viele Menschen von der Religion verabschiedet, sondern auch viele Gläubige haben das Gebet weitgehend eingestellt. Einfacher gelingt das Beten immer noch mit dem Lied. Auch fühlen sich Viele zur Meditation hingezogen. Noch mehr als alle äußeren Gegebenheiten bringen die Zweifel das Gebet zum Erliegen. Reagiert Gott überhaupt auf das Gebet? Hat er vielleicht die Menschengeschichte sich selbst überlassen? Eine Vermutung hat sich besonders verbreitet: Beten hieße, sich von Gott abhängig machen. Dieser Eindruck konnte auch deshalb entstehen, weil über Generationen das Gebet als unabdingbare Verpflichtung eingeschärft wurde. Aber trotz Beten kam es zu Unglücken und Kriegen, so dass zumindest die Pflicht zum Gebet nicht mehr greift. Mit dem Beten schwindet dann auch die Vorstellung von Gott, denn das Gebet richtet den Maschen auf Gott aus. Wenn dann Gott im Bewusstsein nicht mehr vorkommt, ist man auch nicht mehr von ihm abhängig.

 

Gebet, Pflicht oder Befreiung

Im Rückblick ist die Absage an das Gebet sogar zu verstehen. Das häufige Beten war Ausdruck einer Pflichtreligion. Gott verlangt diese Praxis. Die geforderte Disziplin hatte auch ihre positive Seite. Die Beter wurden und werden mit den Lebensproblemen besser fertig. Das ist aber nur eine psychologische Wirkung, die dann verblasst, wenn das Gebet als Ausflucht gesehen wird. Wer sich nicht ausreichend auf das Examen vorbereitet hat, sollte nicht beten, sondern im Lernen zulegen. Wer ein Haus baut, sollte alles ordentlich berechnen und die Nachlässigkeit nicht ins Gebet verlegen. Überhaupt soll der Mensch die Verantwortung übernehmen, risikofreudig sein und sich auf seine Kräfte verlassen. Wer sich ins Gebet flüchtet, gibt seine Autonomie auf und vertraut sich einer unbestimmbaren Macht an, von der man sowieso nicht weiß, ob sie überhaupt auf die Bitten der Menschen hört. Und das ist mit der Aufklärung äußerst fraglich geworden. Was steckt in dieser Argumentation? Seit Karl Marx wird das den Betern unterstellt. Beten wird als Flucht vor der Realität diskreditiert.

Hand Gottes, Schwarzrheindorf, Foto: hinsehen.net

Hand Gottes, Schwarzrheindorf, Foto: hinsehen.net

 Warum handelt Gott nicht?

Seit 200 Jahren sind zuerst die Philosophen und inzwischen die Mehrheit der westlichen Gesellschaften mit Gott in ein kritisches Gespräch verwickelt. Wenn, wie die Christliche Religion behauptet, Gott alles im Voraus weiß, dazu noch allmächtig ist, dann stellt sich die Frage: warum lässt Gott dann die Kriege, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten zu? Das widerspricht der Behauptung, Gott würde die Menschen über alles lieben. Die Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt, die Theodizeefrage, hat bereits Leibniz zu lösen versucht. Sie bleibt der tiefgreifendste Vorbehält gegenüber der Religion. Diese Frage unterschiedet die Skepsis nicht von der Religion. Denn es ist die gleiche Grunderfahrung, warum es Religion als eigenen Bereich gesellschaftlicher Wirklichkeit überhaupt gibt: Die Welt ist nicht so, wie sie eigentlich sein sollte. Das betrifft weniger die Natur, die zwar auch ihre Unbilden hat, jedoch durch Ihre Schönheit und die immer neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften den Menschen staunen lässt. Deshalb kann man eigentlich angesichts der wohl erwiesenen Tatsache der Evolution sagen:

Beten soll nicht dazu dienen, die Natur zu korrigieren

Der Auslöser für die im 18. Jahrhundert schwelende Theodizeefrage war das Erdbeben 1755 von Lissabon, das deshalb so verheerend war, weil es zu einem großen Brand führte. Wie konnte, so fragten die Intellektuellen Europas, Gott es zulassen, dass so viele Menschen sterben mussten. Es gab zwar damals schon Stimmen, die die Schuld nicht bei Gott suchten, sondern in der unverantwortlichen Bebauung von durch Seebeben gefährdeten Hängen der Lissaboner Bucht. Geblieben ist der Vorwurf, Gott hätte diesen Tsunami, zumindest seine Auswirkungen, verhindern müssen. Warum soll aber Gott in den Lauf der Welt eingreifen? Seit wir die Entwicklung evolutionär denken, rechnen wir mit Umwegen und auch Katastrophen. Die Natur „ist so.“ Das gilt auch für den Krebs, der wohl deshalb unvermeidlich ist, weil sich das biologische System immer noch entwickelt. Obwohl inzwischen Krebs als notwendige Auswirkung der Evolution gesehen wird, dient das immer noch als Argument dafür, dass Gott gar nicht existieren kann, weil der Gottesbegriff in sich widersprüchlich sei. Denn wenn der all-liebende Gott wirklich die Menschen lieben würde, könnte er sie Kraft seiner Allmacht vom Krebs befreien. Natürlich sind Menschen von Gott enttäuscht, wenn in ihrem Verwandtenkreis der Krebs zuschlägt. Aber gerade diese Enttäuschung zeigt, dass der Mensch intuitiv von einer Macht weiß, die nicht den Naturgesetzen unterliegt. Aber was will diese Macht? Um was kann ich sinnvoll von ihr erbitten?

Es geht um das Heilwerden

Trotz Krebs und Tsunami, die Natur stellt den Menschen nicht so infrage wie die Mitmenschen. Die größte Gefahr für den Menschen sind nicht die wilden Tiere noch die Naturkräfte. Schon die Jägerkulturen waren mehr von innen bedroht als durch wilde Tiere. Nachdem der Mensch die Herrschaft über die Natur und inzwischen auch über das Genom übernommen hat, kann er mit seiner Atomtechnik sogar das Leben aller höheren Tierrassen auslöschen. Wenn nur Einzeller und Insekten einen Atomschlag überleben können, würde wahrscheinlich die Evolution neu anfangen lassen. Die Gefahr ist nicht gebannt. Das zeigen die vielen aktuellen Kriege und ein Rückblick auf die letzten 100 Jahre: Der Mensch in eine unheilvolle Geschichte verstrickt. Die Aufklärung, die seit der französischen Revolution versucht, durch Menschenrechte und Rationalität von dieser Geschichte wegzukommen, ist in große Kriege geraten. Das Experiment „Kommunismus“, durch Solidarität und Vermeidung des Profitdenkens die Gesellschaft grundsätzlich zu sanieren, ist unrühmlich in sich zusammengebrochen. Die Geschichte geht mit vielen Kriegen weiter. Offensichtlich ist der Mensch nicht in der Lage, sich aus diesen Zusammenhängen herauszuwinden. Ob Judentum, Islam oder Christentum – sie nehmen diese Realität ernst und rufen den Menschen auf, sich an Gott zu wenden und von ihm die Rettung des Menschen zu erhoffen. Gott um etwas bitten, heißt dann, ihn um die moralische Rettung des Menschen zu bitten. Das ist für die Menschen im Abendland nach den verheerenden Religionskriegen und den weiteren Kriegshandlungen nicht so einfach. Ihnen wurde das Vertrauen in die Hilfe Gottes vergällt, zumal das Christentum mit seinen Religionskriegen Urheber der bis dahin größten Katastrophe der Geschichte war. Jetzt zeigt der Islam, wie eng Religion und Gewalt miteinander verwoben sind. Auch die Botschaft der Religion stößt an die Grenzen des Menschlichen und damit auch Gott. Aber warum kann Gott in seiner Allmacht diese Verstrickung in immer neue Rivalität und Gewalt nicht entwirren? Anders als von den Kanzeln verkündet und von der Religionskritik gegen die Religion gewendet, ist Gott nicht in der Weise allmächtig, wie der Begriff es zu besagen scheint.

Die Grenze Gottes ist die menschliche Freiheit

Gott muss die menschliche Freiheit achten. Er kann nicht den Menschen als frei auf seinen Lebensweg schicken und dann, wenn er nicht die richtige Richtung einschlägt, von innen her umsteuern. Dann würden wir ja uns selber nicht mehr als Urheber unserer Handlungen erleben, sondern uns irgendwie zuschauen, wie wir gelenkt werden. Einige Hirnforscher behaupten das ja, dass nicht wir selbst, sondern unser Gehirn die Entscheidungen trifft und uns dann noch glauben macht, es sei unsere Entscheidung. So abweisend es klingt und für manche auch enttäuschend: Für ihre Kriege sind die Beteiligten selbst verantwortlich, auch dann, wenn sie ihren Griff zu den Waffen als Kampf für Gott deklarieren oder sogar Glaubensabfall mit dem Tod bestrafen. Wenn aber Gott nichts gegen die menschliche Freiheit machen kann, warum dann beten? Weil Gott trotz der Begrenzung, die ihm die menschliche Freiheit setzt, das Heil des Menschen, jedes Menschen will. Er kann dann handeln, wenn der Mensch sich öffnet. Es ist also nicht der Auftrag Gottes, umgesetzt das Gebot der Kirche, das den Menschen zum Gebet verpflichtet. Es geht vor allem im Bittgebet um das Zusammenspiel der menschlichen mit der göttlichen Freiheit. Wenn Beten nur als Pflicht eingeschärft wird, dann wird die Ebene, auf der es um die entscheidende Bitten geht, nicht berührt. Der Mensch muss um seiner Freiheit willen beten, nämlich dass er seine Freiheit aus den Fesseln des Neids, der Eifersucht, der Gewalt befreit. Was hier mit philosophischen Argumenten hergeleitet wurde, entspricht genau den Aussagen Jesu. Wenn er um eine Krankenheilung gebeten wurde, hat er zuerst dem Kranken gesagt: „Deine Sünden sind wir vergeben!“ So bei der bei Markus erzählten spektakulären Heilung eines Gelähmten, den seine Helfer vom Dach direkt vor die Füße Jesu herabließen, weil sie wegen des großen Andrangs nicht anders an ihn herankamen. Dass der Gelähmte auf eigenen Füßen das Haus verlassen konnte, deutet darauf hin, dass er zuerst von innen her befreit werden musste. Wenn Paulus das Evangelium als befreiende Botschaft verkündet, dann versteht er es erst einmal so, dass der Mensch zu seiner Freiheit befreit werden muss, also von Neid, Streitlust und anderen Lastern. Er selbst hat wohl um diese Freiheit gerungen und musste mühsam erkennen, dass er das auch nicht durch strenge Beachtung des jüdischen Gesetztes erreichen konnte. Er hat dann den auferstandenen Christus als den erfahren, der diese Freiheit einfach schenkt – im Glauben. Das Problem hinter der Theodizeefrage ist also nur oberflächlich gesehen, wenn man in Gott einen Widerspruch zwischen seiner Allmacht und seiner Güte ausmacht. Der eigentliche Widerspruch zu Gott ist die Tatsache des Bösen. Wenn das Böse den Menschen bedroht – und dafür liefert die Geschichte jeden Tag neue Beweise – dann geht es im Beten nicht um die Herausforderung von Gottes Wirkmächtigkeit, sondern um die Überwindung des Bösen – konkret um Neid, Eifersucht, Hass, Gewalt

Eckhard Bieger S.J.

Mit den Fragen der Sinnhaftigkeit des Bittgebetes hat sich Robert Biersack gründlich auseinandergesetzt. Er bezieht sich hauptsächlich auf neuere amerikanische Veröffentlichungen, die den philosophischen Allmachtsbegriff nicht mehr so gelten lassen. Sogar wird in den Überlegungen gezeigt, dass Gott nicht voraussehen kann wie der Mensch entscheidet, er weißes, zwar nicht in der Zeit aber doch „erst“, wenn der Mensch entschieden hat. Wenn die menschliche Freiheit unantastbar ist, dann setzt sie auch Gott Grenzen.

Bittgebet – eine Gottesfrage 

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