Spiritualität und spirituelle Krisen

War es in einer geschlossenen Gesellschaft recht einfach zu bestimmen, was Religion oder Spiritualität sei, so geht heute schon ein Streit darum, ob die Beobachtungen von Entwicklungen, die irgendwie so etwas enthalten wie Religiosität, überhaupt als spirituell zu bezeichnen sind. Die einen Sprechen vom Megatrend Spiritualität (Zulehner) oder Religion (Polak), die anderen lehnen z. B. den Begriff Religion ab (Sloterdijk), weil das, was beschrieben wird, mit solchen Begriffen gar nicht erfasst wird. Festzustellen ist trotz dieser begrifflichen Probleme, dass es ein zunehmendes Interesse an außergewöhnlichen Erfahrungen oder neutraler formuliert eine Suche nach einem übergeordneten Sinn gibt und dass manche pathologischen Auffälligkeiten nicht psychiatrisch zu beurteilen sind, sondern als spirituelle Krisen zu verstehen sind.

spirituelle-krisen

Der Diskurs über Spiritualität weist zwei grundlegende Defizite auf. Von Seiten der Theologie oder Kirchen gibt es ein Verständigungsproblem. Die dort geübte religiöse Sprache wird in einer von „Patchworkreligiosität“ geprägten Gesellschaft nicht verstanden und als weltfremd oder zu belehrend bzw. dogmatisch empfunden. Psychologie oder Psychiatrie haben durch ihre naturwissenschaftlich geprägte Ausrichtung eine Hemmung etwas anzuerkennen, was nicht gemessen werden kann. Auch wenn religiöser Wahn oder die ekklesiogene Neurose im psychiatrischen Sprachgebrauch zu finden sind, fehlt den meisten der in diesem Bereich Tätigen der Sensus für das Phänomen Spiritualität. Eher noch in der Entwicklungspsychologie werden Fragen um eine spirituelle Entwicklung gestellt. Auch waren Psychologen und Therapeuten der Humanistischen Psychologie offen für solche Fragen, sie fanden jedoch keine Anerkennung als zugelassene Psychotherapieform. Dies ist in gewisser Weise erstaunlich, weil bereits 1990 David Jordahl seine Studie „Psychotherapeuten denken religiös“ herausgebracht hatte, in der er nachwies, dass viele Psychotherapeuten zwar nicht bekennend mit ihrer Religiosität umgehen, in ihrer Arbeit mit den Patienten jedoch deutlich religiöse Überzeugungen haben. Es war eher verpönt, solche religiösen Ansichten zu vertreten. Religions- oder Kirchenkritik gehörten beginnend mit der Psychoanalyse quasi zum Ausbildungsmanual. Inzwischen deutet sich hier ein Wandel an. Es steigt das Bedürfnis von Patienten, sich mit spirituellen Fragen auseinanderzusetzen und mittlerweile sind zahlreiche Forschungsarbeiten zum Thema Spiritualität durchgeführt worden, sodass erstens die Begrifflichkeiten geschärft wurden, aber auch das worüber man redet nicht lediglich eine rein subjektive Erfahrung ist, sondern operationalisierbare Ansätze gefunden wurden.

Befremdlich für die einen, notwendig für die anderen

Die beiden Herausgeberinnen Liane Hofmann und Patrizia Heise haben mit dem Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis der Spiritualität und spiritueller Krisen den schwierigen Versuch unternommen, das Feld ein wenig zu ordnen und Interessierten Material zur Verfügung zu stellen, um auf „spirituelle Anfragen“ kompetent reagieren zu können. Dass ein solches Unternehmen Lücken aufweist, Fragen offen lässt, manche Ungenauigkeiten aufweist, liegt einfach daran, dass dieses Handbuch das erste seiner Art ist. Die Auswahl der Autoren ist so gewählt, dass nicht nur Psychologen zu Wort kommen, sondern auch Theologen und Philosophen; der vielleicht bekannteste ist Anton A. Bucher, der einen Abriss über die Modelle der Entwicklung der Spiritualität gibt.

Dem Kapitel über die theoretischen Modelle geht die Reflexion der historisch-kontextuellen Hintergründe voraus. Hier wird der Umgang mit Spiritualität in der Psychologie beschrieben, es werden die Konzepte der spirituellen Krisen, vornehmlich von Stanislav und Christina Grof, vorgestellt, es wird nachgezeichnet, wie es dazu kam, dass im Amerikanischen Klassifizierungssystem DSM die Codierung „Religiöses oder Spirituelles Problem“ aufgenommen wurde. In einem weiteren Kapitel wird der Ansatz der transpersonalen Psychologie von Roberto Assiagioli vorgestellt. Assagioli kann als einer der wichtigsten Vertreter innerhalb der Psychologie gelten, der den Blick für diese Dimensionen geöffnet hat. Den Abschluss des ersten Teils bildet der Versuch, die herkömmliche Psychologie mit den Ansätzen der spirituellen Lebensanleitung zu vergleichen.

Im zweiten Teil des Buches werden Entwicklungsmodelle der Spiritualität vorgestellt, Therapieansätze, hier vornehmlich Ken Wilber, für die Begleitung in spirituellen Krisen, pragmatisch wird die Heldenreise erläutert, die auf archetypische Bilder zurückgreift und als ein konkreter „Therapieplan“ für Prozesse der seelischen Transformation benutzt werden kann. Den Abschluss dieses Teils bildet ein Abriss über ein Modell zum Verständnis außergewöhnlicher Erfahrungen, der psychophysisch begründet ist.

Der dritte Teil behandelt die möglichen Probleme, die in der religiösen oder spirituellen Entwicklung auftreten können. Hier werden Symptome und Auslöser spiritueller Krisen beleuchtet, als auch Gefährdungsfaktoren benannt. Im Folgenden werden diese Krisen genauer gefasst und erläutert als Initiations- oder Wandlungskrisen, als mystische Erfahrungen, als existenzielle Grenzerfahrung wie die Nahtoderfahrung. Es werden die bewusstseinsverändernden Praktiken wie Kundalini, Meditation aber auch die Traumatherapie analysiert und nach ihren Möglichkeiten für eine spirituelle Entwicklung untersucht.

Der nächste Teil befasst sich mit den wissenschaftlichen Forschungen und den Problemstellungen, die dabei auftreten. Es stellt sich die Frage, was eigentlich gemessen wird und welche Effekte tatsächlich auf einen bestimmten Faktor zurückgeführt werden können.

Es schließt sich ein Teil an, der psychodiagnostische und behandlungsbezogene Fragen angeht. In diesem Abschnitt wird sehr deutlich, wie sehr dieser ungewohnte Therapieansatz schwammig wird und eine Tendenz zur Esoterik aufweist.

Zum Schluss finden sich dann einige Beiträge, die den sozio-kulturellen Hintergrund beleuchten und analysieren, wie in der Gesellschaft Spiritualität bewertet wird, welche Möglichkeiten und welche Gefahren bestimmte spirituelle Systeme darstellen.

Wer sollte dieses Handbuch lesen?

Das Buch ist im Verlag Schattauer erschienen und richtet sich vornehmlich an Psychiater und Psychologen. Für diese Berufsgruppen dürfte es als ein Standardwerk gelten. Wer sich orientieren möchte, der findet hier reichlich Material und Anregungen. Und man kann davon ausgehen, dass der Bedarf zur Information über Spiritualität und spirituelle Krisen in den nächsten Jahren deutlich ansteigen wird. Was im Buch noch nicht berücksichtigt werden konnte, sind die Fragen, die durch die Flüchtlingswelle aufgekommen sind. Religion und Religiosität bekommen durch die geforderte Integration oder Inkulturation eine größer werdende Bedeutung.

Theologen, die im Bereich Pastoraltheologie, Pastoralpsychologie oder Religionspädagogik tätig sind, haben mit diesem Handbuch eine wichtige Orientierung. Und weil dieses Buch eng an das anknüpft, was Hospizhelfer, Pflegekräfte, Seelsorger und alle, die sich in Krisen befinden, und ihnen sich als existenzielle Anfrage oder drängende Sinnfrage aufdrängt, können auch Nichtpsychologen oder Nichtpsychiater mit Gewinn in diesem Handbuch lesen. In gewisser Weise kann die Lektüre zu einer Überprüfung der eigenen Spiritualität führen und den Umgang mit sich wie auch die Gespräche mit anderen in ihrer existenziellen Bedeutung vertiefen.

Thomas Holtbernd

 

Liane Hofmann, Patrizia Heise, 2016. Spiritualität und spirituelle Krisen, Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer, 59,99

dazu auch die Artikel von Thomas Holtbernd:
„Die Antiquiertheit einer Rede von der Krise“,
„Vom Blühen spiritueller Felder“

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