Die Antiquiertheit einer Rede von der Krise

Bestimmte Begriffe schleichen sich wie Trojaner in den Sprachgebrauch ein und weil man sie ständig hört, regt sich ein Widerstand nicht nur gegen dieses Wort, sondern auch gegen das, was damit transportiert werden soll. Ein solches Wort ist „Krise“. Klappt etwas nicht, wird es Krise genannt, laufen die Dinge nicht wie geplant oder erhofft, tritt eine Krisenstimmung auf. Weicht etwas vom Normalen ab und macht Mühe, wird eine Krisenintervention gefordert. Selbst Krisenminister oder Krisenkanzlerin sind im Sprachumlauf. Krisenmanagement scheint ein neuer Berufszweig zu sein.

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Foto: hinsehen.net

Das griechische Wort Kairos (Κρίσις)

Κρίσις, das griechische Wort, bedeutet Entscheidung, Meinung, Beurteilung. Eine Katastrophe ist mit diesem Begriff zunächst nicht verbunden. Im Deutschen wird Krise ab dem 16. Jahrhundert in der Medizin als Ausdruck für den Moment eines Krankheitsverlaufs genutzt, in dem sich entscheidet, wie sich die Krankheit weiter entwickelt, also, ob der Mensch richtig krank wird oder z. B. das Fieber wieder sinkt. In diesen sensiblen Phasen sind Entscheidungen gefordert. Soll eingegriffen werden und wenn ja, wie und mit welchen Mitteln? Kann man den Ressourcen vertrauen? Oder muss man in den negativen Verlauf einwilligen und den Trauerprozess beginnen?

Symbolische Vernunft

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs lässt vermuten, dass die ursprüngliche Bedeutung weitestgehend verloren gegangen ist und mit diesem Wort von dringlichen Aufgaben abgelenkt wird. Das Weltklima z. B. befindet sich nicht mehr in einer Krisensituation, der Krankheitsverlauf ist eindeutig. Der Patient ist als final diagnostiziert und es kann nur noch eine Spontanremission die weitere Entwicklung verändern. Dennoch wird über Kriseninterventionen gestritten und werden viele Papiere verabschiedet, die den Eindruck erwecken sollen, dass Heilung noch möglich ist. Der Mut, eine gute Sterbebegleitung zu beginnen, fehlt. Ein solcher Schritt ist keineswegs Resignation, sondern die Aufforderung, Hoffnung zu entwickeln. Dabei sind Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit vonnöten, die sehr viel innere Stärke verlangen. Die Zeit der Krise ist vorbei, Entscheidungen für die weitere Therapie müssen gar nicht getroffen werden. Es geht um die Fähigkeit, sich mit existenziellen Erschütterungen auseinandersetzen zu können. Alle anderen Bemühungen können als symbolische Vernunft bezeichnet werden. Diagnosen, Analysen, Programme und Vorsätze sind durchaus nach logischen Regeln erstellt und daher auch „richtig“, doch das eigentliche Problem ist ein anderes. Der Streit um Klimaprotokolle ist ein Ablenkungsmanöver oder eine Irrfahrt. Es muss brutal ehrlich die richtige Frage formuliert werden. Alles andere ist eine symbolische Auseinandersetzung und eigentlich ein Affront gegen die Vernunft.

Das Ende der Krisen

Der Umgang mit den Folgen der durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen ist exemplarisch für den Umgang mit dem, was nach einer Krise geschieht und dennoch weiter als Krise bezeichnet wird. Diese begriffliche Unklarheit macht es schwer, tatsächlich erkennen zu können, wann sich eine Entwicklung in der sensiblen Phase befindet und wann letztendlich nur noch palliativ behandelt oder gehandelt werden kann. Durch die Technisierung wie auch die Bürokratisierung fast aller Vorgänge in der modernen Gesellschaft ist die Möglichkeit einer Krise gar nicht mehr eingeplant. Ein Vorhaben wird strukturell immer bis zu seinem Ende durch gedacht und für Alternativen entsprechende Lösungen vorgeschlagen. Krisen werden unter Abweichungen subsumiert, da die Verläufe standardisiert sind. Das Bestreben ist darauf gerichtet, dass die Abläufe reibungslos sind. Ein Bewusstsein für Krisen, würde genau dieses Vorgehen konterkarieren.

Das Ende der Krisen führt zu grundsätzlichen Fragen

Das Eingreifen in sich vollziehende Entwicklungen erscheint vielen Menschen heute nicht mehr möglich. Dieses Gefühl ergibt sich einmal aufgrund der realistischen Betrachtung aktueller Zustände, anderseits wird dem Wollen ein Apparat von Vorschriften, Gesetzen, Verfahrensanordnungen, Komplexität des Problems entgegengesetzt, was für den Einzelnen nicht handhabbar ist. Politikverdrossenheit, fehlendes Interesse an gesellschaftlichen Zuständen u. ä. können beklagt werden. Und umgekehrt oder genauer hingesehen zeigt dies eine wirkliche Krise auf. Diese hat sich vom Äußeren, Politischen oder Gesellschaftlichen in die Psyche der Menschen verlagert. Die Sorge der heutigen Menschen richtet sich mehr oder deutlicher als in früheren Jahrzehnten/Jahrhunderten auf die Umbrüche in der eigenen Entwicklung. Es ist daher kaum überraschend, dass von spirituellen Krisen die Rede ist, dass Spiritualität als Aufgabe gesehen wird und dies nicht im engen bzw. streng vorgegeben Rahmen verfasster Religionen. Inwieweit die Verwendung eines Wortes wie Krise den ganzen Prozess wiederum ad absurdum führt, wird davon abhängen, wie es gelingt, spirituelle Krisen und Spiritualität als den Rahmen sprengend zu verstehen und nicht gleich technokratisch zu verwalten.

Thomas Holtbernd

Als Literatur sei genannt:

Liane Hofmann, Patrizia Heise, 2016. Spiritualität und spirituelle Krisen, Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer, 59,99 Euro

Ein Gedanke zu “Die Antiquiertheit einer Rede von der Krise

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