Bittgebet – eine Gottesfrage

Beten wir zu einem Gott, der doch den Syrienkrieg nicht beendet? Der die menschliche Tragödie nicht zu ändern weiß? Der alles schon seit Ewigkeit festgelegt hat und, da sich selbst verpflichtet, nichts mehr ändern kann? Warum Gott bitten, wenn er nicht eingreift, obwohl er allmächtig ist und sogar die Menschen lieben soll? Die Theodizeefrage, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt, lässt das Bittgebet verstummen.
Bittgebet udn Vorsehung
Gottes Handeln stößt bei der menschlichen Freiheit auf Grenzen

Robert Biersack ist der Frage nachgegangen. Die Theodizeefrage ist nicht so einfach abzuarbeiten. Hier wird Bezug auf die neuere amerikanische Religionsphilosophie genommen, im Mittelpunkt stehen dabei die Veröffentlichungen von Eleonore Stumpf. Zweierlei wird darin deutlich:

  1. Gott ist die Freiheit des Menschen grundsätzlich nicht zugänglich. Wenn Freiheit heißt, dass die Person Ursache einer Entscheidung ist, dann geriete Gott in einen Selbstwiderspruch, wenn er den Menschen einerseits Freiheit gibt und dann doch immer wieder in Entscheidungsprozesse eingreift. Das Argument, kraft seiner Allmacht könne Gott den Willen des Menschen ändern, wird also durch die Freiheit des Menschen „außer Kraft gesetzt“, wenn es um den Menschen geht.
  2. Gott weiß auch nicht im Voraus, wie ein Mensch entscheiden wird, sondern erst, wenn der Mensch entschieden hat. Da Gott nicht der Zeit unterworfen ist, nimmt er Entscheidungen der Menschen nicht im Modus der Zeit zur Kenntnis. Er kann aber die Entscheidungen von Menschen nicht einfach in seiner Vorsehung überwölben, sondern kann nur darauf reagieren.

Diese hier kurz referierten neuen Interpretationen von Gottes Allmacht und Allwissenheit sind von Biersack sorgfältig herausgearbeitet wurden und lohnen allein deshalb schon die Lektüre. Mit diesen Voraussetzungen kann dann gezeigt werden, dass Gott auf Bitten der Menschen reagiert, also die Bitten der Menschen ein Handeln Gottes auslösen, das ohne die Bitten nicht erfolgt wäre. Da Gott in absolutem Sinne frei ist, kann der Mensch die Antwort Gottes nicht lenken. Manche leichtfertige Ermutigung zum Bittgebet ist sich dieser Grenze nicht bewusst und führt zu falschen Erwartungen und damit zur Theodizeefrage. Der Autor entwickelt, ausgehend von den Klärungen Eleonore Stumps zwei weiterführende Gedanken.

  • Gott will Beziehung mit dem Menschen und damit Dialog. Die christliche Gottesvorstellung bildet dafür die Basis, denn Gott ist in sich Beziehung, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Geist ist nach den Erfahrungen schon der ersten Christen die innere Bewegkraft des Gebetes. Er führt zu Gott und in die Gemeinschaft mit Gott, denn das Gebet richtet sich an den Vater als den Ursprung.
  • Gott will den Menschen nicht als abhängiges Geschöpf, nicht als ein z.B. durch Instinkte oder Gehirnschaltungen gelenktes Wesen. Vielmehr verlangt der Aufbau des Reiches Gottes die Kooperation des Menschen. Gott „braucht“ in gewisser Weise die Bitte des Menschen, damit er sein Heilswerk verwirklichen kann. Denn nur die Offenheit für Auswege aus der menschlichen Krise seitens des Menschen lässt Gott seinen Heilswillen auch umsetzen.

Bittgebet kann die Abläufe in der Natur nicht korrigieren

Es geht beim Bittgebet deshalb nicht um Korrekturen der natürlichen Abläufe, also nicht um Krankenheilungen oder die Abwehr von Naturkatastrophen. Die müssen als naturgegeben hingenommen werden. Jedoch muss nicht hingenommen werden, was der Mensch selbst angerichtet hat. Hier steht Gott machtlos vor der Freiheit des Menschen, will er sie nicht aushebeln und zugleich muss er den Menschen vor den Folgen seines Freiheitshandelns befreien – aber nicht an der menschlichen Freiheit vorbei.

Die Konzeption, die der Autor für seine Begründung des Bittgebetes übernimmt, ist hier sehr verknappt angedeutet. Allein für den Teil des Buches, der sich der US-amerikanischen Religionsphilosophie widmet, lohnt sich die Lektüre. Insgesamt sind die anspruchsvollen Gedankengänge in einer flüssigen Sprache geschrieben, die Kernpunkte werden jeweils prägnant herausgearbeitet und logisch stringent weitergeführt.

Bittgebet im Islam

Die Arbeit hat die Fragestellungen zum Bittgebet gründlich durchgearbeitet und gibt damit der Praxis des Bittgebetes eine solide Basis. Von dem Autor darf man nach dieser Grundlegung die Weiterführung der aktuellen Fragestellungen erwarten. Wie die Auseinandersetzung mit dem Islam. Wenn in dessen Gottesvorstellung das Schicksal, das Kismet leitend ist, dann müsste ja Gott die Dauer, z.B. des Syrienkrieges festgelegt haben. Man muss nur den Zeitpunkt abwarten, den Gott für das Ende Kriegsgeschehen gesetzt hat. Ist das tatsächlich die Auffassung des Islam und wird vielleicht deshalb mit Gott nicht gerungen, die Kriegsparteien zum Einlenken zu bewegen?

Bittgebet als Ausdruck menschlicher Freiheit

Die zweite Weiterführung könnte noch einmal die Eingangsfrage aufgreifen: Warum Gott bitten, wenn doch schon alles festgelegt ist? Dann spielt die menschliche Freiheit keine entscheidende Rolle. Aber ist es nicht die Freiheit, die dem Menschen all die Feindschaften und Grausamkeiten ermöglicht, die ja Gott dann wieder Kraft seiner Allmacht überwinden soll? Auf der einen Seite die menschliche Freiheit, auf der anderen Seite Gott, der das Heil des Menschen und damit die Überwindung der Übel will. Gerät die Theodizee-Argumentation nicht in einen Selbstwiderspruch?

Keine oberflächliche Rede vom Erfolg des Bittgebets

Das Buch ist allein schon wegen dieser Fragestellungen für die Religionsphilosophie interessant, weil der Autor sich gründlich mit den Eigenschaften Gottes: Allwissenheit, absolute Liebe zum Menschen und Allmacht auseinandersetzt und die menschliche Freiheit als von Gott gewollt wahrt. Es sei nicht zuletzt allen Predigern sowie den Lehrern und Lehrerinnen des Gebetes empfohlen. Denn erst nach dem Durchgang durch die schwierigen Fragestellungen gelingt eine tragfähige Hinführung zum Bittgebet, die nicht bloß mit der Pflicht zum Gebet, die wir Gott schulden, argumentiert. Angesichts der Einwände gegen das Gebet ist man mit der sorgfältigen und in stringenten Argumentation gut vorbereitet.

Eckhard Bieger S.J.

Robert Biersack, Bittgebet und Gottes Vorsehung, eine systematisch-theologische Studie zur Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit der Bitte an Gott. Nr. 13 der pallotinischen Studien zu Kirche und Welt, 2015, 638 S., Eos-Verlag St. Ottilien

2 Gedanken zu “Bittgebet – eine Gottesfrage

  1. Die Angst vor dem Jobverlust…
    was lässt die Theologie so reden,wie sie redet ; von niemandem verstanden,von allen abgelehnt ?

    Was lässt 95 % der KiSt-Zahler hoffen auf eine neue Theologie/Kirche ?
    Ist es vielleicht die Erkenntnis, dass Gott ,wie in der Antike geglaubt, der einzig Freie ist ?
    Dass somit das “ Bittgebet “ Ausdruck der „kollektiven Erfahrung“ der Ohnmacht ist
    und das „Dankgebet “ dann Ausdruck der „kollektiven Erfahrung“ von „Wundern „- i.F. der Zuwendung des persönlichen, mitleidenden Gottes.

  2. Pingback: Warum noch beten | hinsehen.net

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