Vom Blühen spiritueller Felder

Die Definition dessen, was als Spiritualität bezeichnet werden kann, setzt voraus, dass menschliche Gefühle und Erfahrungen aus einem nichtmenschlichen Winkel gedacht werden können. Spiritualität ist vom Außergewöhnlichen gekennzeichnet. Eine übliche und gewohnte Alltagserfahrung erregt keine Aufmerksamkeit oder Irritation, die genauer hinterfragt werden müsste. Was heißt das für religiöse oder spirituelle Phänomene?

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Foto: Sirje S / flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0

Religiöse Erfahrungen

Religiöse oder spirituelle Phänomene lassen sich allerdings nur schwer beschreiben. Der Gegenstand ist unkonkret und in großen Teilen von subjektiven Deutungen bedingt. Entwicklungsmodelle setzen eine präpersonale und personale Reifung voraus,  die formlose oder postformale Dimensionen als möglich anerkennen. In einem solchen Modell von Entwicklung wäre Spiritualität das Symptom einer reifen Persönlichkeit und daher ein Betrachtungsobjekt, das von der Blickrichtung eines Beobachters abhängig ist. Das besondere Kennzeichen von Spiritualität in modernen Gesellschaften ist die Loslösung von religiösen Systemen.

Der moderne Mensch kann sich als spirituell oder religiös bezeichnen, ohne Bezug auf eine Glaubensgemeinschaft oder ein Glaubenssystem nehmen zu müssen. Der Vorteil eines religiösen Systems ist jedoch die kodierte Sprache. Spirituelle Erfahrungen können in Bildern und Metaphern beschrieben werden, die relativ klar im gegenseitigen Verständnis sind. Mit einer wissenschaftlich exakten Sprache wird allerdings nicht nur die Beschreibung einer spirituellen Erfahrung sehr schwer, es kann auch das eigentliche Phänomen durch die Sprache und Untersuchungsmethoden zu einem inhaltslosen Ding werden. Die Forschungen zu Glück und Religion haben aufgrund der Schwierigkeit der Operationalisierung ihres Forschungsgegenstands eher banale Ergebnisse erbracht, die fragwürdig machen, ob die gemessenen Effekte überhaupt einen kausalen Zusammenhang aufweisen.

Die Hartnäckigkeit der Traditionen

Religionen haben Gesellschaften geformt, Begrifflichkeiten stammen aus Traditionen und haben einen eindeutigen Bedeutungsgehalt. Jeder Versuch, ein religiöses oder spirituelles Phänomen zu beschreiben, ist von der Schwierigkeit gekennzeichnet, dass Worte im religiösen Gebrauch auch „Wandlungsworte“ sind, die aus einer allgemein anerkannten Realität durch das Aussprechen eine Veränderung im Wesen des Objektes bewirken. Das zu beschreibende Phänomen ist damit gar nicht zugänglich oder fassbar. Die Auswirkungen solcher Zuschreibungen von Situationen oder Begebenheiten können dagegen gemessen werden: Veränderungen im Gehirn, Blutdruck, Puls, Atmung, Hautleitfähigkeit usw. Werden losgelöst von den Glaubenssystemen religiöse Phänomene beschrieben, so müsste überprüft werden, wie sehr die gebrauchte Begrifflichkeit nicht doch eine Wirklichkeit transportiert, die scheinbar der anderen Zugangsweise widerspricht. Der Einzelne mag dann zwar sein spirituelles Erleben ohne Bezug zu traditionellen Deutungsmustern definieren. Sobald jedoch ein Dritter in Worte fassen will, was jemand erlebt hat, ist er angewiesen auf das, was die Tradition bzw. die einzelnen Traditionen vorgeben. Ferner kann es sein, dass eine Sprachvereinbarung nur deshalb verschieden von der Tradition erscheint, weil das Wissen darum abgenommen hat. Und drittens können andere Begrifflichkeiten einem Modetrend entsprechen, jedoch denselben Gegenstand meinen.

Spirituelle Krisen

Handlungsbedarf besteht nicht nur bei einer ehrlichen und differenzierten Analyse der Begrifflichkeiten, sondern auch bei der Begleitung von Menschen, die Lebensprobleme jenseits des herkömmlichen Krankheitsverständnisses haben. Die Entwicklungen gerade in den Grenzbereichen der Psychologie verweisen auf Lebenskrisen, die meist durch existenzielle Ereignisse wie Sterben, Tod, Krankheit, Nahtoderfahrungen u. ä. ausgelöst wurden und für die Menschen andere als medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Antworten sowie Hilfen wünschen. Kirchliche Angebote sind zu sehr mit einem Vokabular verbunden, das aufgrund seiner Vieldeutigkeit und gerade deswegen eindeutigen Ausrichtung, als dogmatisch empfunden werden. „Weltliche“ Angebote dagegen sind oft beliebig oder auch unterkomplex und bedienen dann nur oberflächlich die Anliegen suchender Menschen. Der Bedarf, in spirituellen Krisen Hilfen zu finden, kann nicht übersehen werden, auch wenn sich dieser unbeholfen, mit einem „falschen“ Vokabular oder auch gar nicht als spirituelle Krise verstehend äußert.

Thomas Holtbernd

Weiterführende Literatur:

Liane Hofmann, Patrizia Heise, 2016. Spiritualität und spirituelle Krisen, Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer, 59,99 Euro

Schlüsselbegriffe: Spirituelle Krisen, Phänomenologie, Spiritualität, Religiosität, existenzielle Ereignisse

Ein Gedanke zu “Vom Blühen spiritueller Felder

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