Die Phänomenologie des Außergewöhnlichen

Was früher oben war, ist heute ein außergewöhnliches Phänomen. Man könnte auch behaupten, Kirchen und Theologie haben es nicht geschafft, die Grenzen der Erkenntnis als ihr Arbeitsgebiet zu definieren, die Begriffe zu schärfen und esoterische Abirrungen einzufangen, um sie auf eine vernünftige Basis zu stellen. Stattdessen haben Psychologie und Parapsychologie die Diskursräume über das Ungewöhnliche oder Außergewöhnliche erobert.

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Foto: hinsehen.net

Psychologie und Religion

Die wissenschaftliche Anomalistik beschäftigt sich mit Nahtoderfahrungen, Reinkarnation, Wunderheilungen und anderen nichtalltäglichen Erlebnissen. Selbst Spiritualität und spirituelle Krisen werden offensichtlich kompetenter angegangen als dies durch die Pastoralpsychologie, Religionspädagogik oder auch Spiritual Care geschieht. Für Psychologen waren Psychosynthese oder Transpersonale Psychologie interessanter als theologische Traktate über Trinität, Eschatologie, Erlösung, Sünde usw. Die Erfahrung in Psychotherapien, dass die Patienten von transpersonalen Erfahrungen berichteten, führte zumindest im Bereich der Humanistischen Psychologie dazu, sich auch mit solchen übersinnlichen Phänomenen zu beschäftigen. Religion konnte zwar abgelehnt, die Erlebnisse mussten jedoch ernstgenommen werden. Gleichzeitig wurden Praktiken der Indianer, Schamanen u. a. als hilfreich für Heilungsprozesse erkannt. Bestimmte Ausuferungen solcher Bestrebungen führten zu esoterischen Therapien, die wie Sekten funktionierten. Auf der anderen Seite gab es die Parapsychologie, Erich von Däniken befeuerte den Glauben an Außerirdische, Uri Geller verbog Gabeln, UFOs wurden gesichtet, Tische gerückt und der Spuk nahm keine Ende. Was als Spinnerei abgetan wurde, fand Eingang in den Wissenschaftsbetrieb. 1950 wurde in Deutschland das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg gegründet.

Religiöse Erfahrungen

Mit William James (1842-1910) und seinem Buch „The varieties of religious experience“ sind religiöse Erfahrungen ein wichtiger Bestandteil psychologischer Forschung geworden. Philosophen greifen auf die Ausführungen dieses Psychologen und Philosophen ebenso zurück wie auf den Theologen und Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869-1937), wenn sie Religiosität oder Spiritualität definieren wollen. Waren Diskussionen um das Numinose oder religiöse Erfahrungen eher in kleinen Kreisen üblich, so finden Fragen um Spiritualität inzwischen z. B. Eingang in die Pädagogik. Die Psychologie-Professorin Lisa Miller geht von einer angeborenen Veranlagung zur Transzendenz aus und versucht, Eltern anzuleiten, ihre Kinder auf dem spirituellen Weg zu begleiten und sie nicht abzuschneiden von einem leitenden und liebevollen Universum. Parapsychologie, also eine Psychologie neben der eigentlichen, die von ernsthaften Wissenschaftlern belächelt wurde, beginnt sich als Wissenschaft von den Grenzgebieten der Psychologie zu etablieren. Was 1862 mit der Gründung des Ghost Club in England als Parapsychologie begann, hat sich zu einer ernstzunehmenden Wissenschaft entwickelt, die sich mit außergewöhnlichen Erfahrungen beschäftigt und für die Abgrenzung zu psychiatrischen Erkrankungen wichtig geworden ist.

Im amerikanischen Klassifikationssystem psychiatrischer Krankheiten DSM IV findet sich konsequenterweise als religiöses Problem „Der Verlust des Glaubens“. Religiosität und Spiritualität sind damit jedoch auch losgelöst von institutionellen Organisationen der Glaubensangebote analysierbar. Die Deutungshoheit liegt damit verstärkt bei den deskriptiven Wissenschaften. Eine Theologie, die vornehmlich um eine Fortentwicklung oder Modernisierung ihrer theologischen Lehrsätze oder Traktate bemüht ist, steht in der Gefahr, in Zukunft eher Teil einer Wissenschaft der Anomalistik zu sein. Die Standortbestimmung der Theologie muss von dem bestimmt sein, was in den wissenschaftlichen Ansätzen einer Parapsychologie oder psychologischen Grenzwissenschaften fehlt: Wahrheit. Es geht dabei nicht um richtig oder falsch, sondern um Wahrheit als Handeln wie es Michel Foucault mit dem Parrhesia-Gedanken formuliert hat. Dabei kommt – im Gegensatz zu einem wissenschaftlichen Anliegen – der persönlichen Beziehung und dem Risiko das entscheidende Moment zu. Das Aussprechen der Wahrheit ist eine Pflicht und nicht die Wiedergabe wissenschaftlicher Forschung, der immer eine Tendenz zur Generalisierung immanent ist.

Thomas Holtbernd

Für einen Überblick zum Thema sind folgende Handbücher geeignet:

Gerhard Mayer, Michael Schetsche, Ina Schmied-Knittel, Dieter Vaitl, 2015. An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Stuttgart: Schattauer, 79,99 Euro

Liane Hofmann, Patrizia Heise, 2016. Spiritualität und spirituelle Krisen, Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer, 59,99 Euro

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