Den Menschen neu denken

Die Evolution hat schon mit der Abstammungslehre Darwins das Bild des Menschen tiefgreifend verändert. Er ist erst einmal ein hochentwickelter Affe. Die weiteren Forschungen, vor allem die Entdeckung des Genfadens, zeigten, dass sich tatsächlich alle Lebewesen, auch der Mensch, aus sehr einfachen Zellen entwickelt haben. Diese Entwicklungsgeschichte ist so faszinierend, dass die Forscher erst einmal die Möglichkeiten der Natur bestaunten. Auf den ersten Blick scheint es auch so, dass die Natur „all das kann“. Muss dann die Überzeugung, dass der Mensch aus der Hand Gottes kommt, aufgegeben werden? Ist der Mensch nur Naturwesen oder kann er sich nur dann wieder auf Gott beziehen, wenn er die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie beiseite schiebt?

rhonheimer

Martin Rhonheimer geht in seinem Buch „Homo sapiens: die Krone der Schöpfung“ die Fragen gründlich durch und entlässt den Leser als Anhänger der Evolutionsbiologie und zugleich als Kirchgänger und Menschen, der auch philosophisch von der Geistseele überzeugt wurde, die nicht aus der Natur entsprungen ist.

Die Erkenntnisse der Forschung sind abgesichert

Zuerst betreibt er die Anerkennung der biologischen Forschung und zeigt, dass die Vertreter des Intelligent Design zu klein von Gott denken. Diese Richtung, die vor allem in den USA Anhänger hat, will den Schöpfungsgedanken retten, indem sie zeigt, dass die Evolutionstheorie bestimmte Entwicklungsschritte nicht erklären kann. Beispiel ist der komplizierte Ablauf der Blutgerinnung. Nur wenn alle Körperstoffe bereit stehen, kommt es zur Gerinnung. Aber das kann nur am Ende dieser Evolution im Kleinen stehen. Deshalb wird hier ein direktes Eingreifen Gottes als notwendig gesehen, der alle Elemente zusammenfügt, damit der Vorgang erfolgreich verläuft. Die einfach Antwort: Die Enzyme und andere Bestandteile des Gerinnungsprozesses können sich durchaus nacheinander entwickelt haben, wenn sie auf dem Weg zur „Gerinnungskaskade“ andere Funktionen erfüllten.
Auf den ersten 124 Seiten wird der Leser erst einmal von der Evolution überzeugt, auch dadurch, dass die ganze Entwicklung sich nicht irgendwie dem Zufall verdankt, sondern innerhalb des Raumes der Zelle stattfand, indem die Einzeller sich ausdifferenzierten. Evolution ist vor allem Evolution des Genfadens. Man verlässt diese Seiten mit einem anspruchsvolleren Verständnis der Evolution und damit erst einmal intellektuell zufriedengestellt.

Der Mensch ist mehr als Produkt der Evolution

Für die religionsphilosophisch relevanten Fragen spricht der Autor den Naturwissenschaftlern erst einmal ein Mitspracherecht ab, das all die beanspruchen, die aus der grandiosen Entwicklungsgeschichte des Lebens die Unsinnigkeit oder zumindest die Überflüssigkeit einer Hypothese „Gott“ folgern. Die einfache Antwort Rhonheimers: Die Naturwissenschaften können nur naturwissenschaftliche Fragen beantworten. Auch wenn die Gene von Mensch und Schimpanse zu über 98% übereinstimmen, folgt daraus nicht, dass sich der Mensch erheblich von seinem Genossen der gleichen Tiergattung unterscheidet. Die Schimpansen hätten eben keine Kulturgeschichte, sie seien auch nicht in der Lage, trotz eines Identitätsbewusstseins über sich selbst als biografische Wesen zu verfügen. Ihnen fehlt als Voraussetzung für die Freiheit die reflexive Distanz zu sich selbst, die offensichtlich erst mit der Sprachfähigkeit eintritt.

Der Autor zieht eine Grenzlinie zur neueren Philosophie, die mit Descartes beginnt, nämlich Geist und Körper als zwei verschiedene Entitäten zu sehen. In der Tradition des Aristoteles und des Thomas von Aquin zeigt Rhonheimer die enge Verbundenheit von Gehirn und Geistseele auf. Erst die Entwicklung, die zum menschlichen Gehirn geführt hat, ermöglicht die geistigen Vorgänge, die den Menschen von den höchstentwickelten Tieren unterscheiden. Zwei Bilder können das verdeutlichen. Während bei Descartes die Geistseele dem Fahrer eines Autos gleicht, der das Gefährt, das aber alles aus sich kann, nur lenken muss, ist der Pinsel des Malers eher vergleichbar dem Gehirn als Organ des Geistes. Man könnte die Entstehung von Rembrandts Nachtwache physikalisch-chemisch ganz aus den Pinselstrichen und der Farbmischung erklären. Aber, so gegen die Naturalisten, der Pinsel hat das Bild nicht konzipiert. Gegen die Vorstellung Descartes, nämlich dass Körper und Geist zwei Substanzen seien, zeigt der Vergleich des Pinsels, dass der Geist ohne den Pinsel kein Gemälde schaffen kann.

Das Buch denkt die Fragestellungen bis zur Lösung durch

Der Rezensent ist nach der Lektüre der 259 Seiten erneut davon überzeugt, dass es diese Bücher braucht. Denn viele Fakten und auch die philosophischen Konzepte sind einem schon anderswo begegnet. Was man erst im Laufe der Lektüre erkennt: Es braucht die gedankliche Durcharbeitung der verschiedenen Forschungsergebnisse wie der Deutungen. Deshalb sei die Lektüre dieses Buches als intellektueller Genuss auch deshalb empfohlen, weil keine Seite überflüssig ist und einem ein zu großer Anmerkungsapparat erspart bleibt. Man wünscht sich von dem Autor weitere Bände in der hervorragenden Reihe des Springerverlags.

Rahner nicht so einfach abtun

Eines wünscht man sich auch: Dass der Autor seine Ablehnung der Position Rahners überdenkt. Dieser hat ja die Tatsache der Evolution aufgegriffen und im Gefolge von Teilhard de Chardin die Materie sehr viel dynamischer gedacht als noch Aristoteles und Thomas v. Aquin, die ja noch von einem statischen Weltbild, sogar mit einer ewig existierenden Materie ausgehen mussten. Die Konzeption Rahners wird von Rhonheimer mit ähnlichen Argumenten wie denen gegen das Intelligent Design bedacht. Den Rezensenten haben diese Einwände nicht überzeugt. Denn Rahner will ja den Erklärungsnotstand des Intelligent Design überwinden. Um nicht Gott zum Handwerker zu machen, der einzelne Stufen der Entwicklung „zurechtbaut“, sieht er die Entwicklung mit einer solchen Dynamik ausgestattet, dass sich die Materie im Zeugungsakt so weit übersteigt, dass sogar die Seele aus dieser Dynamik heraus entsteht. Um Materie in ihren Entwicklungsmöglichkeiten zu erkunden, gibt vielleicht die Quantentheorie Hinweise.

Eckhard Bieger S.J.

Martin Rhonheimer, Homo sapiens: die Krone der Schöpfung, Herausforderungen der Evolutionstheorie und die Antwort der Philosophie, Springer VS, Wiesbaden 2016 

Ein Gedanke zu “Den Menschen neu denken

  1. evolutionärer Stachel…
    die „Krone der Schöpfung“, ist sie nicht ( schicksalhaft ?) gefangen in ihrer „polykratischen Natur „?
    Fortuna und Hybris sind gebunden an die „Simplicitas“ (Dummheit), an welcher der Mensch immer und immer wieder scheitert…
    Dies Phänomen ist der übrigen Natur unbekannt : „Krone der Schöpfung „?

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