Der Himmel auf Erden

Manchmal gibt es Perspektiven, die holen den Himmel auf Erden. Im Wasser spiegelt sich, was oben ist. Schaut man nur auf das Wasser, ist es oft gar nicht zu unterscheiden: Schaue ich aufs Wasser oder sehe ich auf dem Wasser ein Spiegelbild? Auch Fotografen und Maler nehmen solche Spiegelbilder gerne als Motiv. Es entsteht eine magische Atmosphäre, die nicht auf einer optischen Täuschung beruht, sondern darauf, dass unser Blick über eine Oberfläche nicht in eine Tiefendimension geführt wird, sondern auf eine Richtung verweist, wo sich das befindet, was wir gespiegelt sehen.

Foto: (c) Holtbernd

Foto: Thomas Holtbernd / hinsehen.net

 

Ein Spiegel dient uns dazu, das, was wir nicht sehen können, zu betrachten. Wir können uns nicht ins Gesicht schauen. Ins Auge können wir nur einem anderen Menschen sehen. Wenn wir unser Spiegelbild betrachten, ist es nicht sicher, dass wir uns im Spiegelbild auch erkennen. Im Film „Zeit des Erwachens“, dessen Drehbuch auf der Grundlage des Buches „Awakenings“ von Oliver Sacks geschrieben wurde, gibt es die wunderbare Szene, in der die Locked-In-Patienten in den Spiegel schauen und sich nicht erkennen, weil sie gealtert sind. In der Entwicklungspsychologie geht man davon aus, dass die Ich-Entwicklung eines Kindes an die Fähigkeit gebunden ist, sich als Person in einem Spiegel zu erkennen. Dazu sind Kinder erst ab einem bestimmten Alter in der Lage. Affen, so nimmt man an, sind nicht dazu in der Lage, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Sie halten das Spiegelbild für einen anderen Affen. In den Vogelkäfig montiert man einen Spiegel, damit der Vogel, der allein dort sein Leben fristet, glaubt, er wäre nicht allein. Und Narziss schaut so lange in sein Spiegelbild, bis sich die Erde auftut und ihn verschluckt.

Menschliche Identität

Es ist eigentlich undenkbar, dass ein Mensch sich nie in seinem Leben gespiegelt gesehen hat. Wasser ist ein unabdingbarer Hinweis auf Leben, das hat es auf der Erde gegeben, bevor es den Menschen gab. Also kann man davon ausgehen, dass schon der erste Mensch sich gespiegelt erlebt hat. Und Adam und Eva haben nicht erst durch die Schlange ihre erste Erkenntnis gehabt, dieser ging vielmehr die Selbsterkenntnis voraus. Eine gespiegelte Realität ist jedoch immer seitenverkehrt und das Gesicht erscheint dem Betrachter daher nicht so sympathisch, denn die gewohnte Schokoladenseite ist auf der falschen Seite. Menschliche Identität ist mit diesem Seitentausch verbunden. Zwar kann man nicht behaupten, dass es ohne Spiegel keine Identität gäbe, doch scheint der bewusste Vorgang der Identitätserkennung auf dem Erkennen der eigenen Person im Spiegel zu beruhen. Das erblickte Spiegelbild versetzt den Menschen jedoch in eine gleichzeitige Distanz zu sich, da der Blickende und der Erblickte zwar eine Person sind, doch der Erblickte trotz gleicher Identität anders erscheint und verschwindet, sobald sich der Blickende abwendet.

Gespiegelte Wirklichkeit

Es kann angenommen werden, dass erst die Erfahrung mit dem eigenen Spiegelbild, die Fähigkeit hervorbringt, einen im See gespiegelten Himmel als einen solchen erfassen zu können. Der Gedanke des Unterschieds von Bild und gespiegeltem Bild dürfte an die Erkenntnis gebunden sein, dass das eigene Spiegelbild nicht das Subjekt des Sehens ist. Die Übergänge scheinen allerdings fließend zu sein. Sie scheinen es aber nur, denn ein genaueres Hinsehen und Einordnen lässt erkennen, was sich spiegelt. Manchmal ist es auch der Wind, der die Wasseroberfläche in Wellen versetzt und damit das Spiegelbild zerstört und sehen lässt, dass das Gesehene gar nicht materiell ist.

Folgerungen gespiegelter Erfahrung

Jean Piaget, der das Spiegelexperiment kreierte, verband mit dem Erkennen des Ichs im Spiegel die Personwerdung. Geht man über diese Selbsterkenntnis hinaus, so ist die Feststellung, dass sich Etwas in Etwas wiederfindet und nur durch den menschlichen Geist als voneinander verschieden erkannt werden kann, eine Welterkenntnis, die dem Menschen die Fähigkeit zur Abstraktion und Ambiguität abverlangt. Das Prinzip der Identitätswerdung wird übertragen in ein In-der-Welt-sein, das sich gerade dadurch als Reifungsschritt zeigt, dass die materiale Welt einer Scheinwelt gegenübergestellt wird, durch die das Materielle erst als solches erkannt werden kann.

Thomas Holtbernd

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