Theologie des Leibes und die medizinische Sicht

Die Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968 stößt bis heute auf großen Widerstand. Wie wird sie seit den folgenden Jahren begründet und angefragt? Papst Johannes Paul II. und der Amerikaner Christopher West wollen die Enzyklika als für alle Menschen anthropologisch einsichtig begründen. Die Argumentation wird von den Medizinern August Wilhelm von Eiff und Hermann Hepp indirekt infrage gestellt.

© fotodo - Fotolia.com

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Zunächst die entscheidenden Aussagen der Enzkylika „Humanae vitae“ Pauls VI. von 1968 zur Bestimmung von Sexualität und Fortpflanzung:

 „Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe [Sexualität] genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, [Fortpflanzung] handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen.“

Johannes Paul II.: Theologie des Leibes

Die Sexualmoral Johannes Pauls II. wird allgemein „Theologie des Leibes“ genannt. Als Quelle der sittlichen Normen galten, zumindest für den jungen Wojtyla, nicht Willensäußerungen Gottes, sondern das Sein des Menschen, der junge Wojtyla hatte einen auto-teleologischen Ansatz. Prägend für seine Theologie und Philosophie waren vor allem Johannes von Kreuz und Max Scheler; Kant und Thomas von Aquin.

Der Begriff „Theologie des Leibes“ wurde von Johannes Paul II. selbst als Arbeitsthese bei seiner  letzten Mittwochskatechese 1984 geprägt. Die Katechesen zur Theologie des Leibes fanden von 1979 bis 1984 in Rom statt und gehen ursprünglich auf die Vorbereitungszeit der Bischofssynode 1980 mit dem Thema: „Über die Aufgaben der christlichen Familie in der heutigen Welt“, zurück. Das Ergebnis der Synode ist das apostolische Schreiben „Familiaris consortio“. Insgesamt handelt es sich um 129 Katechesen.

Die Theologie des Leibes gründet in biblischer Anthropologie, vor allem in drei Schlüsselstellen: Mt. 19,3–9, in der es um die Ehe geht. Mt. 22,24–30, in dem vor allem das Thema Ehebruch vorkommt und die Stellen über die Auferstehung (Mt. 22,24–30; Mk. 12,18–27; Lk. 20,27–40). Deutlich wird also bei Johannes Paul II., dass es sich um die theologisch-biblischen Grundlagen der katholischen Ethik handelt.

Diese bestätigten nach Johannes Paul II. voll und ganz „Humanae vitae“: „der ganze, als ‚Theologie des Leibes‘ bezeichnete biblische Hintergrund [bietet] wenn auch indirekt, die Bestätigung der Wahrheit der in Humanae vitae enthaltenen moralischen Norm“. Das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung durch Gottes Willen, wie in „Humanae vitae“ argumentiert wird, liege, und das wollte Johannes Paul II. mit den anthropologisch-biblischen Grundlagen der Theologie des Leibes klären, darin, dass Verhütungsmittel gegen die Wahrheit über den Menschen seien. Damit träte Gott als Anwalt für die Wahrheit des Menschen ein. Insofern sollen hier Glaube, Anthropologie und Philosophie zusammengedacht werden.

Versuch der Neuvermittlung: Christopher West

Besonders in den USA gibt es vor allem katholische Laien, die bestrebt sind, die katholische Sexualmoral ganz im Sinne der Päpste Paul VI. und Johannes Paul II., die hier theologische bzw. anthropologische Grundlagen legten, zu vermitteln. Ein bedeutender Name in diesem Kreis der Lehrer um die von Johannes Paul II. begründete „Theologie des Leibes“ ist Christopher West. Als Personen, die West inspirierten, nennt er den Playboy-Gründer Hugh Hefner und Johannes Paul II. Die auf den ersten Blick widersprüchliche Konstellation wird verständlich, wenn man sich mit seinen Büchern befasst.

Hefner sei als Puritaner ohne körperliche Zuneigung wie Küsse und Umarmungen aufgewachsen. Er habe daher das Playboy-Magazin als persönliche Antwort auf die Heuchelei des puritanischen Erbes gegründet. Als Quelle für das Interview nennt West nur eine Internetseite ohne genauen Link. West interpretiert das von ihm angegebene Interview so, dass Hefner auf der einen Seite die „Krankheit des Purtanismus“ zwar richtig diagnostiziert habe, auf der anderen Seite jedoch ein falsches Heilmittel empfehle, nämlich „Genuss“. Damit sei er von einem Extrem in ein anderes geraten. Als geeignetes Heilmittel gegen eine gestörte Sexualität empfiehlt er die „Theologie des Leibes“ nach Johannes Paul II. Wests Buch beginnt in seiner Einleitung mit der Beschreibung eines Phänomens. West hört Popmusik über Liebe im Radio. Moderne Liebesmusik sieht West als Verfallsgeschichte der wahren Liebe und zitiert dazu Benedikt XVI.: „Das Wort ‚Liebe‘ ist heute zu einem der meist gebrauchten und auch missbrauchten Wörter geworden“. Weiterhin sagt West: „Unsere Welt ist gesättigt mit Sex aber bleibt hungernd nach Liebe“ .West will nun in seinem Buch die Antwort geben, wieso das der Fall ist und wo man noch die Liebe, die zufriedenstellt, finden kann. Sein Ausgangspunkt ist also die säkulare Welt, wie er sie wahrnimmt – das Ziel, die Bekehrung der Menschen.

West sieht das Kernproblem der katholischen Sexualmoral in der Kommunikation. Er steht voll in der Lehre „Humanae vitaes“ und der theologischen Interpretation Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. Die Kernthese Wests lautet:

„[…] die katholische Kirche hat – trotz der angeblichen anti-Sex Stimmung – eine Vision der sexuellen Liebe, die weit ruhmreicher ist als alles, wovon Sigmund Freud, Hugh Hefner, Britney Spears oder Howard Stern träumen oder was sie sich vorstellen könnten.“

Liest man das Buch, so sieht man, dass West mit päpstlichen Enzykliken argumentiert, vor allem der ersten von Benedikt XVI.: „Deus caritas est“, auf die sich auch Wests These bezieht. Auch bezieht er sich auf die von Johannes Paul II. entwickelte „Theologie des Leibes.“ Weiterhin zitiert er die Bibel und den Katechismus der katholischen Kirche. Am Ende schließt er sein Buch mit der Anrufung des Heiligen Geistes: „Komm Heiliger Geist. Komm fülle unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe, damit wir die Welt in Brand stecken mögen!“ Deutlich bei all dem wird, dass West aus der Glaubensperspektive schreibt.Die Quelle liegt im Glauben und das Ziel liegt im Glauben.

Kommunikation und Argumentation aus der Medizin

Doch was sagen Ärzte zum Thema Sexualität? In der Praxis zeigen sich oft andere Realitäten. So erweist sich die gleichzeitige Verdammung von Abtreibung und Pille mitunter als kontraproduktiv. Diese führt in der Praxis zu eigenartigen Verhaltensweisen kasuistischer Moralvorstellungen: „Die Frau [in Südamerika] erzählte, […] daß sie zweimal im Jahr abtreibe. Auf die Frage meines Sohnes, warum sie nicht die Pille nehme, antwortete die Frau: ‚Wenn ich die Pille nähme, würde ich etwa 300 Todsünden im Jahr begehen, so aber begehe ich nur zwei Todsünden.‘“

Eiff meint, dass die häufige Verurteilung von Empfängnisverhütung und Abtreibung in „Humae vitae“diese Auslegung nicht unlogisch erscheinen lasse. Deutlich an dieser Schilderung wird, dass Sexualität im praktischen Leben als etwas Selbstverständliches stattfindet, das ganz nah an den homöostatischen, .d.h. überlebenswichtigen Regelungen ist. Eiff ist darum bemüht, Abtreibungen zu verhindern.Dem Vorwurf Ratzingers, Empfängnisverhütung führe zu mehr Abtreibung, entgegnet Eiff, „daß die angebliche Empirie über das parallele Verhalten von Empfängnisverhütung und Abtreibung nicht belegt werden kann.“ Eiff stellt auch theologische Anfragen an die Kirche. Es sei zu fragen, wo sich biblische Angaben über das Verbot der Verwendung von Empfängnisverhütungsmitteln fänden. Vor allem, da Onan kein Beispiel für Kontrazeption sei. Weiterhin sei zu fragen, ob sich die Kirchenväter in der Sexualmoral nicht auf nichtchristliche Philosophien bezögen.

Darüber hinaus müssten biologische Erkenntnisse wahrgenommen und als Schöpfungsplan in die ethische Beurteilung mit eingehen. Der Mensch sei, wie Primaten, schon aus biologischer Sicht gar nicht mehr nur auf Fortpflanzung eingestellt: „Dabei erkennt man, daß es nur für einen Teil der Evolution zutrifft, daß der Sexualtrieb ausschließlich dazu da ist, die Fortpflanzung zu gewährleisten. Denn bei höherentwickelten Tieren – in Affenuntersuchungen wurde dies experimentell bewiesen – kommen auch außerhalb des Ovulationstermins gehäuft Kopulationen vor.“ Das dominierende innere Ziel des Sexualtriebs beim Menschen sei nicht der Wunsch nach Fortpflanzung. Durch die Entwicklung des Gehirns sei es möglich, Sexualität nicht als reine Instinkthaltung anzusehen. Zur existenziellen Sinndeutung der Sexualität seien daher zwei Entwicklungen zu berücksichtigen:

„1. die Tendenz in der Evolution, daß der Sexualtrieb auch völlig unabhängig von seiner Fortpflanzungsfunktion wirksam sein kann; 2. die Potenzen des Gehirns, die das Individuum zur Person und damit liebesfähig machen.“

Der Hauptzweck liege aus physiologischer Sicht in der Hilfe des Partners. Dem Vorwurfs Ratzingers, die Pille wirke auch als Nidationshemmer, entgegnet Eiff, dass die Pille nicht als potenzielles Abortivum angesehen werden könne, da vorher bereits die Spermien nicht mehr fähig wären, eine Eizelle zu befruchten. Allerdings scheint das volle Wirkungsspektrum der Pille nicht ganz klar zu sein. Sollte die Pille nicht nur rein präventiv wirken, wäre die moralische Bewertung neu zu stellen.

Der Verlust von Werten in der heutigen Zeit sei letztlich jedoch nicht die Folge von hormonellen Verhütungsmitteln, sondern „Teil der letzten großen Welle der Französischen Revolution, in der u.a. eine weltweite Emanzipation der Frau stattgefunden hat, die noch nicht in ein Ordnungssystem eingebettetist.“ Die Herausforderung für die Kirche liege gerade darin, die positiven Aspekte der neuen Freiheit der Frauen zu fördern und die Irrwege zu bekämpfen. Hepp macht auf den heutigen medizinischen Fortschritt aufmerksam, der es einer Ehe, die im Alter zwischen 20 und 25 Jahren geschlossen werde, ermögliche, 20 Geburten hervorzubringen. Bereits die Enzyklika „Casti connubii“ Pius XI. von 1930 habe von einer Empfängnisregelung gesprochen.

Eiff hofft auf eine stärkere Dialogbereitschaft in der Kirche, die „eine essentielle Quelle der Wahrheitseinsicht ist, ein Dialog, an dem die ganze Kirche beteiligt sein soll, insbesondere die je Zuständigen, zu denen natürlich bei unserer Problematik auch die Eheleute gehören.“

Josef Jung

Dieser Aufsatz (mit Quellen, Literatur und Fußnoten) und weitere sind im eBook „Nicht Sex, sondern Sexualität“ enthalten

Siehe auch: Keine kalte „Schreibtisch-Moral“ entfalten

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