Das Ich ist unsichtbar


Wir sind Augen-Tiere. Was wir sehen, was wir untersuchen, im Mikroskop oder mit dem Fernrohr beobachten können, das scheint uns wirklich. Thomas Holtbernd hat die Kultur, die nur das Gesehene  für wirklich hält, beschrieben. Aber das Entscheidende uns, was wir mit Ich bezeichnen und in dem unsere Freiheit stecken muss, können wir nicht sehen. Auch das Gewissen, das sich in uns meldet, ist unsichtbar – aber doch nicht unwirklich.

Foto: hinsehen.net

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Ich bin mehr als Zufall

Ich finde mich in der Welt vor. Ich kann denken, fühlen, kann über meinen Lebensweg entscheiden. Mein Ich, mit Freiheit ausgestattet, ist das Fundament. Ich trage es immer mit, sogar im Traum. Aber woher kommt es? Auch wenn ich von meinen Eltern herkomme, es sind nicht Menschen, die meine Geistigkeit und meine Freiheit gemacht haben. Es ist eine außermenschliche Instanz. Wie soll ich diesen Ursprung meines Ichs erfassen? Nicht zu bestreiten ist, dass ich mich nicht selbst gemacht habe. Auch meine Eltern haben mein Ich nicht gemacht. Es ist mit mir bei der Geburt in die Welt getreten und hat sich dann immer deutlicher gezeigt. Mit dem Zufall lässt sich das nicht erklären. Das wird an der Freiheit deutlich. Wenn in mir eine Art biologische Zufallsmaschine die Entscheidungen getroffen hätte, also meinen Beruf und meinen Lebenspartner hätte wählen lassen, dann hätte ich ja von außen das beobachten können. Ich wäre Zuschauer meines Lebens geblieben. Dann säße in mir mein Ich und würde zusehen, wie ich gesteuert werde. Aber ich habe gewählt. Weil es meine Entscheidungen sind, ist es dann auch mein Leben geworden. Würde ich nur den Zufälligkeiten des Lebens folgen, wäre ich wie Wasser, das immer dahin fließt, wo es am niedrigsten ist. Ich muss mich jedoch gegen diesen ständigen Trend zur Nivellierung stemmen, will ich meinem Leben mit meinem unverwechselbaren Fingerabdruck die Einmaligkeit geben, zu der ich offensichtlich berufen bin. Irgendwo kommt aus mir die Kraft, meinem Roten Faden zu folgen, auch bei heftigem Gegenwind. Niemand außer mir kann mein Leben leben.

Freie Entscheidungen sind kein Zufall

Wer kann dann aber mein Ich mit Freiheit ausgestattet haben? Zu der Freiheit muss das Überlegen-Können hinzukommen. Wenn ich nicht unterscheiden, abwägen und nochmal anders an eine Entscheidung herangehen könnte, wäre meine Freiheit blind. Wie kann das aber aus dem Biologischen kommen? Nach der Evolutionstheorie entwickelt sich das Leben aus Mutationen, also Zufällen. Ich bin zwar von Zufällen abhängig, wenn ich aber entscheide, dann folge ich nicht irgendeinem Zufall. Menschen, die sich in ihren Entscheidungen ständig umstellen, indem sie sich an das gerade Angesagte anpassen, sehen wir nicht als Ideal. Man kann sich nicht auf sie verlassen, weil irgendetwas passieren wird, was sie von ihrer Zusage wieder abbringt. Wir sagen abfällig: sie hängen ihre Fahne nach dem Wind.
Und wo bliebe die freie Entscheidung, wenn wir nur biologisch wären. Alles Naturhafte wird doch durch die Natur-Gesetze gesteuert. Auch mein Körper funktioniert nach biologischen Regeln. Hunger und Müdigkeit überkommen mich, Verdauen und Schlafen muss ich dem Körper überlassen. Anders als meine Biologie steuert sich mein Ich selbst, wenn es entscheidet. Zwar bleibt mein Ich an den Körper gebunden, aber nicht der Körper trifft die Entscheidungen. Während die Naturwissenschaften Gesetze entdecken, wird Freiheit nicht von Gesetzen gesteuert, sondern vom Abwägen, Überlegen, von Ideen für die Zukunft. Die Naturgesetze wirken, ohne dass die Pflanzen, die Tiere wie auch wir Menschen sie kennen müssen. Millionen Jahre hat der Mensch nicht gewusst, wie der Blutkreislauf funktioniert und wie aus Ei- und Samenzelle ein neues Lebewesen entsteht. Die Naturgesetze können wir auch nicht einfach durch unseren Willen beeinflussen. Aber obwohl unser Körper weitgehend nicht unserem Willen, sondern den Naturgesetzen gehorcht, ist mein Ich doch frei, z.B. nach München und nicht nach Berlin zu fahren.

Den anderen nehmen wir als Ich-Zentrum wahr

Das Ich als Entscheidungszentrum setzen wir in unserem Zusammenleben bei den anderen voraus. Wir gehen nicht davon aus, dass der andere einem biologischen Programm unterliegt. Wären die anderen in den für uns wichtigen Handlungen von Naturgesetzen gesteuert, müssten wir für unser Zusammenleben total umdenken. Denn wir rechnen gewöhnlich damit, dass die anderen als von ihrem Ich gesteuerte Wesen zu sehen sind. Sie sind im Persönlichen für Ihre Handlungen verantwortlich. Wenn jemand nicht von seinem Ich gesteuert wird, erklären wir ihn nämlich für „nicht mehr zurechnungsfähig“. Zudem wäre das Rechtssystem hinfällig, würden unsere Worte und Handlungen nicht in uns entspringen.
Wenn ich vom Recht in meiner Verantwortung belangt werden kann, ist das etwas anderes, als wenn ich zum Arzt gehe. Der schickt mein Blut ins Labor, macht ein EKG, misst meinen Blutdruck. Bei zu schnellem Fahren wird auch meine Geschwindigkeit gemessen, aber wenn ich zu schnell gefahren bin, muss mein Auto nicht in die Werkstatt, sondern ich erhalte einen Strafzettel.
Strafzettel in Form von bösen Blicken, eines Tadels oder sogar der Wut anderer handele ich mir ein, wenn ich bestimmte Höflichkeitsregeln verletze, nur auf meinen eigenen Vorteil aus bin oder anderen bewusst schade. Ich kann es so weit treiben, dass ich aus der Clique, dem Team, ja sogar aus der Familie ausgeschlossen werde. Das zeigt: unser menschliches Zusammenleben basiert mehr auf den ethischen Vorgaben als auf den biologischen Vorgängen im Körper.
Unser Leben beruht nur zu einem Teil auf den Naturgesetzen, zum größeren Teil jedoch darauf, dass andere, mit Freiheit begabte Ichs, mit mir in Kommunikation treten, sich an bestimmte ethische Regeln halten und sogar mehr für mich tun als gefordert ist.

Wenn ich im Zusammenleben mit anderen deren Ich zum Ausgangspunkt nehme, dann kann ich das nicht sehen. Aber unser Leben hängt mehr von den anderen ab, ob sie nämlich verantwortlich mit sich und mir umgehen. Im Entscheidenden müssen wir mit Nicht-Sichtbarem umgehen. Glücklicherweise drücken der Körper und vor alle die Gesichtszüge das Ich des anderen aus, so dass unser Auge doch wieder ins Spiel kommt.

Eckhard Bieger

Links
Wenn sich die Welt auftut
Die Sinnfrage
Gott-ein Jemand oder eine Kraft

2 Gedanken zu “Das Ich ist unsichtbar

  1. Pingback: Wenn sich die Welt auftut | hinsehen.net

  2. kopernikanische Wende…
    wir sind Zeugen eines Übergangs:
    Selbstbestimmtheit vs. Fremdbestimmtheit.
    Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft.
    In der Rechtsprechung entscheidet nicht mehr der „freie Wille“, sondern die Tat.
    In der Konsequenz deshalb Rehabilitation, Therapie vs.Einkerkerung.
    Inklusion vs. Exklusion,etc.
    Das ICH weicht ( wieder) dem ES – und den 10 Geboten…!

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