Wenn sich die Welt auftut

Erkenntnisse, so könnte man meinen, ergeben sich, wenn man den richtigen Dreh, die richtige Tür gefunden habe. Dann müsse man nur noch die Türklinke niederdrücken und schon öffne sich eine neue Welt. Wir stellen uns Denken und Nachdenken oft räumlich vor: der Schritt in die richtige Richtung, Denkräume, Perspektiven öffnen u. ä. Selten nur machen wir uns bewusst, was es eigentlich bedeutet, unser Denken vor allem in Begrifflichkeiten des Sehens auszuformulieren. Die Überbetonung der Ratio resultiert aus der Bevorzugung des Visuellen im Sprachgebrauch des Denkens und Philosophierens.

Foto: hinsehen.net

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Begriffe, die mit einem Einsehen vergleichbar wären, sind Verstehen oder Begreifen. Dabei wird schon spürbar, wie sehr sich die Assoziationen verändern. Beim Verstehen tendiert das Verständnis zum Gehorsam, man hört auf das, was als Erkenntnis gesagt wird. Dieser Vorgang ist eher passiv. Beim Begreifen wird ein aktives Tun mitgedacht, ein Gegenstand wird angefasst, berührt und dieses körperliche Tun führt zu einer Erkenntnis. Der intensivste Vorgang einer Erkenntnis ist das Schmecken, weil das Objekt inkorporiert werden muss. Damit wird es zu einem Teil des erkennenden Subjekts.

Harte Fakten

Die Naturwissenschaften scheinen offensichtlich hiervon nicht betroffen zu sein, bei ihnen es geht um harte Fakten. Die werden gewogen, gemessen und bewertet. Die scheinbare Objektivität verändert jedoch nicht den eigentlichen Erkenntnisprozess, denn die festgestellte Tatsache wurde gesichtet. Es ist für uns nur schwer vorstellbar, wie man hörend oder begreifend zu einer Erkenntnis gelangen könnte. Wir sind viel zu sehr daran gewöhnt, dass man den „Überblick behält“, Ergebnisse „betrachtet“ und „sichtet“, Diagramme und Tabellen zeichnet, die man sich „angucken“ kann. Würde man das Hören einbeziehen, ließe sich das Ergebnis nicht wie gewohnt darstellen. Man müsste wie bei einem Musikstück Noten aufschreiben. Wollte man eine Erkenntnis begreifen, müsste das Ergebnis als haptische Erfahrung spürbar sein.

Das Denken als Sehen

Der Sehsinn ist der unkörperlichste Vorgang der Wahrnehmung. Das Sehen wird zwar im Gehirn verarbeitet, doch das Außen dringt nicht so direkt in den Körper ein wie beim Hören, Begreifen oder Schmecken. Damit ist jede Erkenntnis schon im Ansatz abstrakt. Nicht erst die Darstellung einer wissenschaftlichen Arbeit ist abgehoben, schon der Weg zum Forschungsobjekt ist abstrakt. Jede Abstraktion kann jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen, man könnte sagen, bis die Augen den Punkt am Horizont verloren haben. Dann ist die Erkenntnis so abgedreht, dass niemand mehr nachvollziehen kann, was konkret gemeint sein könnte. Dort aber, das läge in der Logik des visuell geprägten Denkens, tummeln sich dann die Metaphysiker. Was nicht mehr gesehen werden kann, muss gedacht werden und das Denken ist ein besonders intensives Sehen, ein Schauen hinter die Dinge oder in die Dinge hinein.

Das hörende, greifende und schmeckende Erkennen

Mit dem Prozess des Hörens, Greifens und Schmeckens ist eine andere Begleiterscheinung als beim Sehen gegeben. Es wird durch diese Formen der Wahrnehmung die körperliche Dimension einbezogen, das Berühren eines Gegenstands setzt Empfindungen frei, die Verletzungsgefahr ist wesentlich höher. Beim Sehen kann ein sehr helles Licht den Augen schaden, „begreife“ ich einen Gegenstand, kann ich mich schneiden, verbrennen oder kleben bleiben. Beim Schmecken sind die Gefahren noch viel größer, ich kann eine Substanz in den Mund nehmen, die mich in einen Rausch versetzen und, wenn es Gift ist, auch töten kann.

Die andere Welt des Erkennens

Das Eingeständnis unseres Erkennens als vor allem visuell geprägt, kann uns dazu führen, dass wir erstens die Ergebnisse unser Denk- und Forschungsbemühungen als sehr eingeschränkt begreifen müssen und zweitens eingestehen sollten, dass Probleme, die wir heute haben, auch ein Resultat unseres einseitigen Erkenntnisvorgangs sind. Drittens wäre es hilfreich und vielleicht die Tür in eine andere Welt, wenn wir darüber nachdenken, wie wir das Hören, Begreifen und Schmecken in unsere Wissenschaftswelt hineinnehmen könnten. Allein die Fantasien darüber, wie Erkenntnisse auf diese Weise gemacht werden könnten und wie dann Ergebnisse festgestellt und mitgeteilt würden, könnte zu einem Wandel dessen führen, was bisher als Fortschritt und Objektivität oder Realität galt.

Thomas Holtbernd

Link zum unsichtbaren Ich

Ein Gedanke zu “Wenn sich die Welt auftut

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