Die Physik des Krieges

Die Evolution scheint im ständigen Kriegszustand angekommen zu sein. Irgendwie ist der Krieg aus der Evolution hervorgegangen. Diese Evolution ist anders als das Kreisen unseres Planeten um die Sonne. Aus den ersten einfachen Lebewesen entwickelte sich das Gehirn, die bisher komplexeste Form von Materie. Blickt man in diesen Tagen auf diese hochentwickelte Materie, dann scheint die Evolution den Rückschritt angetreten zu haben. Es geht um Herrschaft, nicht nur über einen Geländestreifen, sondern über die Köpfe, denn in Syrien bekämpfen sich das schiitische Persien und das sunnitischen Saudi Arabien. Was macht der Mensch mit sich selbst? Offensichtlich versteht er sich als Zielpunkt der Evolution nicht hinreichend.

Das menschliche Gehirn ist durch Schuldgefühle gesteuert

Wäre der Mensch nur ein Tier, dann würde er aufhören zu kämpfen, wenn er satt wäre. Geht es wie bei den zahmen oder bei den großen und kleinen Wildkatzen um die Herrschaft um ein Revier, würde nicht endlos gekämpft, sondern der Unterlegene würde sich unterwerfen oder das Feld dem anderen überlassen. Die menschlichen Kämpfe kennen solche Spielregeln, wie sie auch die vom Menschen als besonders angriffsbereiten Wölfen unterstellt werden, nicht. Wenn der Mensch nur Materie wäre, dann müsste es eine Physik nicht nur der Elementarteilchen und der Milchstraßen geben, sondern auch der Macht und der Schuld.

Den Märtyrern ist man das Weiterkämpfen schuldig

Die Psychologie als Wissenschaft der Seele kann erklären, wie Schuldgefühle wirken. In einem sich hinziehenden Krieg sind die Überlebenden den gefallenen Kämpfern „schuldig“, deren Tod mit einem Sieg zu rechtfertigen. Denn würden die Zurückgebliebenen nicht ihr Leben für den Sieg einsetzen, wäre der Tod der Kameraden sinnlos. Was wir jetzt im Syrienkrieg beobachten, konnte man an der deutschen Seele schon im letzten Jahrhundert ablesen. Der Erste Weltkrieg fand kein Ende. Obwohl schon nach einem Jahr klar war, dass keine der Parteien die andere besiegen konnte, mussten die USA in die Kämpfe eintreten, damit eine Seite den Sieg erringen und damit den Krieg beenden konnte. Der Zweite Weltkrieg war für Deutschland mit Stalingrad längst verloren, jedoch mussten die Kriegsgegner erst das ganze Land besetzen, eher die Kapitulation unterschrieben wurde. Anders als bei den Tieren haben die Toten eine solche Macht über die Lebenden, dass diesen der Sieg und damit die Rechtfertigung der Toten mehr wert sind als das eigene Überleben.

Bestrafung gehört zur Physik des Krieges

Der Sieger fühlt sich nicht nur als der Überlebende, dem seine Macht nicht mehr streitig gemacht werden kann, er muss auch den Unterlegenen bestrafen. Der Sieg wird vom Menschen so verstanden, dass er nicht nur wie bei Sportwettkämpfen die physische und auch mentale Überlegenheit herausstellen konnte, sondern den anderen dem eigenen Rechtssystem unterstellt. Es geht also nicht allein darum, der Stärkere zu sein, sondern auch darum, Recht zu haben. Betrachtet man den Menschen nur als physikalisch-biologisches System, dann verfügt dieses nicht nur über eine DNA, die sich selbst in Form der Chromosomen duplizieren kann, sondern auch über ein Bewusstsein, ob etwas erlaubt ist oder einem sogar rechtmäßig zusteht.

 Religion als Form des Rechthabens

Um Recht haben zu können, braucht es eine Legitimation. Die verschafft einem erst einmal der Sieg. Denn wer wie der Gegner sein Leben aufs Spiel gesetzt und dann noch den Gegner niedergerungen hat, der darf sich im Recht fühlen. Aber sogleich kommt das Glücksmoment ins Spiel, denn erst am Ende des Kampfes steht der Sieger fest. Ein anderer Faktor scheint mit im Spiel. Im Zweiten Weltkrieg, in Korea und Vietnam diente die Ideologie, der sich die Kriegsgegner verschrieben hatten, als Rechtfertigung. Ob die biologische Rassenlehre, die marxistische Wirtschaftstheorie zur Überwindung der Ungerechtigkeit des Kapitalismus oder die Idee der Freiheit, sie wirkten kriegsverlängernd. Im Ersten Weltkrieg wie auch in Syrien und in den Anschlägen im Irak berufen sich die Gegner auf den gleichen Gott. Erst wenn diese kriegstreibenden Faktoren in den Blick genommen werden, findet sich ein Ausweg, um die Kämpfe zu beenden.

Die Physik der Schuldentlastung

Nicht die Materialität der Waffen führt zu einem Ende der Kämpfe, die sich evolutionsbiologisch gegen die weitere Entwicklung des Menschen richten. Es müssen die Schuldgefühle und die Rechtfertigungsmechanismen der Kriegsgegner außer Kraft gesetzt werden. Die Analyse der vorausgehenden Zeilen wählt den Blick der Naturwissenschaften, um einen Schritt weiterzukommen. Das auch deshalb, weil die religiöse Komponente, ob als konfessioneller Gegensatz oder als biologische Rassentheorie bzw. als Wirtschaftstheorie meist kriegsverlängernd  wirken. Deshalb scheint die Abschaffung der Religion keinen Ausweg zu eröffnen, denn das religiöse Moment kommt durch die Hintertür zurück. Daran hat der Schuldmechanismus einen erheblichen Anteil, der wohl notwendig, eben „von Natur aus“, zum Menschen gehört. Man kann ihn nicht einfach physikalisch oder biologisch zum Verschwinden bringen. Nimmt man keine Seele an, dann muss die Materie die Schuldimension in sich tragen.

Für die Religion wäre die Lösung einfacher. In Bezug auf Gott müssten sich die muslimischen Konfessionen fragen, ob Allah den Krieg unter Glaubensbrüdern tatsächlich will. Im Lutherjahr könnten die Christen ihren Konfessionskrieg in den Blick nehmen. Dann wären sie in der Lage, den Muslimen zu zeigen, wie man der Falle eines Dreißigjährigen Krieges entkommen kann. Der muslimische Konfessionskrieg geht bereits in sein 36. Jahr. Er begann mit dem Aufruf Chomenis, Saddam Hussein zu stürzen. Das war 1980.

Eckhard Bieger S.J.

Links:
Gewalt durch Religion
Der Terror ist religiös

Ein Gedanke zu “Die Physik des Krieges

  1. Triumph der Dummheit…
    Die ägyptisch-hellenistische Antike hat den Krieg als Mittel der Politik vor 3000 Jahren als Dummheit erkannt und durch Handel und Interessensausgleich ersetzt: der Kapitalismus entstand.

    Heute stehen wir in Europa wie auch weltweit vor dem Untergang des Kapitalismus, aber auch vor der Rückkehr des (militärisch aufrüstenden ) theokratischen-Nationalismus.

    Welches Tier ist dümmer als der Mensch ?

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