Das Wesen des Erscheinens-Buchbesprechung

Leider, so könnte man lakonisch feststellen, ist die Sprache der Akademiker nicht jedem zugänglich. Insbesondere, wenn es philosophisch wird und dann auch noch ein Spezialgebiet betrifft, reicht es nicht, einen Satz nur einmal zu lesen. Und es ist keineswegs nur die Sprache, die den Zugang schwer macht, es ist auch die Herangehensweise an Wirklichkeit, die zwar alltäglich und selbstverständlich ist, doch unverständlich erscheint, wenn sie genauer beschrieben und überprüft wird. So eindeutig man zu wissen meint, was ein Phänomen ist und wie man es wahrnimmt, so abstrakt wird es, wenn man es genauer analysiert und sich zu verstehen bemüht. Dirk Franken hat im Rahmen einer Dissertation einen solch schwierigen Versuch unternommen. Er verbindet die im deutschen Sprachraum weniger bekannte analytische Philosophie des Geistes mit der Phänomenologie und versucht hieraus zu ergründen, wie die Beziehung vom Subjekt zum Gegenstand des Wahrgenommenen begrifflich und systematisch verstanden werden muss.

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Die analytische Philosophie des Geistes hat als einen wichtigen Fokus ihres Denkens das Leib-Seele-Problem. Diese philosophische Denkaufgabe kann man als Lokalisierungsproblem definieren. Worauf lässt sich etwas oder ein Gegenstand reduzieren? Man kann nicht unendlich zurückgehen, an irgendeinem Punkt muss es eine fundamentale Eigenschaft oder Instanz geben. Das Subjekt benötigt ein Bewusstsein von dem, was es wahrnimmt, es muss sich in einem bestimmten mentalen Bewusstsein befinden. Nimmt man nun an, dass das Wahrgenommene gar nicht existiert, würde es gar kein Phänomen geben, sondern nur ein autistisch ausgelöstes Sinnenerleben. Wird hingegen das dem Subjekt Gegenübergestellte reduktionistisch verstanden, so erfasst dies ebenso  nicht die Komplexität des Erlebten. Es ist daher notwendig, eine pluralistische Lösung zu wählen.

Am Anfang steht der Begriff

Die Vorgehensweise, die Dirk Franken wählt, ist somit eine Begriffsklärung. Man kann darüber streiten, ob nicht auch eine andere Methode möglich wäre, denn jede Begriffsklärung entfernt sich letztlich wieder vom Phänomen und schafft weiteren Klärungsbedarf, da Begriffe mit weiteren Begriffen definiert oder Festlegungen auf eine bestimmte Definition vorgenommen werden. Übergeht man dieses Problem – und es kann gefragt werden, ob überhaupt eine sinnvolle Aussage getroffen werden kann, wenn nicht zumindest als Arbeitshypothese eine Begriffsdefinition vorgenommen wird – und lässt sich auf den Gedankengang ein, dann gelangt man zu einer grundlegenden These. Diese lautet bei Dirk Franken: „Notwendigerweise gilt: Wenn einem Subjekt etwas erscheint, dann erscheint es ihm als Gegenstand und nicht als Subjekt seiner Erfahrung.“

Phänomenales Bewusstsein und Intentionalität

Wird etwas, ein Gegenstand, wahrgenommen, kann dieser Gegenstand als konkret präsent gedacht werden, das Wahrgenommene ist quasi transponiert in das phänomenale Bewusstsein. Es kann jedoch auch sein, dass ein Bewusstsein intentional ist, wobei der Gegenstand nicht tatsächlich existent sein muss. Eine Theorie von Wahrnehmung muss mit einer dieser Vorannahmen vereinbar sein. Hierzu gilt es, die Sinnesdaten von der Introspektion zu unterscheiden. Dirk Franken gelangt über all die Abklärungen und Begriffsbestimmungen schließlich zu einer Überwindung der in der analytischen Philosophie des Geistes vorherrschenden Trennung von phänomenalem und intentionalem Bewusstsein. Dies nennt er dann Transparenzthese. Ein Mensch, der etwas wahrnimmt, muss ein Subjekt sein. Das, was dieses Subjekt durch die Sinnesdaten feststellt, muss als Gegenstand in seiner Eigenschaft wahrgenommen werden. Wahrnehmung ist damit eine Subjekt-Gegenstands-Struktur. Die Unterscheidung von intentionalem und phänomenalem Bewusstsein wird damit hinfällig, es gibt lediglich verschieden Formen des intentionalen Bewusstseins.

Es ist nicht, es erscheint

Was ein Mensch erfährt, was er von seiner Umwelt wahrnimmt, das kann nicht als konkrete Tatsachenerfassung beschrieben werden. Es ist ein Zustand des Erscheinens. Dieser unterscheidet sich von Zuständen, die durch eine Haltung oder Beziehung zu den Gegenständen gekennzeichnet sind. Man könnte sagen, ob man behauptet, was ich wahrnehme, findet nur in meinem Kopf statt oder, was ich wahrnehme, hat ein reales Objekt als Grundlage, ist letztendlich gar kein Unterschied in der Form des Zustands, der durch Sinnesdaten hervorgerufen wird. Unterscheiden lässt sich nur die Intentionalität. Mit dieser These ist das Leib-Seele-Problem keineswegs gelöst. Allerdings sind scheinbare Klarheiten damit kritisch zu befragen. Und was sollte Philosophie mehr als dieses können? Gewissheiten werden einer Analyse unterzogen und erweisen sich als Phänomene aus dem Reich der leichtfertigen Annahmen. „Das Wesen des Erscheinens“ ist daher ein lohnendes Opus, das Mühe macht und als Lohn eine größere Verunsicherung bereitet. Doch das erfreut den philosophischen Suchenden.

Thomas Holtbernd

Dirk Franken, Das Wesen des Erscheinens. Eine Untersuchung über phänomenales Bewusstsein und die Intentionalität der Erfahrung. Freiburg/München: Alber Philosophie, 49,99 Euro.

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