Die Unvorhersehbarkeit des Erscheinens

Wir glauben zu wissen, was wir sehen, wäre auch tatsächlich das Abbild dessen, was real existiert. Im Alltag hinterfragen wir nicht, ob unsere Wahrnehmung uns täuschen könnte. Ein solches Vorhaben würde uns auch lebensuntauglich machen. Um handeln zu können, verdrängen wir bewusst oder unbewusst das, was erscheinen könnte. Das Oberflächliche oder Offensichtliche nehmen wir als gegeben an. Wir wissen, dass das Bild im visuellen Kortex erst zusammengesetzt wird. Sogenannte optische Täuschungen sind bewusst, werden jedoch als Ausnahmen oder Besonderheiten der Wahrnehmung bewertet und im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblendet. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen wir erfahren haben, dass ein Bild, ein optisches Phänomen davon geprägt ist, mehr als das aktuell optisch Aufgenommen zu erwarten. 

Brücke

Die Esoterikwelle hat dazu geführt, dass Phänomene, die ungewöhnlich oder ungewohnt sind, gleich in einen Sinnzusammenhang gebracht werden. Astrologie, Hellsehen, Parapsychologie und andere Anwandlungen liefern Erklärungen für Fragestellungen, die zunächst einmal als Aufgabe für die Erforschung unseres Wahrnehmens, Erlebens und Fühlens verstanden werden könnten. Einfache Lösungen werden angeboten, die scheinbar Voraussagen möglich machen und die Ambivalenzen auflösen. Die Angst davor, dass nach dem Offensichtlichen noch etwas kommt, wird in die Sicherheit eines Systems mutiert.

Wahrnehmung ist fehlerhaft

Optische Täuschungen sind eine Begrifflichkeit, die suggeriert, dass es eine richtige Wahrnehmung geben könnte. Genauer betrachtet, sind bei dem, was optische Täuschung genannt wird, Fehler in der Wahrnehmung der Grund dafür, dass uns etwas anders erscheint als es tatsächlich ist. Eine genauere Analyse des vermeintlich Gesehenen lässt schnell erkennen, dass eine andere Perspektive oder das genauere Hinsehen zum Erfassen des Ganzen führt und damit die Fehlerhaftigkeit der Wahrnehmung ersichtlich wird. Die Fehlerhaftigkeit einer Wahrnehmung ist abzugrenzen von dem, was der Sehende in das Gesehene hineinsehen möchte. Bei den Kippbildern kann man erfahren, dass die Intention bestimmt, ob man beispielsweise die alte oder die junge Frau sieht. Beides kann man nicht gleichzeitig sehen. Es ist von der Intention des Sehenden abhängig, was er sieht.

Hinter dem Bild

Bei manchen Gemälden hat man den Drang, hinter das Bild zu schauen. Man hat irgendwie das Gefühl, hinter dem Bild ist noch eine Botschaft versteckt. Es gibt auch Bilder, die eine besondere Tiefenwirkung haben und den Betrachter in eine Unergründlichkeit ziehen. Obwohl hinter dem Bild eine Wand ist, vermeint man ein Mehr zu sehen. Bilder können Erwartungen provozieren, sind absichtlich so angelegt, dass der Betrachter glauben kann, da kommt gleich etwas oder jemand aus dem Bild heraus. Obwohl Menschen solche Erfahrungen machen, halten sie ihre Wahrnehmung dennoch für ein Abbild der Wirklichkeit. Im Grunde genommen lässt sich aus diesen Erfahrungen lediglich ableiten, dass dem Sehenden etwas entgegenkommt, was zwar irgendwie konkret und gegenständlich, also nicht nur eine Illusion ist, aber dennoch nicht alles verrät, was im Äußeren als gegeben anzunehmen ist. Das, was ich wahrnehme, ist nur ein Ausschnitt. Mir erscheint etwas und ich fülle es mit Erwartungen, Ängsten und Projektionen auf. Ich als Betrachter kann nicht entscheiden, ob das, was mir erscheint, tatsächlich so vorhanden ist oder nicht.

Das Ungewisse

Das Erscheinen eines Phänomens enthält immer eine Ungewissheit. Diese lässt sich auch nicht durch eine Begriffsdefinition eingrenzen. Begriffe sind Hilfskonstruktionen, um in dieser Ungewissheit den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren. Mit Sprache übersetzen wir das Erlebte und machen dabei sicherlich auch Übersetzungsfehler. Erst wenn die Versuche des Übersetzens zu einem System gemacht werden und nicht mehr als hilfloser Versuch erkennbar sind, das Beängstigende und Verwirrende einigermaßen unter Kontrolle zu halten, wird die Transparenz des Mehr oder Anderen zu einer selbsterzeugten Gewissheit gemacht, die den Blick für das verstellt, was über das Offensichtliche hinausgeht.

Thomas Holtbernd

Dazu auch: Dirk Franken. Das Wesen des Erscheinens

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