Die Sinnfrage beantwortet sich jenseits von Raum + Zeit

Wo geht der Mensch hin? Welche Antwort geben ihm die Erkenntnisse der Naturwissenschaften? Liegt seine Zukunft in diesem Weltall? Der Kosmos wird den Menschen wahrscheinlich „überleben“. Spätestens wenn die Sonne ihre Energie verbraucht hat. Sie ist ein glühendes Kernkraftwerk, das Wasserstoff in Helium verwandelt. Wahrscheinlich vorher wird eine kosmische Katastrophe dem Leben auf diesem Planeten die Grundlage entziehen. Aber auch ohne Katastrophe wird die Menschheit so wie das Leben des einzelnen ein physisches Ende finden. Wenn der Lebensodem ausgehaucht ist, löst der Leib sich auf. „War es das dann?“

Foto: hinsehen.net

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Für die meisten Menschen in unserer entwickelten Zivilisation endet das Leben in Siechtum. Es scheint sich zu verlieren. Die östlichen Religionen sehen es als Ziel des Menschen: Im großen Ganzen aufgehen. Deshalb wird in diesen Kulturen der Körper verbrannt, das Lebensprinzip, die Seele vereint sich mit der Weltseele. Hat eine Kultur die Personalität des Einzelnen entdeckt, wird dieser in der Hoffnung bestärkt, als Individuum eine Zukunft über den Tod hinaus zu haben. Diese Hoffnung ist dem Abendland in den letzten zwei Generationen abhanden gekommen, sehr zum Erstaunen der orthodoxen Christenheit. Eigentlich könnte der Westen verstehen, dass gerade die orthodoxe Kirche Russlands sich diese Zivilisation nicht zum Vorbild nimmt. Hat doch die Orthodoxie den für das Leben nach dem Tod so armen Kommunismus überwunden. Anders der Westen, der mit seinem atheistischen Atheismus dem Menschen erst einmal nur eine noch bessere Technologie und ein lebensverlängerndes Gesundheitssystem versprechen kann, aber ansonsten auch nur den Zerfall. Auf diese westliche Zivilisation könnte auch Asien mit seinen religiösen Traditionen herabblicken.

Die Naturwissenschaften bleiben auf diesen Kosmos eingegrenzt

Wenn es dann gegen jeden Krebs einen Therapie gibt, die Autos sich selbst steuern und es gelingt, den Zusammenbruch der Biosphäre abzuwenden, welche Hoffnung wird der Atheismus den Menschen dann anbieten? Kann die Hoffnung auf ein Fortbestehen des Menschen jenseits der Todesgrenze dann weiterhin verdrängt werden?
Die Naturwissenschaften können die Frage, was aus mir wird, nicht beantworten. Sie können nur mit hoher Sicherheit prognostizieren, dass so wie das einzelne Individuum auch die Gattung Mensch einmal physisch vergehen wird, der Kosmos sich aber noch weiter ausdehnen, die Materie in Schwarzen Löchern verschwinden wird, neue Sternensysteme und vielleicht auf einem anderen Planeten Leben neu entstehen wird. Aber machen wir uns die richtigen Vorstellungen?

Die Materie ist nicht so materiell

Ist es mit der Materie nicht viel mehr so wie mit der Seele: Je mehr man in sie eindringt, desto mehr entzieht sie sich. Nicht nur besteht ein Atom vor allem aus leerem Raum, ein winziger Atomkern, um den in einigem Abstand Elektronen kreisen. Die Größenverhältnisse zwischen Elektronen und Atomkern entsprechen denen zwischen den Planeten und der Sonne. Protonen und Neutronen bestehen wiederum aus kleineren Teilchen, Quarks u.a. Es gibt riesige Zwischenräume, auch im Weltall, so dass einem Fernrohr der Blick nicht verstellt wird. Auf dem Weg ins Kleinste reichen unsere Instrumente nur bis zur kleinsten Quantengröße h. Was darunter liegt, bekommen wir nicht mehr zu fassen. Schleppt der Naturalismus, der allein die Physik und die anderen Naturwissenschaften gelten lässt, nicht eine zu ungehobelte Auffassung von Materie mit sich? In Bezug auf den ganzen Kosmos ist das bereits offenkundig:

Die Materie ist nicht ewig

Wenn aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaften Atheismus folgen soll, dann müsste die Materie und nicht ein Geistwesen der Urstoff und damit die Materie anfangslos sein. Das stimmt aber für unser Weltall nicht, es begann mit dem Big Bang vor etwa 13. Milliarden Jahren. Da die Physik an den Grenzen unseres Weltalls endet und Raum und Zeit nicht außerhalb unseres Weltalls „existieren“, können die Naturwissenschaften nicht sagen, was unterhalb der Quantengröße h existiert, und auch nicht, in was eigentlich unser Weltall eingebettet ist, das ja mit dem Urknall von irgendwoher gekommen sein muss. Die Vermutung, dass es neben der für uns zugänglichen Materie noch eine „Dunkle Materie“ geben könnte, zeigt, dass wir hinter die Grenzen des für uns Messbaren schauen müssten, um die uralten Fragen nach dem Tod und dem Ursprung und dem Sinn des Lebens näher zu kommen.

Der Mensch braucht eine Meta-Physik

Es ist nicht die Physik selbst, die uns auf die Frage nach dem Fortbestand unseres Ich‘ ein Ja oder Nein verbindlich sagen kann. Aber sie ist in der Lage, ihre Grenzen genauer zu erkennen. So ist es keine philosophische Erkenntnis mehr, sondern eine physikalische, dass unser Weltall nicht schon ewig besteht. Weiter wissen wir durch Himmelsbeobachtung, dass die Materie sich in einem ständigen Umwandlungsprozess befindet und weiter, dass Energie und nicht Masse das Substrat der Materie ist. Was die Menschen schon immer wussten, gilt auch weiter: Es ist mit dem Bewusstsein etwas hinzugekommen, was nicht einfach materiell wie ein Felsbrocken aus der atomaren Zusammensetzung erklärt werden kann. Auch kann Materie in der Form der Lebewesen sich selbst organisieren und sogar verdoppeln. Wenn nun diese Erkenntnisse weiter voran getrieben werden, würde sich dann die Sinnfrage irgendwann aus diesen Erkenntnissen beantworten?

Das Ziel ist notwendig zur Antwort auf die Sinnfrage

Die Wissenschaften können nur erklären, was ist, wie es funktioniert und wie es sich entwickelt hat. Für die materiellen Dinge wie für die Lebewesen können Prognosen formuliert werden. Warum damit das Ganze erfasst ist und ob mehr als der Zufall als Erklärung zur Verfügung steht, lässt sich mit ihrem Instrumentarium nicht herausfinden. Deshalb umgeht der Naturalismus, der nur das naturwissenschaftlich Messbare gelten lässt, diese Fragen. Anders als die Naturwissenschaften muss die Philosophie jedoch vor keiner Grenze Hält machen. Deshalb ist eine Philosophie, die bestimmte Fragen nicht mehr zulässt, überflüssig. Das Ausklammern von Fragen widerspricht zudem der Empirie. Denn der menschliche Geist drängt über die Grenzen hinaus. Das wird ihm von keiner philosophischen Schule eingeredet, sondern wacht mit jedem neuen Menschenkind wieder auf. Es ist also ein empirisches Phänomen, es gehört zur Natur des Menschen und muss daher den Naturalisten interessieren. Warum darf es ihn aber nicht interessieren?

Die Antwort auf die Sinnfrage liegt hinter den Grenzen der Naturwissenschaften

Wenn dieses Weltall im Endstadium der Entropie, also in der völlig gleichen Verteilung der Energie oder in einem Schwarzen Loch endet, dann auch das materielle Substrat des Menschen. Wahrscheinlich überlebt die Biosphäre nicht bis zu diesem Endzustand. Wenn nun der Mensch über diese Grenzen hinausdenken kann und die Physik nicht „nachschauen kann, was hinter diesen Grenzen noch liegt, dann kann sie auch nicht behaupten, dass es da nichts gäbe. Wenn die Sinnfrage über die Antwortmöglichkeiten der Naturwissenschaften hinausreicht, dann muss sich damit ein Jenseits, ein „Meta“ der Physik auseinandersetzen.
Es ist noch ein empirisches Faktum einzubeziehen: Der Mensch ist auf Entwicklung angelegt. Biologisch würde es reichen, wenn er für das Fortleben der Gattung gesorgt hätte. Aber eigene Nachkommen stellen die Sinnfrage nicht ruhig. Immanuel Kant weitet das Ziel des Menschen. Er sieht es als Selbstverpflichtung an, dass jeder Person wird und sich als sittlich geformtes Wesen sieht, das sich von der Vernunft leiten lässt. Dass diese Zielvorstellung nicht ganz abwegig sein kann, wir empirisch an der Hochachtung deutlich, die wir den Menschen entgegenbringen, die dem von Kant entwickelten Idealbild näher gekommen sind.
Ein Weiteres kann festgehalten werden: Die Sinnfrage wird sich wohl nicht in den Grenzen unseres Weltalls beantworten lassen. Da Raum und Zeit mit der Ausdehnung des Weltalls erst gegeben sind, sollten wir die Antwort auch nicht in Raum und Zeit suchen. Deshalb müssen wir unser gängiges Vorstellungsvermögen zu überwinden suchen und damit auch eine stillschweigende Voraussetzung des Naturalismus abstreifen, nämlich dass die Zeit nicht angefangen hat. Wir denken ja den Urknall zeitlich, also dass es vor diesem Zeit gab und eine Art Raum, in das sich unser Weltall ausdehnt. Aber es gibt um unseren Kosmos nicht einfach weiter Raum und vor dem Urknall keine Zeit. Wo etwa Seelen der Verstorbenen sind, können wir entsprechend unserem angeborenen Vorstellungsvermögen fragen, aber mit den Erkenntnissen der Physik nicht mehr. Es gibt dieses „Wo“ nicht. Aber es könnte doch außerhalb von Raum und Zeit „Wirkliches“ geben. Gibt es auch, z.B. die Zahlen oder die Forderungen unseres Gewissens. Existiert dann unsere Seele gar nicht hier in Raum und Zeit? Welche Bedeutung hat dann unsere Körperlichkeit? Dazu folgt ein nächster Beitrag.

Immanuel Kant denkt auch über diese Welt hinaus

Eckhard Bieger S.J.

2 Gedanken zu “Die Sinnfrage beantwortet sich jenseits von Raum + Zeit

  1. ausserhalb von Raum und Zeit existieren Fragen und Antwort nicht:
    sie sind wie jede Erkenntnis an Materie (Bewusstsein ) gebunden und damit der Evolution unterworfen.
    Entsprechend ist die Seele, zunächst bis zum Tod-energetisch/materiell- ein Teil des Körpers.

  2. Pingback: Das Ich ist unsichtbar | hinsehen.net

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