Schönheit entspringt ihrer Unergründlichkeit

Foto: hinsehen.net

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Schöne Dinge entzücken Menschen, für Schönes sind Menschen bereit, hohe Summen auszugeben. Es gibt von Menschen geschaffene Schönheit und schöne Dinge, die einfach da sind. In der Natur finden sich Blumen mit ihren Blüten, Landschaftsformationen, Panoramen oder romantisch empfundene Sonnenuntergänge. Dem Schönen haftet etwas von Perfektion an, die jedoch eine menschliche Kunstfertigkeit übersteigt und Aspekte der Zufälligkeit wie auch des Nichtnotwendigen aufweist. Schönheit lässt sich nicht wie ein mathematisches Rätsel ergründen. Es ist das Geheimnisvolle und Unergründbare, was ein Etwas zu einem schönen Objekt macht.

Rein rational betrachtet kann dem Schönen das Schöne nicht abgerungen werden. Es ist wie bei einem Witz; muss die Pointe erklärt werden, ist der Witz weg. Muss die Schönheit erklärt werden, wirkt es nicht mehr schön. Um sich dem Schönen zu öffnen, muss der Verstand ausgeschaltet werden, weil der nur analysieren würde. Soll dann eine Bewertung erfolgen, müssen die Gefühle in Distanz gebracht werden. Denn es gilt zu beschreiben, wie die Gefühle auf etwas reagieren, was als schön gilt. Weil sich das Schöne eines letzten rationalen Zugangs entzieht, meinen manche, dass die Gefühlsreaktionen eine Bestätigung des Schönen seien und daher keine verbindliche Äußerung getroffen werden könnte, was als schön zu gelten habe. Das individuelle Gefühl beim Anblick eines schönen Objekts kann natürlich nicht bewertet werden. Dies darf nicht mit Aussagen darüber verwechselt werden, wie das ganze Szenario beschrieben und interpretiert wird.

Das Subjekt lässt das Objekt gelten

Treffen sich zwei Menschen, so grüßen sie sich. Die etymologische Bedeutung des Wortes Grüßen verweist auf das gotische „gretan“, was als „zum Weinen bringen“ übersetzt werden kann und damit ist der Hinweis darauf gegeben, dass das Grüßen kein freundlicher Akt ist, sondern ein Kampfansage. Dies erklärt sich daraus, dass der Andere eine mögliche Bedrohung darstellen kann. Der Gruß ist dann die Ansage: Ich erhebe Anspruch auf das Ganze. Die Subjekthaftigkeit kann sich zur Objekthaftigkeit kehren, wenn der Andere uneingeschränkt sich als Subjekt und den Anderen als Objekt erklärt. Zwei Subjekte, die sich nur als Subjekte in einer gemeinsamen Situation definieren, beginnen einen Kampf. Das versöhnliche Miteinander ist dadurch gegeben, dass beide sich für den Anderen auch zum Objekt machen können. Wird das Subjekthafte aufgegeben, ist der Andere zum Teil des Anderen geworden. Wird etwas als schön empfunden, so belässt man diesem Schönen das vereinnehmende Subjektsein und ist ergriffen. Die eigene Subjekthaftigkeit wird dem ekstatischen Gefühl untergeordnet.

Erregung geht dem Schönheitserlebnis voraus

Die Wahrnehmung des Schönen setzt voraus, dass ein Ergriffensein durch das Schöne als möglich angesehen wird.  In einer konkreten oder grundsätzlichen Bereitschaft für Entzückung wird das Schöne gesucht bzw. nicht ausgeschlossen. Damit ist eine Grunderregung und folglich ein Bereitschaftspotenzial gegeben, um auf Reize reagieren zu können. Treffen die Auslöser auf ein wahrnehmendes Subjekt, wird es hinweggerissen und ist nicht mehr in der Lage, rational zu begründen, warum gerade dieses Phänomen als schön empfunden wird und wie es genau dazu gekommen ist. Erst im Nachhinein können Aussagen darüber gemacht werden, die dann aber schon eine Geschichte über die Erlebnisse sind und nicht mehr das Schönheitserlebnis selbst.

Jenseits von Theorien

Es mag ästhetische Kriterien geben, die eine Verallgemeinerung zulässig machen können. Das Erleben von etwas Schönem führt jedoch zunächst einmal zu unkontrollierten Ausrufen über das gerade Erlebte. Es ist etwas unbeschreiblich schön, Superlative werden in Anschlag gebracht und reichen doch nicht aus, werden daher noch gesteigert, etwas ist dann super super schön. Die gefühlsmäßigen Ausbrüche können nicht begründet werden, das Schöne ist unergründlich und entspricht keiner Theorie. Das Schöne kann der Beginn eines Mythos sein oder einer verstiegenen Theorie. Erzählungen beginnen, die jedwede Theorie zum störenden Element machen. Dies ist keineswegs als Theoriefeindlichkeit zu verstehen, sondern als Erklärung des Primats der körperlichen Reaktion auf das Außen.

Thomas Holtbernd

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