Die Ampel als Missverständnis von Moral

Bestimmte Regeln im Alltag sind so sehr zur Gewohnheit geworden, dass schon das Hinterfragen als moralisch verwerflich gilt. In der Fahrschule werden die Bedeutung der Verkehrszeichen und – regeln gelernt und dann hält sich der Verkehrsteilnehmer sein Leben lang daran. Gelten in der Türkei, in Italien und anderswo solche Regeln als Empfehlungen, so ist mancher Deutsche erbost, wenn ein Fußgänger sich erdreistet, bei Rot die Straße zu überqueren. Vergessen ist, dass die Ampel für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Ampel. Es versteht sich, dass das Einhalten von Regeln das Miteinander erleichtert und es durchaus von Vorteil ist, sich regel-gemäß zu verhalten. Es sind allerdings nur Regeln und keine moralischen Gesetze. Das vereinzelte Brechen von Regeln kann daher sogar von Zeit zu Zeit notwendig sein, um sich bewusst zu machen, dass Regeln lediglich Vereinbarungen sind, Moral jedoch mehr als das Einhalten dieser Bestimmungen verlangt.

Ampel grün Foto: hinsehen.net E.B.

Ampel grün Foto: hinsehen.net E.B.

Verkehrsregeln werden wohl auch relativ häufig gebrochen, der Fahrer schätzt die Gefahr als gering ein und hält sich nicht so ganz an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Der Steuerzahler reicht beim Finanzamt eine Rechnung ein, die er gar nicht bezahlt hat. Und der Versicherung wird ein Schaden gemeldet, den man selber herbeigeführt hat. Irgendwie findet man eine Rechtfertigung für dieses Tun und hat keineswegs ein schlechtes Gewissen. Niemandem ist offensichtlich Schaden zugefügt worden und außerdem hat der Versicherungsvertreter durchblicken lassen, dass vor allem die Formulierungen „richtig“ sein müssen. Wieso regen sich dann trotzdem viele Menschen auf, wenn Banken, Reiche und andere noch nicht einmal gegen geltende Gesetze verstoßen haben, sondern Gesetzeslücken genutzt haben, um so ihren Gewinn zu maximieren? Mit dem Einfordern von Regeln lässt sich hier nur schwer Einigkeit erzielen.

Wer Regeln bricht, kann ein guter Mensch sein

Es mag einige Unternehmer geben, die vielen Menschen ein Einkommen sichern und sie damit aus der Arbeitslosigkeit herausholen. Dass Steuern nicht korrekt angegeben werden, schwarze Kassen existieren und der Staat weniger Geld für die Staatskasse bekommt, kann man bemängeln, doch dagegen steht, dass viele Menschen auf der Straße stünden. Dass manche Menschen nur sich selbst bereichern, stimmt natürlich auch. Allein die Steuerhinterziehung oder das Überschreiten der Geschwindigkeitsbegrenzung als unmoralisch zu bewerten, ist ein recht einfacher Umgang mit diesem Phänomen. Ein Mensch ist nicht gleich deshalb schlecht, weil er einige Male ein Stoppschild überfahren oder seine Steuererklärung zu seinen Gunsten ein wenig großzügig ausgefüllt hat. Wenn all diese Verstöße geahndet würden, hätten die meisten kein Geld mehr, ihre Steuern zu bezahlen. Eine moralische Argumentation, wenn sie konsequent ist, muss implizieren, dass der Einzelne für ein Missachten von Regeln aus moralischer Überzeugung belohnt werden müsste. Wer moralisch motiviert handelt, ist als mündiger anzusehen als der, der nur die Regeln einhält.  Es mag zwar sein, dass die Einhaltung von Regeln moralisch geboten ist, der Zusammenhang ist jedoch nicht zwingend.

Regelwut verhindert moralisches Handeln

Um nichts falsch zu machen und jeder Überprüfung durch externe Gutachter standzuhalten, werden in Betrieben Qualitätshandbücher verfasst, die kleinste Arbeitsschritte genau regeln. Jede Abweichung führt zu Korrekturmaßnahmen und kostet Geld. Das Einhalten dieser Regeln wird zur „moralischen“ Verpflichtung. Pflegekräfte, aber auch andere Berufsgruppen, sind einen großen Teil ihrer Arbeitszeit damit beschäftigt, ihre Tätigkeiten genau zu dokumentieren, um so die Qualitätskriterien zu erfüllen. Sie leiden darunter, dass für die eigentliche Tätigkeit immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Die Arbeit wird als fremdbestimmt erlebt, das Engagement sinkt. Die Möglichkeiten, sich moralisch auseinanderzusetzen, sind kaum vorhanden. Regelungen geben zunächst Sicherheit, dass man sich moralisch richtig verhält, wenn keine Regel gebrochen wird. Gleichzeitig verlernt der Einzelne, über die Regelungen hinauszudenken. Fährt der andere bei Rot, kann man fahren, da man selber Grün hat. Hat man sich richtig programmiert, kann nichts schief gehen. Abweichungen, egal ob durch Zufall, durch einen anderen oder sich selbst verursacht, verlangen eine neue Entscheidung. Um solche Entscheidungen jedoch treffen zu können, muss der Einzelne geübt sein und mehr als ein Regelwissen haben. Regeln müssen als Vorschläge wahrgenommen werden, die der Erleichterung dienen, aber die moralischen Entscheidungen nicht ersetzen können. Und ein gesellschaftlicher Diskurs über Steuerhinterziehung u. ä. muss so geführt werden, dass nicht lediglich die Täter angeprangert werden. Nur wenn ein Phänomen wie Steuerhinterziehung oder Schwarzarbeit u. a. zunächst in seiner Beschreibung von moralischen Vorannahmen und Bewertungen befreit wird, kann erkennbar werden, ob z. B. die Begrifflichkeit Steuerhinterziehung richtig gewählt ist oder nicht schon das Phänomen verstellt. Es scheint eine Zunahme moralischer Bewertungen zu geben, wenn viele Dinge exzessiv geregelt sind. Denn dort, wo weniger geregelt ist und mehr moralisch entschieden werden muss, existiert ein größeres Wissen darüber, dass moralische Bewertungen nur mit einer gewissen Anstrengung zu treffen sind und das genauere Erfassen des Phänomens schnelle moralische Bewertungen konterkariert. Das Stehenbleiben, wenn die Ampel Rot zeigt, kann ein moralisches Missverständnis sein und ist als solches überhaupt nicht moralisch, sondern nur bequem. Dieses Eingeständnis sollte derjenige machen, der die Regeln einhält. Es sei ihm allerdings auch gestattet, seiner Bequemlichkeit zu folgen, denn man muss nicht jedes Mal grundsätzlich werden, wenn die Ampel Rot zeigt.

Thomas Holtbernd

2 Gedanken zu “Die Ampel als Missverständnis von Moral

  1. Ein wunderbar geschriebener Beitrag. Ich hinterbleibe mit einem zufriedenstellenden Nicken und sende dir in diesem Sinne wunderbare Grüße in das Wochenende.
    Weiter so.
    Liebe Grüße
    Pandalie

  2. Zu moralischem Handeln gehört Intelligenz…(s.Kant).
    “ Dummheit schützt nicht vor Strafe !“ (Steuerhinterziehung,Schwarzarbeit ,etc.) :
    Ich kann solidarisch sein mit den „Dummen“, nicht aber mit deren Regelverstössen…
    “ … wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein !“.
    Und-
    wenn es zur Erfüllung der 10 Gebote 30 Mio Gesetze gibt ,( Albert Schweitzer ) ,so spricht das nicht für eine Zunahme an Moral….

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