Gutes Design ist nie demokratisch

Die junge Generation möchte starre Formen aufbrechen und ihr Zickzackkurs wird gleich wieder zur stromlinienförmigen Einheitslinie. Ein Entkommen ist kaum möglich und doch bleibt die Sehnsucht. Den eigenen Weg zu finden, verlangt Radikalität und ein Bewusstsein über die vielen Diktaturen, die den ganz normalen Alltag bestimmen. Der genaue Blick auf die Sprache ist notwendig, um den Zynismus zu erkennen, der „Gutes“ verheißt und doch nur die Einseitigkeit der generalisierten Individualität erzwingt. Die Werbung versteht es, diesen Konflikt auszunutzen und das vorzugaukeln, was als stille Sehnsucht schlummert. So suggeriert der neue IKEA-Katalog: „Entworfen für dich, nicht für irgendwen“. Dieser Katalog hat eine Auflage von 27 Millionen Exemplaren in Deutschland, also 27.000.000 nicht-irgendwens.

Die Ikea-Irgendwens

Die Ikea-Irgendwens

Damit dem werten Leser nicht auffällt, welcher Unsinn in diesem Schriftwerk verbreitet wird, folgt auf den ersten Seiten die Aufforderung: „Verabschiede dich von Erwartungen. Sei ganz du selbst!“ Und das bedeutet dann, dass gutes Design demokratisch ist. Ikea hat tatsächlich einen Begriff wie „demokratisches Design“ kreiert. Und es wird behauptet: „Schöne Dinge herzustellen, die teuer sind, ist leicht.“ Wahrscheinlich wurden diese Werbetexte von jungen Leuten geschrieben, die schon immer ´was mit Medien machen wollten.

Schönheit ist immer teuer

Jeder Künstler, Designer, Handwerker, Architekt weiß, wie viel Mühe es kostet, ein gelungenes Werk zu schaffen, von dem nachher gesagt werden kann: Wie himmlisch schön?! Es ist teuer, weil sehr viel Arbeit und Herzblut in das Objekt gesteckt wurden. Es mussten Materialien gesucht werden, die dem Anspruch Genüge tun. Und das Design ist keineswegs demokratisch, es ist monarchisch bis absolutistisch, der Schaffende hat vielleicht Wünsche eines Auftraggebers berücksichtigt, doch folgt er den eigenen inneren künstlerischen Ideen. Schönheit, die demokratisch wäre, wäre Ausdruck einer Diktatur, wie die faschistischen Bauten der Nazis. Sicherlich kann man IKEA oder Vertretern der geläufigen Meinung „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ nicht den Vorwurf machen, sie wären präfaschistisch. Allerdings wäre es auch sträflich, einfach über solche Formulierungen hinwegzugehen und es lediglich als Werbestrategie oder Einfältigkeit zu interpretieren. Solche Slogans haben eine Wirkung oder sind Symptome einer Gesellschaft, die die Dinge verdreht. Vielen ist es nur noch schwer möglich zu verstehen, dass ihnen genau das genommen wird, was ihnen angeblich gegeben wird. Das „schöne und demokratische Design“ ist eine Massenware, die vielleicht originell ist, doch keineswegs individuell und nur „für dich“.

Jugend bedeutet Aufbruch

In allen Zeiten wurde der Jugend vorgeworfen, sie wäre unerzogen, egoistisch, frech, orientierungslos oder verdorben. Jede Generation wollte im Jugendalter etwas verändern, anders sein, Aufbrüche wagen. Rockmusik, Punk, heavy metal und andere Musikstile waren Ausdruck des Protestes. Und für manche Jugendlichen ist sogar Helene Fischer als ironische Brechung Protest gegen die herrschende Stimmung. Was aber passiert, wenn Unternehmensberater durch die Lande ziehen und diese Aufbrüche als notwendige Changeprozesse verkündigen? Scheitern, eine typisch pubertäre Erfahrung, wird als gelungenes Scheitern zum Leitmotiv der Wirtschaft. Anderssein als Wunsch junger Erwachsener, um sich von der Elterngeneration abzugrenzen, wird als Strategie verkauft. Man soll mal den Narr spielen, Querdenker sein, Kreativität durch den Bruch vom Alten entwickeln. Die Plätze für Heranwachsende sind besetzt. Es ist nicht nur so, dass die junge Generation die Lasten zu tragen hat, weil das Wissen um die demografische Entwicklung über Jahrzehnte nicht in praktisches Handeln zur Entlastung dieser Generation umgesetzt wurde, es sind auch die der Jugend eigentümlichen Verhaltensweisen zu Attitüden der Werbung und Unternehmensstrategie gemacht worden. Der jugendliche Protest wird dem Einzelnen enteignet und zur gesellschaftlichen Ideologisierung umgemünzt. Es ist ein Betrug an der Jugend, wenn die zu dieser Lebensphase gehörenden Verhaltensweisen zu allgemeinen Verhaltensregeln gemacht werden. Und wenn Kunst, Design, Musik oder Kreativität als solche zu Zeichen der Demokratie umgedeutet werden, dann lässt sich nicht mehr unterscheiden, ob Diktatur oder Demokratie herrschen. Die Freiheit und die sich im künstlerischen Schaffen ausdrückende Individualität kennzeichnen demokratische Gesellschaften. Aber auch in einer Diktatur kann es wunderbare Kunst geben, weil der Künstler sich nicht beugt. Deshalb ist gutes Design nie demokratisch, denn Kunst ist Kunst für sich und gerade dadurch höchst politisch.

Thomas Holtbernd

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