Die Diktatur des Modernen

Machen Touristen mit ihren Smartphones mal nicht nur Selfies, fotografieren sie gerne, was sie für schön halten: idyllische Landschaften, nette Häuser, interessante Straßenzüge, Kirchen, Schlösser, vor allem etwas, das alt ist oder so erscheint  und dann noch eine warme Atmosphäre ausstrahlt. Moderne Häuser mit glatten Fassaden, viel Glas, Stahl und Beton stehen vielleicht auf der Agenda von Architekturenthusiasten, der Urlauber möchte schöne Stimmungen einfangen. Die aber findet er nicht in Neubaugebieten, Hochhäusern und moderner Architektur. Solche Bilder sucht der Reisende in der Altstadt.

Städte ohne Altstadt haben für Touristen eine geringere Attraktivität. Die „schönen“ Fotos können auch noch zuhause angenehme Gefühle vermitteln. Modernes dagegen kann zwar auch als schön beschrieben werden, doch werden Bauten und Stadtteile mit historischen Spuren gefühlsmäßig eher als „schön“ empfunden. Oft wird das Moderne sogar als störend, kalt und unmenschlich empfunden.

Foto: hinsehen.net

Foto: hinsehen.net

Gefühle weckt das Alte

Es wäre recht einfach zu behaupten, moderne Bauten oder das Moderne allgemein würden abgelehnt, weil sie neu und damit ungewohnt seien. Und es ist wohl auch unpassend von Ablehnung zu sprechen. Die Frage lässt sich sinnvoller anders stellen: Warum erweckt das Alte bzw. vermeintlich Alte beim Betrachter angenehmere Gefühle? Und weiter müssten die Begriffe genauer überprüft werden. Was ist gemeint, wenn jemand von moderner oder gar zukunftsweisender Architektur spricht? Wann ist etwas alt, wann ist es neu? Wann ist für einen Architekten etwas schön? Verwechseln technikaffine Menschen eine großartige Bauleistung mit schön? Und halten manche Menschen etwas nur deshalb für schön, weil sie keinen Geschmack entwickelt haben und durch einen oberflächlichen Kitsch angerührt werden?

Das Moderne ist nicht bewohnt

Ein Grund für das „gute“ Gefühl bei alten Gemäuern ist die Annahme, dass durch diese Altstadtstraße schon viele Menschen gelaufen sind, in dem alten Fachwerkhaus viele Generationen gehaust haben. Es sind die Geschichten, die durch Tafeln an den Häusern evoziert werden: Hier lebte der Dichter Soundso von-bis. Viele Städte, bei denen man kaum Geschichte erwartet, bieten Stadtführungen mit historisch gekleideten Guides an. Und damit die Zeit gefüllt wird, werden Anekdoten gesucht und vielleicht auch erfunden. Die Stadt gewinnt an Lebendigkeit. Führungen durch die moderne Vorstadt wirken unglaubwürdig, wenn viele solcher Geschichten erzählt würden. Die Fantasie kann bei Häusern, die alt erscheinen, viel blühender sein. Einzelheiten, etwa eine unscheinbare Figur im Giebel, fordern dazu heraus, eine Anekdote darüber hören zu wollen. Und im Gegensatz zu vielen Häusern, die in der Nachkriegszeit gebaut wurden,  haben „ältere“ Gebäude oft mehr Details, an denen das Auge hängen bleiben kann und an denen auch deutlich wird, dass Menschen beteiligt waren, die sich wie in manchen Kathedralen auch mal einen Scherz erlaubt haben. Das Alte erscheint als bewohnt und damit als Behausung, während das Moderne beziehungslos wirkt. Oft durchbricht es eine einheitliche Häuserfront und erscheint dadurch fremd und deplatziert. In einer Altstadt fallen dem Laien solche Brüche oft gar nicht auf, da alles irgendwie alt wirkt.

Die Gebäude erzählen die Gesinnung

Die Gardinensteuer und die calvinistische Lebenshaltung haben zu Häusern geführt, an denen deutlich abzulesen ist, welche Religion der Bauherr hatte. Da lässt sich in Holland beobachten. Da kann man noch heute in die Wohnzimmer schauen, weil die Menschen früher die Gardinensteuer gespart haben. Die Nationalsozialisten und Faschisten haben Plätze und Gebäude gebaut, die noch heute spürbar den Geist dieser Ideologie atmen. Betonbauten, wie der Mariendom in Neviges oder auch die Ruhr-Universität Bochum, zeugen von der Faszination der Architekten, dass mit dem Baustoff Beton ganz neue Möglichkeiten der Konstruktion und des Bauens gegeben waren. Somit sind Häuser, Gebäude, Städte usw. immer auch der Ausdruck für eine bestimmte Weltsicht und Philosophie. Gesetzliche Auflagen im Rahmen der Energieeinsparung führen z. B. dazu, dass Häuserfronten mit Verzierungen hinter Dämmschutz verschwinden. Dächer werden mit Solarpaneelen belegt, so dass die Dachpfannen kaum noch zu sehen sind. Die Funktionalität steht hier vor künstlerischem Ausagieren.

Modern heißt auch mehr Kontrolle

Die Moderne hat durch die technischen Möglichkeiten eine im Alltag ständig spürbare Bevormundung erzeugt. Autos sind keine autonomen Fortbewegungsmittel mehr, die Geschwindigkeit wird vom technischen Gerät im Fahrzeug gesteuert, das in Verbindung mit den Ampeln steht. Das Smartphone meldet an die Krankenkasse, ob sich der Versicherte genügend bewegt hat und Amazon weiß schon, welchen Artikel ich gleich bestellen will. Manche Menschen führt dieses merkwürdige Gefühl von Überwachung bereits dazu, den Account bei Facebook abzumelden, einige bezahlen nicht mehr mit Karte, sondern bar. Und einige wenige werden zu Technikasketen. Da jedoch diese „Diktatur der Moderne“ nicht wirklich greifbar ist, bagatellisieren die meisten Menschen diese Bevormundung und reden sich ein, sie könnten ja frei entscheiden. In dem Augenblick jedoch, wo die Behausung der Existenz konkret in der Architektur gespiegelt wird, stellt sich die Sehnsucht nach Geborgenheit ein und genau die wird eher in der Altstadt empfunden als in dem modern gestalteten Neubaugebiet. Ob tatsächlich im Alten Geborgenheit war oder aktuell zu finden ist, kann als sekundär betrachtet werden. Die Betrachter scheinen mit ihrem Wunsch nach existenzieller Behausung eher dort eine Antwort zu finden.

Thomas Holtbernd

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