Wahrheit, um in der Wirklichkeit zu leben

Wirklichkeit der Wahrheit1Die Freiheit des Menschen wäre blind, würde er die Wirklichkeit nicht erkennen, so wie sie ist. Er wäre auch nicht frei, wenn er immer nur am persönlichen Nutzen kleben würde. Anders als die Tiere  zeichnet aus, dass ihn die Dinge nicht nur interessieren, insofern sie ihm nutzen. Dann gäbe es keine Wissenschaft. Erst die Wahrheit befähigt den Menschen zur Freiheit, denn nur, wenn er sich auf die Wirklichkeit einlassen kann, kann er die Fixierung auf den eigenen Vorteil überwinden, weil er die Dinge und die anderen aus ihnen selbst heraus erkennen kann. Sonst müsste er tun, was er als Antrieb spürt. Die Wahrheit ist damit die einzigartige Weise, wie der Mensch in der Wirklichkeit ist. William J. Hoye gibt seiner Darstellung den Titel „Die Wirklichkeit der Wahrheit“ und verspricht im Untertitel, die Freiheit der Gesellschaft zu begründen.

Das Buch sucht keine Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen, sondern legt sozusagen das Fachwerk frei, in dessen Statik die Wissenschaften, die Ordnung des Zusammenlebens wie die Suche nach Gott ihre Antworten finden können. Fundamental ist die Unterscheidung zwischen der Wahrheit und den Wahrheiten. Die Wahrheit ermöglicht die Wahrheiten in der Weise, dass sie den Raum eröffnet, in dem die einzelnen Wirklichkeiten dem Menschen erst zugänglich werden. Die Wahrheit insgesamt geht der Erkenntnis des einzelnen voraus. Was erkannt wird, muss „sein“, denn nur was ist, kann erkannt werden. Sonst wäre Erkenntnis der Beliebigkeit unterworfen.

Wahrheit und Freiheit

Innerhalb der Reihe „Das Bild des Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ begründet dieser 3. Band  in besonderer Weise die Freiheit des Menschen, indem er als Bedingung für Entscheidung die Erkenntnis sieht. Denn wenn der Mensch nur nach seinen Vorstellungen entscheiden würde, dann wären diese Entscheidungen nicht „wirklich“. Weiter müssen die Entscheidungen, um frei zu sein, von Vorstellungen, was die Wirklichkeit sein könnte, zur Erkenntnis überführt werden, was wirklich ist. Wenn unser Erkennen aber nicht von unseren Bedürfnissen abgekoppelt ist, dann sehen wir immer nur einen Teil der Wirklichkeit. Ein Kriterium der Freiheit besteht auch darin, dass der Mensch von dem direkten „Muss“ entlastet wird. Die Freiheit wird umso größer, je größer der Überblick, nicht zuletzt in Bezug auf die Folgen der Entscheidung, geweitet wird. Ohne Wahrheit als Zugang zur gesamten Wirklichkeit bleibt die Freiheit eingeschränkt. S. 101 ff.

Thomas von Aquin, eingebettet in den Kontext der modernen Philosophie

Der mittelalterliche Gelehrte ist der Bezugspunkt des Buches, aber es ist kein Buch über Thomas v. Aquin, sondern über die Wahrheit. Der Autor entwickelt die Fragestellungen im Kontext der Moderne und ihrer philosophierenden Protagonisten. Er nutzt das von der Philosophie entwickelte gedankliche Instrumentarium auch dazu, theologische Fragen einzuordnen. Das ist deshalb notwendig, weil die Theologie faktisch auf historische Fragestellungen reduziert werden kann, nämlich nur zu klären, wie sich Gedankengänge entwickelt haben, ohne sie in den größeren Horizont zu stellen, wie nämlich die Beziehung des Menschen zum Absoluten zu sehen ist. Denn den Anspruch des Absoluten trägt die Wahrheit mit sich und zugleich die Unmöglichkeit, das Absolute zu ergreifen. Weil Gott die menschliche Wahrheitssuche immer übersteigt, ist die Unerkennbarkeit Gottes die Weise, wie der Mensch Gott erkennen kann. Man könnte die Überlegungen des Autors weiter ziehen und fragen, welchen Anteil die Theologie an der Überzeugungskraft des Naturalismus hat, den Menschen „wissenschaftlich“, d.h. dann konkret, ohne Gott zu erklären. Sie hätte dann die Einsicht großer Theologen vergessen, den großen Bogen der Wahrheit über ihr Denken ausgespannt zu halten. Ohne die Verstricktheit der Theologie in Konfessionelle Streitfragen hätte doch der Naturalismus nicht auf die Idee kommen können, Gott zum Objekt experimenteller Verifizierung zu erklären. Dieses Ansinnen konnte doch erst dann entstehen, wenn die Theologie Gott nicht mehr als den zu sehen gelehrt hat, den menschliche Erkenntniskraft nicht fassen und der zugleich als die höchste Wirklichkeit erst die Suche nach Wahrheit erfüllen kann. Der Autor zeigt, dass ohne die Erfüllung der Wahrheitsfrage auch die menschliche Sehnsucht nach Glück nicht befriedigt werden kann. S. 171-190, 247-269

Muss man dieses Buch lesen?

Man muss es nicht heute lesen. Aber dann irgendwann? Wie bei fast allen Sachbüchern entsteht auch zu diesen Überlegungen keine Diskussion, so dass man gerade diese 291 Seiten gelesen haben müsste, um mitreden zu können. Das Buch stellt auch die bisherige Philosophie nicht infrage und so dass man wie beim Naturalismus auf die Abschaffung wichtiger Fragen des Menschen mit einer Gengenrede reagieren müsste. Trotzdem sei das Buch dringend der Lektüre empfohlen. Für den Rezensenten gab es nach der Lektüre eine andere Weise des „Muss“. Wer schreibt, unterrichtet, predigt, forscht, Recht spricht oder Gesetze beschließt, wird ständig mit der Wahrheitsfrage konfrontiert. Anders als bei einem Computer, mit dem diese Besprechung zustande kommt, kann ich mich von der Wahrheitsfrage nicht in der Weise dispensieren, dass ich das „Gerät“ nutze, ohne mich dafür interessieren zu müssen, wie es funktioniert. Genau das beschreibt der Autor auf den ersten 52 Seiten. So die zusammengesetzte Struktur von Aussagen, die typisch menschliche Weise, gerade durch Wahrheit Zugang zur Wirklichkeit zu erlangen, die gesellschaftliche Bedeutung der Wahrheit. Im zweiten Durchgang, so überschreibt der Autor 13 Themenfelder, an denen er die im ersten Durchgang formulierte Grundstruktur wie eine Fuge durchspielt, widmet er sich einzelnen Fragestellungen, so auch „Demokratie und Wahrheit“ oder der Begründung der Toleranz. Die Kapitel müssen nicht in der Reihenfolge gelesen werden, wie sie der Autor anordnet. Jedes ist einzeln für sich konzipiert.

Es ist also nicht ein Buch, das man gelesen haben müsste, sondern jeder muss sich dem in dem Buch entfalteten Umgang mit der Wahrheit widmen. Diesen Umgang übt das Buch so ein, dass es „klassisch“ werden könnte, vergleichbar der „Kunst der Fuge“. Da der Autor keine philosophische Fachsprache verwendet, kann man es mit einem umgangssprachlichen Verständnis lesen und zum Nachschlagen neben den Duden ins Regal stellen.

Eckhard Bieger S.J.

William J. Hoye, Die Wirklichkeit der Wahrheit, Freiheit der Gesellschaft und Anspruch des Unbedingten, Springer, VS, Wiesbaden 2013, 291 S. ISBN978-3-658-013387-7 auch als eBook erhältlich.

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