Ohne Ziel keine Motivation für das Leben

Der Mensch ist auf Entwicklung angelegt. Bis ins hohe Alter soll er lernen. Das Lernen soll aber nicht einfach nur gelernt bleiben, sondern umgesetzt werden. Auch im Erwachsenenalter braucht jeder Mensch für seine Zufriedenheit Ziele. So muss er nicht nur den Schulabschluss, eine Ausbildung, ein Studium schaffen, sondern sich auch später Ziele setzen, auf die er hinarbeitet. Kein Ziel zu haben, zieht auf jeden Fall eine schlechte Stimmung nach sich, wenn nicht sogar eine Depression eintritt bzw. Depressivität Ursache für fehlende Ziele ist. Was wäre aber das Ziel, auf das alles am Ende hinausläuft?

Foto: hinsehen.net Kloster Marienthal b. Wesel

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Kloster Marienthal b. Wesel

Darüber können uns die Wissenschaften nichts Verbindliches sagen. So erklären uns zwar immer detaillierter die Entwicklungsstufen des Lebens, wann z.B. das Mammut die Bühne betreten hat und wann es ausgestorben ist. Die Stufen, die dem Homo Sapiens vorausgegangen sind, werden durch Knochenfunde immer detaillierter erkennbar. Aber der Mensch lebt nicht im Blick zurück, sondern mit dem Blick nach vorne. Je jünger der einzelne, desto mehr entscheidet sich sein Leben in der Zukunft. Das zeigt sich an jeder Biographie:

Aus dem unfertigen Baby soll ein verantwortungsbewusster Erwachsener werden

In dem Moment, wo der Mensch seine Sexualität entdeckt, macht er sich selbst zum Auslaufmodell. Denn Kinder wachsen, entdecken in der Pubertät ihre Freiheit und wollen ihr Leben in die Hand nehmen. Die Alten müssen den Jüngeren das Feld überlassen. Erwachsen wird der Jugendliche, wenn er Verantwortung erst einmal für sich und dann auch für andere übernimmt. Komplexe Fähigkeiten werden vom Erwachsenen erwartet. Mit der beruflichen Kompetenz soll er, soll sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Gefordert wird die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen die einzelne viele Faktoren berücksichtigen und klug abwägen. Die Entscheidungen umzusetzen, erfordert den Umgang mit Widerständen. Schließlich braucht jedes Leben Motivation. Aber die gibt es nur mit einem überzeugenden Ziel.

Ein vollgültiger Mensch werden

Die auf Entwicklung angelegte menschliche Existenz erfordert Konzepte, was eigentlich das Ziel dieser „Arbeit an sich selber“ sein soll. Dazu haben Philosophen, Weisheitslehrer, Religionen wie auch die Begründer spiritueller Schulen eine Vielzahl von Idealbildern entworfen, auf die hin sich Menschen entwickeln sollen.
Die Religionen stellen dem einzelnen die Perspektive der Vollendung vor Augen und haben je eigene Entwicklungsmodelle entwickelt. Im Buddhismus wie schon im frühen Mönchtum der Christenheit werden sogar Stufen unterschieden, die der einzelne überwinden muss. Die Überwindung besteht in der Auseinandersetzung mit der eigenen Triebstruktur und den Charakterschwächen. Das Judentum konnte in seiner Weisheitsliteratur auf den ägyptischen und mesopotamischen Kulturkreis zurückgreifen. In der griechischen und römischen Kultur wurden u.a. Tugendkataloge formuliert, die von der Briefliteratur des Neuen Testamentes aufgenommen wurden. Auch unter den Humanisten, die ihre Lebenskonzepte nicht von einer Religion herleiteten, entwickelten auch Vorstellungen für die Reifung der menschlichen Person. Die Kunst erhielt in diesen Entwürfen einen besonderen Stellenwert. Aber nicht nur in der philosophischen und spirituellen Reflexion wird die Entwicklung des Menschen hin zu einer größeren Vollkommenheit thematisiert, sondern in allen Kulturen gibt es Vorstellungen, was aus dem Menschen werden soll. Diese Zielvorstellungen sind eng mit der Sinnfrage verknüpft.

Entwicklung braucht Antwort auf die Sinnfrage

Um die notwendige Anstrengung aufzubringen, ohne die hochgesteckten Ziele nicht zu erreichen sind, muss der einzelne das Ziel als sinnvoll einschätzen. Fehlender Sinn entzieht jedem Vorhaben die Kraft. Schon seit der Antike werden Stufen der Sinnerfahrung unterschieden. Der Basiswert ist das Überleben. Wenn das gesichert ist, geht es um Ausweitung des Freiheitsraumes, mehr Einfluss, mehr Geld, der Erste sein. Die Weisheitslehrer, z.B. Sokrates, sehen die Sinnerfüllung in der Befolgung der moralischen Normen. Diese Vorstellung liegt auch dem Shariakonzept zugrunde wie bereits dem jüdischen Verständnis der Gesetzestreue. Wenn der Mensch die auf Gott zurückgeführten Gebote möglichst konsequent erfüllt, findet er seine Vollendung und kann dann mit einer Belohnung durch Gott rechnen. Das Christentum betont zwar auch die Befolgung der Gebote, sieht aber in der Liebe die höchste Sinnverwirklichung, sowohl in der Liebe, die der einzelne empfangen und noch mehr in der, die der Mensch anderen geschenkt hat.

Für was der Aufwand, vollkommen zu werden?

Die Sinnverwirklichung macht den einzelnen zufrieden und lässt ihn die Anstrengungen vergessen.   Wir erleben das für die kurzfristigen Ziele. Eine Goldmedaille wiegt die Qualen des Trainings auf. Aber auch eine Geldsumme als Belohnung für eine berufliche Leistung gilt für uns als Belohnung. Gibt es auch für das Leben insgesamt ein Ziel, das den „ganzen Aufwand lohnt“? Liefern wir sozusagen eine vollendete Person am Ende dafür ab, dass uns das Leben geschenkt wurde? Oder können wir nur auf einige Höhepunkte zurückblicken, sozusagen die privaten Goldmedaillen unseres Lebens? Kann das Ende nur heißen, dass unser Leben sich auflöst, so wie unser Körper nach dem letzten Atemzug zerfällt? Wohin verschwindet der Lebensodem, der bis dahin den Körper zusammengehalten hat?

Die hier nur streiflichtartig dargestellten Vorstellungen über das Ziel des Menschen zeigen deutlich

  • Es braucht eine Antwort auf die Zielfrage, soll der Mensch die in ihm angelegte Entwicklung auch aktiv betreiben. Ohne Ziel keine Motivation.
  • Der Mensch ist auf Zukunft angelegt. Da die Wissenschaften Vergangenes erforschen, geben sie keine Antwort auf die entscheidende Zukunftsfrage: Worin besteht der Gesamtsinn meines Lebens?
  • Die Philosophie ist gefordert, auf die Sinnfrage eine Antwort zumindest zu suchen.

Man kann in naturalistischer Reduktion des Denkens antworten: Die Sinnfrage ist „in sich sinnlos.“
Dann verlässt man aber die Empirie. Denn mit dem Menschen ist die Sinnfrage immer schon da. Man kann sie, will man empirisch bleiben, nicht philosophisch wegdiskutieren. Deutlich ist auch: die Sinnfrage ist geradezu der Motor für das philosophische Nachdenken. Sollte sich die Philosophie nicht auf die Suche nach einer Antwort machen, anstatt den Menschen die Sinnfrage auszutreiben? Es gibt Philosophen, die sogar eine Antwort vorgelegt haben.

In einem nächsten Beitrag wird die Frage nach einem alles übergreifenden Ziel wieder aufgegriffen und die Lösung vorgestellt, die Immanuel Kant vorlegt, nachdem er in seinen verschiedenen Kritiken bisherige Konzepte als nicht tragfähig dargestellt hat. Kant geht wie Aristoteles und dann die amerikanische Verfassung vom Glücksverlangen des Menschen aus. Er sieht es als notwendig an, dass dieses Glücksverlangen zur Erfüllung kommt, nicht zuletzt deshalb, weil sich ethisches Verhalten lohnen muss.

Eckhard Bieger S.J.

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