Utopie der Hilflosen und Überzeugungstäter

Der Trend zu radikalen Ansichten und einer idealisierten Zeit vor der Industrialisierung äußert sich nicht nur in romantischen Ökologie- oder Hippiebewegungen, sondern ebenso bei den Rückwärtsbewegungen des türkischen Präsidenten Erdogan, der die Türkei in eine Vor-Kemal-Atatürk-Zeit re-revolutionieren will, den Islamisten, Fundamentalisten oder auch einem Donald Trump, der von absolutistischen Herrschern träumt. Auf der anderen Seite scheinen die Aufrechten zu stehen, die sich vernünftig geben, politisch engagiert sind, sich für die Flüchtlinge einsetzen, die Auswüchse des Kapitalismus beklagen, eine bewusstere Lebensweise einklagen, die Klimaerwärmung beklagen und anklagen, was ungerecht ist. Ob so oder so engagiert und von unterschiedlicher Ideologie beeinflusst, wollen die Macher die träge Masse bewegen. Was jedoch den unterschiedlichen Gruppierungen und Richtungen fehlt, das ist die Selbstdistanz. Viel zu sehr besteht der gesellschaftliche Diskurs daher aus Überzeugungskämpfen. Übersehen wird, was die Welt im Innersten zusammenhält und bewegt.

Fratze Rothenburg o.T. Foto: hinsehen.net

Fratze, Rothenburg o.T. Foto: hinsehen.net

Um ein Phänomen wahrnehmen zu können, sind bestimmte Voraussetzungen notwendig. Erstens muss sich der Wahrnehmende darüber Klarheit verschaffen, dass er selber Teil des Systems ist. Wenn er etwas wahrnimmt, bezieht er sich auf  einen Gegenstand, der zu seiner Umwelt gehört. Bedeutung und Funktion dieses Objekts sind nicht unabhängig von dem, wie der Beobachtende zu diesem Objekt steht, wie es ihn möglicherweise bedroht, erfreut, welche Emotionen es auslösen kann. Zweitens macht der Wahrnehmende Vorannahmen, der Gegenstand ist Teil einer Erfahrungsgeschichte und wird entsprechend eingeordnet. Drittens gibt es eine Wechselwirkung zwischen Beschreibung und Erkenntnis über den Gegenstand. Im Deutschen wirken Beschreibungen anders als im Chinesischen. Hieraus ergeben sich jedoch auch verschiedene Vorstellungen. Viertens wird jede Beschreibung an die Grenze von etwas Unbeschreibbarem geraten. Sprache ist eine Andeutung, aber nicht die Sache selbst. Und fünftens kann eine noch so disziplinierte und sachlich-objektive Annäherung von unbewussten Dynamiken gesteuert sein.

Der Kampf der Meinungen

Betreibt jemand Forschung, so kann er der Meinung sein, dass er keine Meinung vertrete, sondern nur Fakten beschreibe. In einem abgeschotteten Bereich, wie es ein Kloster oder eine Universität in früheren Zeiten darstellte, mag dies ansatzweise der Fall gewesen sein, weil der Einfluss von außen gering gehalten werden konnte. Man forschte und dachte in einem kleinen Kreis von Mitwissenden. Im digitalen Zeitalter ist Wissen jedoch fast unbeschränkt zugänglich. Jeder kann sich eine Meinung bilden, ohne einen Nachweis darüber erbringen zu müssen, dass er in der Lage ist, intellektuell das Phänomen erfasst zu haben. Neil Postman sah hierin den grundlegenden Unterschied vom Fernsehen zum Buch. Das Lesen muss der Mensch erst lernen, das auf den Bildschirm schauen kann der Mensch ohne jegliche Vorbildung. Um im digitalen Zeitalter mithalten zu können, muss man sich schnell eine Meinung bilden, beim Googlen wird die Nachricht nicht gelesen, sondern in kurzen Augenblicken auf ihe Verwertbarkeit hin geprüft. Eine Meinung zu haben, erscheint daher wichtiger als sich in einem Bereich tatsächlich auszukennen. Ein Effekt davon ist, dass bei etwas näherem Hinschauen linke nicht mehr von rechten Positionen und progressive nicht von konservativen Einstellungen zu unterscheiden sind. Umso heftiger wird ein Meinungskampf geführt, bei dem zur inneren Stabilität die moralische Aufrichtigkeit dient. Der Gegner im Kampf um die „richtige“ Sicht ist dann nicht einfach nur dumm, sondern moralisch nicht integer. Einige Streiflichter der öffentlichen Diskussion zeigen jedoch recht schnell, dass eher die Dummheit von ausschlaggebender Bedeutung ist. Wenn argumentiert wird, dass der Islam die Aufklärung nicht durchlitten habe, dann ist dieses Argument zwar nicht ganz falsch, es sagt jedoch nichts über die Wahrheiten im Islam aus. Solche Fehlschlüsse und schwachen Argumente sind zur Gewohnheit geworden. Insbesondere die Digitalisierung und Technisierung werden mit schwachen Argumenten vertreten. Dabei kann diese Argumentation auch nicht mehr mit einer Kritik der zynischen Vernunft erklärt werden.  Auch die Behauptung, man müsse „da halt mitmachen“, da man sonst den Anschluss verliere und gar kein Gehör mehr finden würde, geht an der Frage vorbei, ob es schlimm sei, wenn man den Anschluss verliere und welches Ziel denn verfolgt wird. Die Analyse des Phänomens wird dem Dabeisein geopfert.

Intellektuelle Redlichkeit

Einem Phänomen in sachlicher Distanz nachzugehen, bedeutet sich den eigenen Narzissmus bewusst zu machen, mögliche Konfrontationen zu wagen und nicht schon im vorauseilenden Gehorsam diplomatisch zu umgehen.  Es bedeutet, die eigene Meinung zu formulieren und sie gerade deswegen nicht zur handlungsleitenden Maxime erheben zu können. Es wird die Möglichkeit eines unbegreiflichen und absurd erscheinenden Zusammenhangs angenommen. Dabei kann manchmal schmerzhaft erfahrbar werden, dass die eigenen Anschauungen im Grundsatz mit der gegnerischen Seite vereinbar sind. Die Angst, dass man in vielen Punkten mit einem Gewaltherrscher, einem Mörder, einem Soldaten, einem Päderasten übereinstimmen könnte, wird angegangen und nicht weggeschoben. Es wird dafür auch keine schnelle Erklärung gesucht, sondern diese Ambiguität ausgehalten. Islamisten und die freundlichen Menschen, die Flüchtlinge aufnehmen, verdrängen die Zwischentöne und verstärken so die Gegensätze. Dass man die einen als böse und die anderen als gut bezeichnet, verändert das Phänomen nicht.

Die dunkle Seite

Jeder Mensch hat seinen blinden Fleck oder sein Geheimnis. Menschen haben ihre dunkle Seite und andere wollen darüber Aufklärung erreichen. Martin Heidegger hat als „Schüler“ Husserls vielleicht am deutlichsten spürbar gemacht, was die epoché oder „zu den Dingen selbst“ bedeuten kann. Seine Rolle bei den Nazis hat er nie wegerklärt, er hat sich dafür nicht entschuldigt oder irgendwelche persönlichen Irritationen ins Feld geführt. Er beließ es einfach dabei und zwingt damit die nachfolgenden Generationen dazu, entweder auf seine Philosophie zu schauen oder auf seine Biografie. Ebenso, nur im therapeutischen Sinne, hat es Osho gemacht, der sich mit Luxusgütern umgab und seine „Jünger“ in den Engpass brachte, sich genau davon nicht vom Kern ablenken zu lassen. Diese dunkle Seite sein zu lassen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um ein Phänomen sachgerecht beschreiben und erfassen zu können.

Die schwachen Utopisten

Die dunkle Seite macht Angst, kann in den Wahnsinn oder auch zu grausamen Taten führen. Wer sich zu den Sachen selbst begibt, muss damit rechnen, dass ihn die Sachen auch ergreifen. Menschen, die sich politisch korrekt ausdrücken wollen, die klar unterscheiden zwischen richtig und falsch, wissen, wer der Böse ist. Sie entwickeln damit eine schwache Utopie. Es ist die Zukunftsvision von Hilflosen und Überzeugten, die sich in ihren Narzissmus mehr und mehr verstricken, die kein verwirrtes Erstaunen zeigen, wenn sie an die Machbarkeit glauben. Der technische Fortschritt und die Parallelwelt des Digitalen, mit der Möglichkeit Virtualität und Realität in eins zu bringen, muss sie an ihrer Weltsicht nicht zweifeln lassen. Der Rest steht da und ist so klug als wie zuvor.

Thomas Holtbernd

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