Terror ist auch nur eine Fitnessübung

Bei der üblichen Deutung des modernen Terrorismus werden vor allem inter- und intrareligiöse Konflikte als Ursachen angenommen. Als mitbedingend für die Verschärfung oder die Zunahme des Terrorismus wird die wirtschaftliche Schieflage beurteilt, die vor allem das Nord-Südgefälle und die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich betrifft. Die erlebte Hilflosigkeit in der Abwehr gegen terroristische Aktionen, wie bei den Terrorakten in Würzburg, Nizza, Paris u. a. zeigt möglicherweise, dass die als offensichtlich angenommenen Erklärungen einen falschen Ausgangspunkt gewählt haben. Dieser kann als blinder Fleck oder anders formuliert als Verdrängung einer Glaubensspaltung erkannt werden. Wobei das Besondere dieser Häresie das fehlende Element einer religiösen Orientierung im eigentlichen Sinne ist. Die Reaktion auf eine drohende Glaubensspaltung ohne religiösen Inhalt äußert sich „liturgisch“ als Fitnessübung. Terroristische „Handlungen“ sind auf dieser Ebene gleichzusetzen mit dem Gang ins Fitnessstudio, dem Ironman, der Fahrt mit dem Mountainbike durch unwegsames Gelände, dem Einhalten einer Diät oder auch dem Kauf ökologischer Produkte im Supermarkt.

Die deutlichste Verdrängung der Glaubensspaltung lässt sich im Umgang mit der Natur ausmachen. Natur wird auf der einen Seite als gut definiert und auf der anderen Seite hat sich eine Ideologie entwickelt, genau diese Natur zu bezwingen und sie in Gegensatz zur Kultur zu setzen, obwohl der Mensch durch sein Dasein Natur von Beginn an in Kultur verwandelt hat. Die Natur gibt es als solche nicht. Inzwischen ist die Veränderung der Lebensbedingungen durch den Raubbau an der Natur nicht mehr zu übersehen. Die Ressourcen schwinden, die Menschen verbrauchen mehr Energie und Wertstoffe als die „Natur“ wiederherstellen kann. Das Klima hat sich für jeden Erdbewohner spürbar verändert, auch wenn die Folgen für einzelne Länder der Erde unterschiedlich sind. Die Reaktion hierauf ist nun keineswegs eine gewisse Demut vor der „Natur“ und ein Rückzug, um der geschundenen Natur etwas Ruhe zu gönnen. Die Antwort sind Fitnessübungen im Umgang mit der Natur. Mit dem Fahrrad werden unzugängliche Waldgebiete erkämpft, Skifahrer erobern Schneegebiete, die nur mit dem Hubschrauber zu erreichen sind, Wettkämpfe finden nicht mehr nur im Sportstadion statt, sondern überall dort, wo mit den Unwägbarkeiten der Natur gerungen werden kann. Gesundheit und Fitness sollen Schutz gegen die Natur bieten. Einem einvernehmlichen Umgang mit der Natur wird die körperliche Fitness entgegengesetzt. Wer sich hierin nicht übt, wird als Sportmuffel geächtet, von den Krankenkassen ermahnt oder gar als Ignorant denunziert, weil er die Zeichen der Zeit nicht wahrgenommen habe und sich der Selbstverantwortung für seine Gesundheit entzöge.

Das Sterben der Zeitungen als asketische Reaktion

Die Informationsflut durch die digitalen Medien, der Zugang zum aktuellen Wissen für jeden, der einen Internetzugang hat und die Unmöglichkeit, diese Mengen an Nachrichten zu ordnen und zu bewerten, verlangen Übungen der Einschränkung. Der Verzicht auf die ständige Mitnahme und den Gebrauch eines Smartphones allerdings führt zu einem Bruch mit der Kommunikationsgemeinschaft und zu einer möglichen Gefährdung, weil bei Anschlägen die Polizei über dieses Medium Verhaltensregeln und „lebenswichtige“ Tipps verschickt, wie dies beim Attentat in München eingeübt wurde. Es gibt für asketische Übungen daher eine deutliche Einschränkung. Medien, die nicht für eine unmittelbare und zeitlich nicht verzögerte Informationsvermittlung dienen können, eignen sich für den Verzicht, zumal die Nachricht nicht nur aus einer kurzen Mitteilung besteht und nicht den Aufwand einer zeitlich länger währenden Aufmerksamkeit verlangt. Das oberflächliche Informiertsein hat eine größere lebenspraktische Notwendigkeit als eine tiefergehende Auseinandersetzung, die Hintergründe und Ursachen erklären könnte. Denn im konkreten Fall eines Anschlags kann man das eigene Leben nicht durch ein Wissen um die Bedingungen solcher Entwicklungen retten, sondern durch kurze Infos aus der digitalen Welt. Wie in einem Fitnessstudio werden Kondition und Kraft trainiert, indem regelmäßig und konsequent auf das Smartphone geschaut als auch auf die Verlässlichkeit der Beantwortung von Nachrichten geachtet wird.

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Du sollst dein Leben nicht ändern

Das Üben in den Fitnessstudios, im Umgang mit den digitalen Medien, im Einhalten der Diätregeln usw. ist nicht auf eine grundlegende Änderung bedacht, sondern auf den Erhalt der Leistungsfähigkeit. Das Einhalten der Gebote eines angeblich „gesunden“ und „guten“ Lebens ist gefragt. Der Gott, dem mit diesen Übungen gehuldigt wird, ist sehr streng, denn einmal die Diät nicht eingehalten, erfolgt die Strafe sofort. Im Unterschied zu der gewohnten Art von Religion gibt es keine verfasste Glaubensgemeinschaft, keine als Priester definierte Personen, es werden keine Glaubenssätze ex cathedra verkündet. Gebote ergeben sich aus der Dynamik von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Marketinggesetzen. Alles Üben dient dem Erhalt, ist nach rückwärts gerichtet. Jeder Akt, der eine Änderungsbereitschaft offenbaren könnte, wird durch Terror, hier als Schrecken verstanden, beantwortet. Hysterische Reaktionen auf mögliche Risiken werden zu Überzeugungen. Es entsteht ein Vorfeld von Gefahren, das so sehr aufgeladen ist, dass die tatsächlichen Verhältnisse kaum noch erkennbar sind. Ein Gewaltakt, der von einem psychiatrisch veränderten Menschen ausgeübt wird, wird schnell als religiös motiviert gekennzeichnet. Er ist dies auch, aber nur, wenn man das Religiöse als das emotional aufgeladene Vorfeld einer mit Risiken und Gefahren verbundenen Veränderung definiert. Das Verhalten der Terroristen ist vergleichbar mit dem der Fitnessgläubigen und Gesundheitsfanatiker. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass die Terroristen harmloser sind. Sie sind durch die offensichtliche Gewaltanwendung erkennbar und areligiös, sowohl was ihre angebliche Verankerung im Islam als auch was die enge Verbindung mit dem o. g. Vorfeld von Gefahren angeht. Die Terroristen sind eindeutiger als Symptom eines kranken Systems zu erkennen als die, die sich anscheinend konstruktiv und kooperativ um das System bemühen. Weil aber die Verdrängungsleistung der „Guten“ perfekt funktioniert, wird der Terrorismus als große Gefahr definiert und die Energie für das Aufbauen von Schutzmaßnahmen investiert, anstatt die größere Herausforderung, den Umgang mit der Natur, als notwendige Veränderung zu begreifen.

Glaubensspaltung

Wie in jeder Religion gibt es nach einer euphorischen Anfangsphase einen Streit um Wahrheiten. Eine Religion hat sich etabliert, die Ansprüche verlieren ihre Bedeutung, die neue Religion hat sich institutionalisiert, die Aufrechterhaltung der Organisation wird wichtiger als die spirituelle Ausrichtung. Heutige kirchliche Einrichtungen sind nach betriebswirtschaftlichen und marketinggerechten Prämissen aufgebaut, bischöfliche Verwaltungen funktionieren wie Konzernzentralen, Spiritualität wird als Angebot verstanden, das man möglichst kundenfreundlich gestalten will. Religiosität wird zu einer Dienstleistung. Glaubensspaltungen als Rückkehr zum Eigentlichen der Glaubensüberzeugungen kennzeichnen die Religionsgeschichte. Anders der heutige Terror. Er ist eine Übung, es nicht zu einer solchen Glaubensspaltung kommen zu lassen, also zu der Erkenntnis, dass eine Radikalisierung der Lebenseinstellungen Sinn macht und eine Rückbesinnung auf das notwendig ist, was den Menschen als Kulturwesen und nicht als ein „Gegenüber“ zur Natur ausmacht. Islamisten wollen eine verfasste Religion schaffen, ein Kalifat, durch das Glaubensspaltungen abgewehrt werden können während sich der „normale Bürger“ sich im alltäglichen Terror übt, um das, was als Rückbesinnung jeder Glaubensspaltung vorausgeht, nicht sehen zu müssen. Reformer, wie z. B. Martin Luther, hatten nicht im Sinn, den Glauben abzuschaffen, sondern zu radikalisieren, d. h. sich auf die Wurzeln zurückzubesinnen. Es scheint, die moderne Welt hat Reformation durch Terror ersetzt. Der Schrecken der Oberflächlichkeit müsste jeden denkenden Menschen in Aufruhr bringen, die offensichtliche Schädigung der Natur müsste jeden mitfühlenden Zeitgenossen in Panik versetzen und zu radikalen Veränderungen in seiner Lebensweise veranlassen. Das aber verhindert der Terror vor allem derer, die den Terrorismus als religiöse Auseinandersetzung im herkömmlichen Sinne verstehen wollen und die den auf den ersten Blick nicht erlebbaren Terror von Konsumismus, Oberflächlichkeit, Ichbezogenheit und die als Ökologie bezeichnete Gefühlsduselei verdrängen. Stattdessen befleißigen sich Terroristen wie normale „Gutbürger“ der Fitnessübungen, die einen sprengen sich in die Luft, die anderen laufen im Fitnessstudio auf einem Laufband und kommen keinen Schritt voran. Beide stellen ihren Körper in den Vordergrund und sind stolz auf ihre „Fitness“. Und wenn man es ganz sarkastisch beschreiben will, die einen lassen sich Bärte wachsen, um der wilden Natur zu huldigen, die anderen sind überall rasiert, um sich im Glauben zu wiegen, die Natur im Griff zu haben. Beide Gruppen sind Terroristen vergleichbar, sie zerschlagen die unauflösliche Einheit von Natur und Kultur, sie betreiben ihre Fitnessübungen bis zur totalen Selbstaufgabe und zerstören dabei die wertvollsten menschlichen Kulturgüter, die einen Tempel und Kirchen, die anderen Tugenden und durch geistige Anstrengungen erworbene Erkenntnisse über das Leben und den Menschen.

Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Terror ist auch nur eine Fitnessübung

  1. Fitness und Narzissmus…
    ist es nicht der „Glaubens-Wahn“ des sich die,ob eigene oder fremde „Natur/Erde untertan “ machen müssen zu können ?
    Somit befänden sich die säkulare Gesellschaft ebenso wie die Theokratien im Terror des Glaubenswahnsinns…

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